Libyen-Ticker Das Minutenprotokoll der Revolution

Es ist ein Hilferuf an die Welt: Der von Aufständischen gegründete Nationalrat fordert von der internationalen Gemeinschaft, eine Flugverbotszone über Libyen einzurichten. Die Kämpfe werden immer heftiger - in Sawija haben Gaddafis Truppen einem Arzt zufolge ein "Massaker" angerichtet.

AP

+++ Studenten in Gaddafi-Hochburg Sirte bewaffnen sich +++

[00.50 Uhr] Am Samstag seien zum ersten Mal auch tagsüber Schüsse in Gaddafis Geburtsstadt Sirte zu hören gewesen, berichtet Dr. Sunita Singh von der Universität in Sirte der BBC. Singh berichtet, jeder Student trage mittlerweile eine Waffe, um sich im Falle eines Angriffs zur Wehr setzen zu können. "In der letzten Woche erhielt jeder junge Mann eine Waffe zur Selbstverteidigung." Viele Studenten seien nicht mehr zu den Vorlesungen erschienen. "Sie sagten, sie hätten Nachtschichten, sie bewachten die Stadt", so Singh. "Sie wissen, der Kampf hat sie erreicht und sie müssen ihn kämpfen."

+++ Gaddafi-Gegner: Wir brauchen Telekommunikationsgeräte +++

[00.45 Uhr] Salem Saleem, ein Gaddafi-Gegner aus Tripolis, fasst die Forderungen der libyschen Opposition laut BBC folgendermaßen zusammen: "Die Anerkennung des Nationalen Rats als einzige legitime Volksvertretung, die Einrichtung einer Flugverbotszone sowie die Unterstützung der Opposition mit Telekommunikationsgeräten und Informationen zu Bewegungen der Gaddafi-Truppen." So könne die internationale Gemeinschaft den Aufständischen helfen.

+++ BBC zitiert Forderungen des Gaddafi-Gegners Salem Saleem +++

[00.30 Uhr] Wie die internationale Gemeinschaft uns helfen kann: Durch eine Anerkennung des Nationalen Rats als einzige legitime Volksvertretung, die Einrichtung einer Flugverbotszone und die Unterstützung der Opposition mit Telekommunikationsgeräten und Informationen zu Bewegungen der Gaddafi-Truppen.

+++ Angespannte Stimmung in Sawija +++

[00.20 Uhr] Rebellen berichten laut BBC, die Panzer von Gaddafis Truppen hätten sich plötzlich aus dem umkämpften Stadtzentrum von Sawija zurückgezogen. Die Gründe seien unklar. Viele Gebäude in der Stadt seien bei den Kämpfen am Samstag beschädigt worden oder brannten. "Die Elektrizität läuft wieder", sagte Mohammed, ein Einwohner Sawijas, gegenüber BBC. " Ich habe gehört, dass Gaddafis Truppen den Ost- und Westeingang von Sawija bewachen. Wir erwarten heute Nacht einen Angriff, falls sie es tun, sind wir bereit", so Mohammed.

+++ Westerwelle fordert weitere Sanktionen +++

[21.55 Uhr] Bundesaußenminister Guido Westerwelle hat weitere Sanktionen gegen die libysche Führung um Machthaber Muammar al-Gaddafi gefordert. Der Uno-Sicherheitsrat müsse sich erneut mit der Lage in dem nordafrikanischen Land befassen, sagte Westerwelle der "Welt am Sonntag". Die bisher beschlossenen Uno-Sanktionen reichten demnach nicht aus. "Die Geldflüsse müssen unterbunden werden", forderte Westerwelle. Bei allen Aktionen sei jedoch klar, dass das Handeln der internationalen Gemeinschaft durch den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen autorisiert werden müsse. Zudem werde nichts ohne die Zustimmung von Libyens Nachbarn möglich sein, so Westerwelle.

