Libyen und der arabische Frühling Tyrannosaurus Ex

Die Polit-Dinosaurier sterben aus: Muammar al-Gaddafi wird Libyen nicht mehr regieren, auch wenn er sich noch an die Macht klammert. Für den arabischen Frühling ist sein Sturz ein wichtiger Impuls, er bringt nach Monaten des Stillstands neue Dynamik.

Von Yassin Musharbash

Gaddafi mit Diktatorenkollegen (2010): Politisches Erdbeben
REUTERS

Gaddafi mit Diktatorenkollegen (2010): Politisches Erdbeben


Berlin - Es gibt ein denkwürdiges Bild, das am 10. Oktober 2010 in der libyschen Stadt Sirte aufgenommen wurde. Es zeigt vier arabische Staatschefs, lächelnd nebeneinander: Den tunesischen Tyrannen Zine el-Abidine Ben Ali, den jemenitischen Diktator Ali Abdullah Salih, den ägyptischen Autokraten Husni Mubarak und den libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi.

Heute, nicht einmal ein Jahr später, ist keiner der vier Männer mehr an der Macht. Ben Ali und Mubarak traten zurück, Saleh sitzt in Saudi-Arabien fest. Und in der Nacht zum Montag gelang den libyschen Aufständischen der entscheidende Durchbruch: der Marsch auf die Hauptstadt Tripolis. Zwar hat Gaddafi noch nicht aufgegeben, aber die letzten Loyalisten und mutmaßlich auch er selbst sind de facto umzingelt. Es dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis der Mann, der sein Land 42 Jahre lang im Alleingang beherrschte, endgültig abtritt - ob er ins Exil geht, in den Tod oder ins Untersuchungsgefängnis des Internationalen Strafgerichtshofs, kann man noch nicht sagen.

Für den arabischen Frühling, dieses kollektive Aufbegehren gegen die Fremdbestimmung durch autoritäre Gewaltherrscher, ist der bevorstehende Fall Gaddafis wichtig - er ist nach Monaten des Stillstands eine Erinnerung daran, dass der ultimative Erfolg möglich bleibt.

Ein politisches Erdbeben sondergleichen

Es ist deshalb kein Zufall, dass Tunesier fröhlich gratulieren, dass Jemeniten in den Straßen Sanaas die libyschen Rebellen bejubeln, dass die syrischen Aufbegehrenden angesichts der Wende in Tripolis neue Hoffnung schöpfen. Die Tunesier haben im Januar vorgemacht, dass ein Volk sein Schicksal selbst in die Hand nehmen kann. Die Ägypter haben im Februar bewiesen, dass das Exempel nicht nur für kleine Länder gilt. Die Libyer haben jetzt gezeigt, dass der Umsturz sogar gegen solche Herrscher erzwungen und notfalls erkämpft werden kann, die sich mit Panzern und Maschinengewehren gegen ihre Herausforderer stemmen - so wie es zum Beispiel derzeit noch Syriens Präsident Baschar al-Assad tut.

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Libyen: Die Rebellen triumphieren
Es wächst das Gefühl in allen arabischen Ländern, auf allen Plätzen und in allen Straßen, dass die Macht der Diktatoren und autokratischen Herrscher nicht unbezwingbar ist. Das klingt banal. Aber für einen heute 40 Jahre alten Araber, der als Grundschüler die Namen der arabischen Herrscher auswendig gelernt hat und bis Anfang dieses Jahres so gut wie nie einen neuen Namen lernen musste, sind die drei Umstürze ein politisches Erdbeben, für das es keinen Präzedenzfall gibt.

Aber passt Libyen denn überhaupt in diese Reihe - wo doch der Erfolg der Rebellen ohne die militärische Intervention einer internationalen Allianz, zum Schutz der Zivilbevölkerung durch die Uno legitimiert, vermutlich nicht möglich gewesen wäre?

Gaddafis bevorstehender Fall wird die Syrer ermutigen - und andere

Ja, Libyen passt in diese Reihe. Denn egal wie hoch der faktische Anteil der Allianz auch gewesen sein mag - in der öffentlichen Wahrnehmung haben die Libyer ihren Diktator selbst gestürzt, und darauf kommt es an. Die Allianz hat sich nicht in den Vordergrund gedrängt, das war entscheidend. Stattdessen haben die Rebellen Tripolis überrollt, sie haben in der vergangenen Nacht in den Straßen gefeiert, sie nehmen nun Gaddafi-Getreue fest, sie rufen die letzten Loyalisten dazu auf, ihre Waffen niederzulegen.

