Libyen Übergangsrat räumt fehlende Kontrolle über Milizen ein

Immer öfter operieren libysche Milizen ohne Überwachung durch die Regierung in Tripolis. Das hat der Chef der neuen Führung öffentlich bestätigt. Auch Amnesty International beklagt die zunehmende Gewalt der bewaffneten Banden - die von vielen Bürgern als Helden verehrt würden.

Rebellen in Tripolis (Archivbild): Oft ohne Kontrolle durch den Militärrat
AP

Rebellen in Tripolis (Archivbild): Oft ohne Kontrolle durch den Militärrat


Tripolis - Folter, Selbstjustiz und Hetzjagden auf vermeintliche Gaddafi-Getreue - die Liste der Vorwürfe gegen libysche Milizen ist lang. Erstmals hat nun der Vorsitzende der Übergangsregierung, Mustafa Abd al-Dschalil, eingeräumt, dass die neue Führung in Tripolis keine Kontrolle über die Milizen im Land hat.

Ein Teil der Schuld an der zunehmenden Gewalt treffe die ehemaligen Rebellen, die im Kampf gegen Gaddafi Milizen und lokale Regierungen gebildet hatten, die nun in Konkurrenz zur neuen Zentralregierung in Tripolis stehen.

In der vergangenen Woche hatte bereits die Menschenrechtsorganisation Amnesty International einen Bericht über die Foltermethoden gegen ehemalige Anhänger des Gaddafi-Regimes veröffentlicht.

Die Amnesty-Mitarbeiter hatten im Januar und Februar unter anderem elf Gefängnisse in Zentral- und Westlibyen aufgesucht - die Bilanz ihrer Reise ist erschreckend: Bewaffnete Milizen in Libyen haben demnach seit vergangenem September in mindestens zwölf Fällen ihre Gefangenen zu Tode gefoltert, erklärte Amnesty International.

Die Milizen würden in dem Land von vielen als Helden verehrt, weil sie den Kampf gegen Gaddafi führten, inzwischen seien sie aber eine Gefahr für die Stabilität des Landes, so Amnesty. Viele Milizen würden sich weigern, ihre Waffen abzugeben, immer wieder komme es bei Zusammenstößen rivalisierender Milizen zu blutiger Gewalt.

Dschalil warnte in dem Interview mit der Nachrichtenagentur AP am Dienstag jedoch auch davor, dass die verbliebenen Kräfte des alten Regimes noch immer eine Gefahr darstellten. Die neue libysche Führung werde Jahre brauchen, um nach 40 Jahren unter Muammar al-Gaddafi das schwere Erbe aus Misstrauen und Korruption zu bewältigen, sagte er in Tripolis.

Tote bei Gefechten in Südlibyen

Auch am Dienstag kam es zu blutigen Auseinandersetzungen im Land: Bei Kämpfen zwischen zwei Stämmen sind im Süden Libyens nach Angaben eines Mitarbeiters des Roten Halbmonds innerhalb von 24 Stunden mehr als 50 Zivilpersonen ums Leben gekommen.

Wohngebiete der Wüstenstadt Kufra seien mit Raketen und Mörsergranaten beschossen worden. Dabei seien Dutzende Menschen getötet und verletzt worden, hieß es. Hunderte Familien sind demnach auf der Flucht nach Norden.

Seit Wochen kommt es im Dreiländereck von Libyen, Tschad und Sudan immer wieder zu Kämpfen zwischen dem arabischen Al-Swia-Stamm und dem afrikanischen Tabu-Stamm.