+++ "Bitte helft uns, wir sterben hier" +++

[20.33 Uhr] Das Nötigste wird knapp: Einwohner der zweitgrößten Stadt Bengasi haben immer größere Schwierigkeiten, an frische Nahrungsmittel, Medikamente und insbesondere an Trinkwasser zu kommen, berichtet BBC. Auch aus der heftig umkämpften Stadt Sawija meldet der Fernsehsender dramatische Hilferufe: "Bitte helft uns, wir sterben hier. Alles, was wir brauchen, sind medizinische Hilfe und Nahrungsmittel, bitte helft", schreibt Ahmed Al Ghzieri aus Sawija.

+++ Rebellenrat fordert Flugverbotszone +++

[19.57 Uhr] Es ist ein Hilferuf an die restliche Welt: Der von Aufständischen in Libyen gebildete Nationalrat fordert die internationale Gemeinschaft auf, eine Flugverbotszone über dem Land einzurichten. Staatschef Muammar al-Gaddafi solle auf diese Weise daran gehindert werden, "sein eigenes Volk zu bombardieren", hieß es aus Kreisen der Aufständischen in der östlichen Metropole Bengasi. Ein Eingreifen ausländischer Truppen auf libyschem Boden werde hingegen strikt abgelehnt. Dem Nationalrat gehören 31 Komitees aus "befreiten" Städten an. Das Gremium tagte am Samstag erstmals an einem geheimen Ort in der von Regimegegnern kontrollierten Hafenstadt Bengasi. AFP berichtet, der Nationale Libysche Rat habe sich zum alleinigen offiziellen Vertreter des Landes erklärt.

+++ Arzt berichtet von Massaker in Sawija +++

[19.52 Uhr] Gaddafi-Truppen haben in der umkämpften Stadt Sawija offenbar ein Blutbad angerichtet. "Das ist ein echtes Massaker. Die Lage ist katastrophal", sagte ein Arzt in einem Telefonat mit der Nachrichtenagentur AFP. Die Truppen des Diktators hätten in der etwa 60 Kilometer westlich der Hauptstadt Tripolis gelegenen Stadt viele Menschen umgebracht. "Sie haben meine Tochter getötet", berichtete der Arzt unter Tränen.

+++ Tausende Rebellen auf dem Weg nach Sirte +++

[19.43 Uhr] Das Ziel heißt Sirte: Laut Twitter berichtete ein Anrufer dem TV-Sender Al-Arabija, dass Tausende Rebellen auf dem Weg in die Geburtsstadt von Muammar al-Gaddafi seien, um es dort mit den Regimetreuen und den Söldnern des Diktators aufzunehmen.

+++ Frankreich berät mit Großbritannien über No-Fly-Zone +++

[19.27 Uhr] Frankreich schließt sich offenbar der Forderung Großbritanniens nach einer Flugverbotszone über Libyen an: "Wir arbeiten mit den Briten in New York an einer Uno-Resolution für ein Überflugverbot, um Bombardements zu verhindern", sagte der neue französische Außenminister Alain Juppe in Bordeaux. Deutschland steht einer Flugverbotszone skeptisch gegenüber. Ein "robuster Einsatz" in dem nordafrikanischen Land sei nur mit einem Mandat der Vereinten Nationen denkbar, sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes am Freitag.

+++ Nationaler Libyscher Rat betont Alleinvertretungsanspruch +++

[19.05 Uhr] Die Aufständischen strukturieren sich und wollen so das Gaddafi-Regime schwächen: Der Nationale Libysche Rat hat sich zum alleinigen offiziellen Vertreter des Landes erklärt, berichtet AFP. Ein Krisenstab mit drei Mitgliedern wurde gebildet, mit klaren Zuständigkeiten für militärische Angelegenheiten und außenpolitischen Kontakten.

+++ Libyscher Diplomat läuft zu Aufständischen über +++

[18.48 Uhr] Ein weiterer Diplomat des Gaddafi-Regimes wendet sich vom Machthaber ab: Ein hochrangiger in Namibia stationierter Diplomat sei in ein Mittelmeerland geflohen, um sich der Opposition anzuschließen, sagte eine namibische Menschenrechtsorganisation AFP. Der Diplomat habe große Angst davor gehabt, vom libyschen Geheimdienst entführt zu werden.