In jedem Land nimmt der arabische Frühling eine andere Gestalt an. In Libyen spielte der bewaffnete Kampf von Beginn an eine zentrale Rolle, in Syrien setzen die Aufständischen trotz Todesgefahr auf Massenkundgebungen, in anderen Ländern äußert sich der politische Druck der Straße eher in der Form von deutlich artikulierten Reformforderungen, wieder andernorts wird derselbe Druck mit Geld besänftigt. Keine zwei arabischen Länder sind absolut und in allem vergleichbar; wohl aber erfährt die simple Idee von Politik als etwas, bei dem viele mitreden sollten und nicht nur eine kleine Clique, eine nie zuvor gekannte und flächendeckende Faszination.

Diese Botschaft ist heute durch die jubelnden Revolutionäre in Tripolis verstärkt worden. Natürlich ist Skepsis angebracht - die Freiheit kann den Völkern, die sie erkämpft haben, auch wieder durch die Hände rinnen; sie kann von neuen Kräften missbraucht und eingeschränkt werden. Aber das sind (berechtigte) Themen für die kommenden Monate. In Syrien und anderswo zählt heute die primäre Botschaft: Freiheit ist möglich. Und wenn in Libyen - wo dann nicht?



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insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
drouhy 22.08.2011
1. Sorry,
Zitat von sysopDie Polit-Dinosaurier sterben aus: Muammar al-Gaddafi wird Libyen nicht mehr regieren, auch wenn er sich noch an die Macht klammert. Für den arabischen Frühling ist sein Sturz ein wichtiger Impuls, er bringt nach Monaten des Stillstands neue Dynamik. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,781608,00.html
lieber Autor, Ihr Artikel ist etwas zu durchsichtig - gesponsort by ? Ich empfinde es als bezeichnend, dass der Verletzung von Un-Mandaten durch die Nato keinerlei Beachtung findet. Auch nicht die Auswirkung dieses offenen Bruchs des geltenden Völkerrechts. Noch bezeichnender wird es, wenn Sie zwar Syrien nennen, samt seinem Blutsäufer, die Kopf-und Handprinzen nebenan vergessen. Und dies umso mehr als diese erst jüngst den Jemen angriffen und im Dienste eines anderen Scheichs vor den Augen der Marine der freiesten und überhaupt Macht der Welt den Frühling in einen Winter verwandelten. Was den Rex angeht - der ist leider pleite und muss sich daran gewöhnen, das andere Tierchen ans Licht dringen, die ihm schon die finanziellen Füsse abbeissen können. Plumpe Propanganda, um die geneigten Leser auf den nächsten Waffengang einzustimmen. Gegen wen geht´s diesmal? Wer will auch den Dollar nicht?
cherusciprinceps 22.08.2011
2. Ölimperialismus inklusive Hurra-Propaganda in den Massemedien
Na, wie lange wird es wohl dauern, bis die libyschen Ölquellen an englische und amerikanische Ölkonzerne verscherbelt werden? Wie lange wird das libysche Volk sich seinen westlichen Lebensstil, finanziert aus Ölerträgen, wohl noch leisten können? Wie lange, bis der Lebensstandard der Libyer vom jetzigen europäischen Niveau auf ein afrikanisches sinkt? Und alles nur, damit westliche Ölkonzerne und deren Shareholder sich die Taschen vollstecken können. Widerlich.
horstma 22.08.2011
3. Keiner weiss, was kommt....
