Tripolis: Libyens Übergangsrat gibt Macht an Parlament ab

Von Raniah Salloum

Es ist ein großer Tag für Libyen: Der Übergangsrat tritt ab und übergibt die Macht an die gerade gewählten Abgeordneten des Nationalkongresses. Die Parlamentarier müssen nun etliche Baustellen angehen, die öffentliche Sicherheit etwa - und die Bildung einer neuen Regierung.

Letzte Arbeiten am neuen libyschen Parlament: Friedlicher Abgang des ÜbegangsratsZur Großansicht
REUTERS

Letzte Arbeiten am neuen libyschen Parlament: Friedlicher Abgang des Übegangsrats

Tripolis - Es ist das wichtigste Versprechen des libyschen Übergangsrats, und an diesem Mittwoch soll es nun eingelöst werden: die Machtübergabe an das neu gewählte Parlament, den Nationalkongress.

Zu der feierlichen Zeremonie werden die Abgeordneten aus dem ganzen Land in Libyens Hauptstadt Tripolis anreisen, in ihren besten Anzügen und Trachten, denn es ist ein bedeutungsvoller Moment. Die Parlamentarier sollen am Abend vor laufenden Kameras vereidigt werden. Die Männer und Frauen sollen die erste demokratisch legitimierte Regierung des Landes bestimmen.

Mit der Machtabgabe soll die Aufgabe des Übergangsrats erledigt sein. Das Gremium hatte sich zu Beginn der Aufstände gegen Muammar al-Gaddafi konstituiert, um die Rebellen auf der politischen Bühne zu vertreten. Die Ratsmitglieder hatten jedoch versprochen abzutreten, sobald ein neu gewähltes Parlament zusammentritt, und eben nicht selbst an Gaddafis Stelle zu treten.

Das von ihnen verabschiedete Wahlgesetz verbot Mitgliedern des Übergangsrats sogar ausdrücklich eine Kandidatur für den Nationalkongress - ebenso wie früheren hochrangigen Repräsentanten des Gaddafi-Regimes. Der Abgang des Übergangsrats ist ein weiterer Erfolg der Libyer, nach einer mit 65 Prozent überraschend hohen Wahlbeteiligung bei der Abstimmung am 7. Juli.

Das Datum für die Vereidigung ist nicht zufällig gewählt: Die 200 Abgeordneten treffen nach dem islamischen Kalender am 20. Tag im Monat Ramadan zusammen, dem Jahrestag des Sturms von Tripolis 2011 und dem Jahrestag der Einnahme von Mekka durch muslimische Truppen unter Prophet Mohammed. Das Datum macht klar, dass der Islam im neuen Libyen eine Rolle spielen soll - auch wenn eine verfassungsgebende Versammlung die Details noch aushandeln muss. Außer der Vereidigung wird es am Mittwoch voraussichtlich nicht zu weiteren Entscheidungen kommen.

Die wichtigsten Aufgaben, die nun auf den Nationalkongress zukommen:

  • Bildung einer Regierung: Innerhalb der kommenden 30 Tage soll ein Premierminister bestimmt werden, und das könnte schwierig werden. Von den 200 Sitzen sind lediglich 80 durch Parteilisten besetzt. Von ihnen ist Mahmud Dschibrils moderate Allianz der Nationalen Kräfte mit 39 Sitzen die stärkste Gruppe. Die übrigen 120 Sitze werden von größtenteils unbekannten Einzelkandidaten besetzt. Wer mit wem koalieren wird, ist offen. Dschibril hat angekündigt, eine Große Koalition aller Kräfte anstreben zu wollen. Er selbst kann nicht Premier werden: Als Ex-Mitglied des Übergangsrats durfte er nicht für den Nationalkongress kandidieren.
  • Wahlen der verfassungsgebenden Versammlung: Der Nationalkongress ist nicht dafür zuständig, eine neue Verfassung zu schreiben. Der Übergangsrat hat in letzter Minute entschieden, dass dafür von den Libyern ein weiteres Gremium gewählt werden soll. Jede der drei libyschen Provinzen soll dafür 20 Vertreter stellen, obwohl die Provinzen unterschiedlich viele Einwohner haben. Der Nationalkongress muss nun entscheiden, ob er dieser Weisung des Übergangsrats Folge leistet, und dann gegebenenfalls die Wahlen bald organisieren.
  • Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit: Die meisten Milizen, die am bewaffneten Aufstand gegen Gaddafi beteiligt waren, haben ihre Waffen bisher nicht niedergelegt. Außerhalb von Tripolis kommt es immer wieder zu bewaffneten Zusammenstößen. Die neue Regierung wird - wie bereits der Übergangsrat - versuchen, Teile der Milizen in die neue Sicherheitsstruktur zu integrieren. Wahrscheinlich wird der Nationalkongress auch Sozialprogramme auflegen, die durch die Öl-Einnahmen finanziert werden, um für Ruhe zu sorgen. Dauerhaft Frieden wird es wohl nur geben, wenn es gelingt, jungen Libyern gute Perspektiven zu eröffnen.
  • Reform der Justiz: Noch immer halten Milizen zahlreiche Gaddafi-Anhänger und Männer, die sie dafür halten, in ihrer Gewalt - ohne rechtsstaatliches Verfahren. Gaddafi-Sohn Saif al-Islam wird von einer Miliz gefangen gehalten, die seinen Kontakt zum Internationalem Strafgerichtshof einschränkt, der eigentlich für seinen Prozess verantwortlich ist. Rebellen genießen Schutz durch ein Amnestie-Gesetz, Verbrechen wurden daher nicht immer geahndet. Doch es wird schwer, sich mit den Milizen anzulegen. Wenn die internationale Gemeinschaft allerdings Druck macht, muss sich der Nationalkongress wohl mit dieser Problematik befassen.