jok/dapd



insgesamt 29 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
monty_cantsin 21.02.2012
1. was auch immer
Zitat von sysopAPImmer öfter operieren libysche Milizen ohne Überwachung durch die Regierung in Tripolis. Das hat der Chef der neuen Führung öffentlich bestätigt. Auch Amnesty International beklagt die zunehmende Gewalt der bewaffneten Banden - die von vielen Bürgern als Helden verehrt würden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,816759,00.html
Schuld an alle dem ist nur Gaddafi. Jetzt, in der Vergangenheit und auch in der Zukunft.
a.peanuts 21.02.2012
2. 5.000 Inhaftierte ohne Anwalt ohne Schutz
Dschalil sagt: "Die verbliebenen Kräfte des alten Regimes sind noch immer eine Gefahr" Der Typ hat Sie nicht alle,er schürt mit solchen Aussagen nur weiteren Hass. Offiziel spricht man von 5.000 Inhaftierten ohne Anwalt ohne Schutz. Dürften wohl viel mehr sein. Wieviele waren es bei Ghadafi? Im Jahr 300-600 , aber von "Kaliber" Alkaida. Lt.Amnesty Bericht 25.06.10
simon23 21.02.2012
3.
Zitat von sysopAPImmer öfter operieren libysche Milizen ohne Überwachung durch die Regierung in Tripolis. Das hat der Chef der neuen Führung öffentlich bestätigt. Auch Amnesty International beklagt die zunehmende Gewalt der bewaffneten Banden - die von vielen Bürgern als Helden verehrt würden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,816759,00.html
150000 hochgerüstete junge und/oder in der Gesellschaft erfolglose Männer beherrschen jetzt das Land. Die "normalen" Bürger werden sich noch wundern, wenn sie es nicht längst schon tun. Für die meisten Milizionäre wäre der Weg zurück in ihre vorherige Existenz ein Weg in den Abstieg. Den werden sie partout nicht gehen. Vom Schulterklopfen wird man weder satt noch reich. Anstatt von zentraler Diktatur wird sich eine zersplitterte Banden-Mafia etablieren, daran werden voraussichtlich auch Wahlen nichts ändern. Wer sein Leben liebt unter den zukünftigen Abgeordneten wird schon wissen wie er zu votieren hat. Dazu - je wie erfolgreich die lokalen Milizen sind - gibt es wahrscheinlich noch Bonus-Gehälter fürs richtige Funktionieren. Das es sich größtenteils um die Abgehängten der Gesellschaft handelt, die in diesen Milizen aktiv sind, bestätigte ja schon kurz nach Gaddafis Sturz der Übergangsrat. Es sind eben die, welche Zeit haben für Revolutionen. Sprich, die nichts besseres zu tun haben. Solche Heere wollen finanziert sein - also muss der Bürger zahlen. Erstens werden sie versuchen die Öleinnahmen in ihre Kasse zu lenken. Zweitens werden sie die Bürger direkt angehen. Plünderungen und Diebstahl gab es ja schon zuhauf - vorallem dann, wenn die Betroffenen als Gaddafi-Anhänger denunziert werden konnten. Irgendwelche staatliche Sicherheit ist nicht vorhanden. Da lohnen sich inoffizielle Raubzüge in der Nacht. Der nächste Schritt werden dann die Schutzgelder sein. Frage: Was, du willst die Milizen nicht unterstützen? Schlussfolgerung: Du bist Gaddafi-Anhänger! Ergebnis: Der betreffende ist vogelfrei. Das die Vorwürfe stimmen, belegen die anschließenden Geständnisse nach eingehender Untersuchung durch die Folter-Inquisition.
opelkapitän 21.02.2012
4. einigung
Dass diese schwer bewaffneten Banden sich in der nächsten zeit einigen erscheint mir immer unwahrscheinlicher.
robert.haube 21.02.2012
5. Abwarten und Tee trinken
Kufra ist deshalb so wichtig, da in der Umgebung die wichtigsten Ölfelder Libyens liegen. Tubu und Tuareg haben diese zur Stunde möglicherweise schon erobert. Und immer noch warten alle Libyen-Kenner gespannt auf die sogenannte "Stunde Null" (Zero Hour), dem angekündigten Aufstand der wichtigsten Stämme. Er soll angeblich für Anfang März geplant sein.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.