+++ Aufständische führen Reporter zu Flugzeugwrack +++

[18.42 Uhr] Aufständische haben einen Reuters-Reporter zum Wrack eines Kampfflugzeugs geführt. Die Aufständischen haben die Maschine nach eigenen Angaben nahe Ras Lanuf abgeschossen. Der Reporter berichtet, er habe auch die toten Insassen gesehen. Ihnen sei der Kopf zum Teil abgerissen worden. Ein sudanesischer Pass sei ihm gezeigt worden, den Aufständischen zufolge gehörte er dem Piloten. Regierungsgegner bezichtigen Gaddafi, er setze afrikanische Söldner gegen sein Volk ein.



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insgesamt 119 Beiträge
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Seite 1
ratxi 05.03.2011
1. Vielleicht...
Zitat von sysopSchwere Gefechte erschüttern Libyen: Gaddafi-Truppen haben am Morgen die Stadt Sawija angegriffen - die Rebellen konnten sie offenbar zurückschlagen. Dichter schwarzer Rauch hängt über dem Ort. Die Angst vor der nächsten Attacke wächst.*Verfolgen Sie die Ereignisse im Liveticker. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,749259,00.html
...sollte die Welt abwarten, bis Gaddafi Zehntausende massakriert hat, und dann später geloben, es nächstes Mal besser zu machen. Wir können uns ja schon mal Argumente zurecht legen, dass wir ja von nichts wussten, aber ja immer taten, was wir konnten, nur leider nichts tun konnten...
Emmi 05.03.2011
2. Frage der Ressourcen...
Dieser Kampf könnte auch durch die Frage der Ressourcen (Lebensmittel, Waffen, Munition, Treibstoff) entschieden werden. Wenn die Rebellen diesbezüglich ins Hintertreffen geraten sollten, könnte sich der Westen verpflichtet fühlen, zu helfen. Man sollte aber dieses Mal genau hinschauen, wem man hilft (mahnendes Beispiel: Afghanistan!)...
giovanni47 05.03.2011
3. Live-Ticker
Bin ich da altmodisch? Zu empfindlich, wenn mich diese "Live-Ticker"-Berichterstattung fatal an Bundesliga-Berichte erinnert? 1:0 für die Rebellen, aber Gaddafis Stürmer kontern? Bürgerkrieg als quasi Sport-Event.. Ist wohl heutzutage so. Aber ein makaberer Beigeschmack bleibt.
AlHarb 05.03.2011
4. kurios
Das bemerkenswerte ist ja mittlerweile, dass vereinzelt Aufforderungen zu einer "neutraleren" Berichterstattung aufkommen. Anscheinend haben Gaddafis Presseschauspiele und Saifs Beschwichtungen doch Wirkung gezeigt. Die afrikanischen Söldner sind auf einmal spurlos verschwunden oder werden als Einheimische deklariert - Kritik daran sei purer Rassismus. Mir scheint, als achte der Clan Gaddafi sehr genau auf die ausländische, sprich westliche Berichterstattung, um bei einem späteren Kriegsverbrecherprozess aus Mangel an konkreten Beweisen ungeschoren davon zu kommen.
ZeroQ 05.03.2011
5. Bürgerkrieg
Am Anfang hatte man gedacht, dass sich Gaddafi nicht lange halten würde. Aber mittlerweile hat er gezeigt, dass er nicht kampflos aufgeben wird. Für mich ist das keine Revolution mehr, sondern ein Bürgerkrieg. Ein Bürgerkrieg um das Öl. Denn wer das Öl besitzt, kann es verkaufen und das bringe demjenigen Geld.Sehr viel Geld. Mir kommt es so vor als würden viele nur noch um das Öl kämpfen oder wieso hat hält der Westen des Landes immer noch zu Gaddafi. Wird wohl wie im us-amerikanischen Bürgerkrieg. Nur hier kämpft der Osten gegen den Westen.
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