Wie lang die Lebensdauer dieses Nationalkongresses ist, ist noch unklar. Ursprünglich war vorgesehen, dass bis zum Winteranfang eine neue Verfassung verabschiedet wird. Auf ihrer Basis sollte dann eine neue Regierung gewählt werden, denen der Nationalkongress dann seinerseits die Macht übergibt. Der Zeitplan ist ambitioniert, den schließlich ist die verfassungsgebende Versammlung noch nicht einmal gewählt.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
Auf anderen Social Networks teilen
  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
insgesamt 17 Beiträge
Thom-d 08.08.2012
Tolles Schauspiel. Die vom Westen an die Macht gebombten islamistischen Terroristen organisieren eine manipulierte Wahl, um sich selber zu legitimiren und die Welt soll Beifall klatschen? Mittlerweile sind viele dieser Terroristen [...]
Tolles Schauspiel. Die vom Westen an die Macht gebombten islamistischen Terroristen organisieren eine manipulierte Wahl, um sich selber zu legitimiren und die Welt soll Beifall klatschen? Mittlerweile sind viele dieser Terroristen in Syrien damit beschäftigt, dasgleiche dort zu wiederholen
Reiner_Habitus 08.08.2012
Sie wissen ab er schon, dass bei den Parlamentswahlen die sekulären Kräfte gesiegt haben....
Zitat von Thom-dTolles Schauspiel. Die vom Westen an die Macht gebombten islamistischen Terroristen organisieren eine manipulierte Wahl, um sich selber zu legitimiren und die Welt soll Beifall klatschen? Mittlerweile sind viele dieser Terroristen in Syrien damit beschäftigt, dasgleiche dort zu wiederholen
Sie wissen ab er schon, dass bei den Parlamentswahlen die sekulären Kräfte gesiegt haben....
Thom-d 08.08.2012
Sekular ist sehr relativ was Libyen betrifft. Jedenfalls haben die gewonnen, die den gegenüber den USA am willfährigsten sind
Zitat von Reiner_HabitusSie wissen ab er schon, dass bei den Parlamentswahlen die sekulären Kräfte gesiegt haben....
Sekular ist sehr relativ was Libyen betrifft. Jedenfalls haben die gewonnen, die den gegenüber den USA am willfährigsten sind
kingston007 08.08.2012
Alles Legetim mit Westlichem Geld kam der nicht "Nationale Rat" an die Macht und mit Weslichem Geld gaben sie die Macht am Parlament ab, die Westliche Interessen dienen also alles Gut... Ob nun immer noch Menschen [...]
Alles Legetim mit Westlichem Geld kam der nicht "Nationale Rat" an die Macht und mit Weslichem Geld gaben sie die Macht am Parlament ab, die Westliche Interessen dienen also alles Gut... Ob nun immer noch Menschen Sterben Interessiert jetzt keinen mehr da dies der Demokratie dient!
cabo_de_agua 08.08.2012
In einer Region, wo der Islam eine prägende Religion ist, sind derartige religiöse Planungen wohl so selbstverständlich, wie ein Grüß-Gott in Bayern. Da nach Säkularisierung zu suchen halte ich für überflüssig. Eine Trennung von [...]
In einer Region, wo der Islam eine prägende Religion ist, sind derartige religiöse Planungen wohl so selbstverständlich, wie ein Grüß-Gott in Bayern. Da nach Säkularisierung zu suchen halte ich für überflüssig. Eine Trennung von Staatsinteressen und Religion ist zwar sicherlich wünschenswert und für Toleranz zum Teil notwendig, aber es ist nicht zwingend, nicht selbstverständlich, im arabischen Raum unwahrscheinlich und selbst bei uns noch nicht sehr alt (und wie der letzte Papstbesuch zeigt, noch nicht einmal konsequent!!!).
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Ausland
alles zum Thema Machtwechsel in Libyen

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Mittwoch, 08.08.2012 – 12:53 Uhr
  • Drucken Versenden Feedback
  • Kommentieren | 17 Kommentare






TOP



TOP