Ich warte noch mit dem Jubeln, denn ich will erst sehen, was nach Gaddafi kommt. Man bedenke, daß auch das Taliban-Pack einst von den USA unterstützt wurde, und daß auch im Iran Wahlen stattfinden. Und, ist damit jetzt alles gut dort? Diese Rebellen hatten den Umsturz von vornherein mit Waffengewalt geplant und durchgeführt. Vermutlich handelt es sich um Islamisten, einer wilden Mischung aus Sunniten, Schiiten, und was es sonst noch an "-iten" so gibt. Im Moment haben sie einen gemeinsamen Feind, Gaddafi, und "arbeiten" zusammen. Besser gesagt, sie schiessen in die selbe Richtung. Was, wenn Gaddafi weg ist? Schiessen dann die Sunniten und Schiiten unter den Rebellen aufeinander? Gibt es Verhältnisse wie im Irak? Sobald irgendwo der Islam mit im Spiel ist, halte ich das für wesentlich wahrscheinlicher als die Einführung einer richtigen Demokratie ohne tägliche Terroranschläge. Aber klar, Deutschland brüllt mal wieder am lautesten, "wir helfen sofort!" Dabei weiß in D nicht ein einziger Politiker, wen sie da eigentlich unterstützen, und was für Ziele diese Leute nach Gaddafis Sturz haben.
sittingbull, 22.08.2011
4. Hoffnung ohne Kenntnis bringt Enttaeuschung!
Es ist schon ziemlich unverfroren, die Situation im "Arabischen Fruehling" pauschal als Stillstand zu bezeichnen! Die damit implizierte Gleichsetzung der betroffenen Laender zeugt ausserdem von erschreckender Unkenntnis der erheblichen Unterschiede dort. Tunesien bereitet Wahlen vor, die am 23.10. stattfinden sollen. Einige Dutzend Parteien haben sich gebildet. In der Bevoelkerung wechseln sich staendig Spannungen mit Erwartungen ab; Eruptionen eingeschlossen. Ganz aehnliches gilt fuer Aegypten, wo es - im Gegensatz zu Tunesien - mehrere straffe (islamistische) Organisationen gibt. - Fuer den gemuetlichen europaeischen Beobachter zaehlt anscheinend nur Waffengeklirr oder - despotische - Friedhofsstille. Seinen Interessen dient jedenfalls immer Beides! Und ob Tunesien und Aegypten Grund haben werden, die Situation in Libyen erfreut zu begruessen, kann nicht mal ein einheimischer Kenner vorhersagen - viel weniger ein Spiegel-Journalist mit kurzatmigen ad-hoc-Hoffnungen! Ich empfehle zur Erweiterung des Horizontes einen Aufenthalt im Sueden Tunesiens - speziell in den Grenzgebieten des Landes!
erwin777sti 22.08.2011
5. wes Geistes Kind sind denn Sie, dass Sie sich grämen ? ?
Zitat von drouhylieber Autor, Ihr Artikel ist etwas zu durchsichtig - gesponsort by ? Ich empfinde es als bezeichnend, dass der Verletzung von Un-Mandaten durch die Nato keinerlei Beachtung findet. Auch nicht die Auswirkung dieses offenen Bruchs des geltenden Völkerrechts. Noch bezeichnender wird es, wenn Sie zwar Syrien nennen, samt seinem Blutsäufer, die Kopf-und Handprinzen nebenan vergessen. Und dies umso mehr als diese erst jüngst den Jemen angriffen und im Dienste eines anderen Scheichs vor den Augen der Marine der freiesten und überhaupt Macht der Welt den Frühling in einen Winter verwandelten. Was den Rex angeht - der ist leider pleite und muss sich daran gewöhnen, das andere Tierchen ans Licht dringen, die ihm schon die finanziellen Füsse abbeissen können. Plumpe Propanganda, um die geneigten Leser auf den nächsten Waffengang einzustimmen. Gegen wen geht´s diesmal? Wer will auch den Dollar nicht?
Ich merke, dass Sie austeilen, kann aber nicht feststellen gegen wen ? gegen die USA, gegen die Nato, ? fast erwecken Sie den Eindruck, als würden Sie auf der paylist von Hugo Chavez stehen. Ich find' es toll, dass jahrzehntelange Regimes - die man ohne zu übertreiben auch Diktaturen nennen kann - ein Ende gefunden haben; ich fühle mich an Schillers 'Die Bürgschaft' erinnert: "was wolltest Du mit dem Dolche, sprich - die Stadt vom Tyrannen befreien ..." Der selbe Freiheitswillen Schillers richtet sich m.E. auch gegen die saudischen Herrschaftsverhältnisse, sie sind die übernächsten; aber wenn es in Syrien auch zu einem Zusammenbruch des Regimes koimmen sollte, wäre ich überhaupt nicht traurig, im Gegenteil. Vielleicht, lieber drouhy, verfassen Sie dann nochmals so einen pseudoentrüsteten Kommentar ...
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