Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Parlamentsfeier in Libyen: Frau ohne Schleier muss Bühne verlassen

Die Machtübergabe an das Parlament war eine große Feierstunde für viele Libyer - doch eine Moderatorin wurde bei der Zeremonie zurechtgewiesen. Sie musste die Bühne verlassen, weil sie keinen Schleier trug.

Tripolis - Als Chef des Nationalen Übergangsrats war Mustafa Abdel Dschalil nach dem Sturz von Libyens Diktator Muammar al-Gaddafi ein mächtiger Mann des nordafrikanischen Landes. Seinen Einfluss machte Dschalil jetzt auch geltend, als das Land am Mittwochabend die Machtübergabe an das frei gewählte Parlament feierte. Während der Zeremonie lehnte er eine unverschleierte Moderatorin auf der Bühne ab. "Wir glauben an die individuellen Freiheiten und schützen sie, aber wir sind Muslime und deshalb an unsere Prinzipien gebunden", sagte Dschalil am späten Mittwoch kurz vor seiner offiziellen Rede anlässlich der Machtübergabe. "Das muss jeder hier verstehen", ergänzte er.

Der Vorfall ging allerdings am Großteil der Anwesenden vorüber, weil die meisten die Anspielung nicht einordnen konnten.

Die junge Frau, die anfangs das Programm des Abends präsentiert hatte, war kurz zuvor gezwungen worden, den Platz auf der Bühne Mitgliedern des Übergangsrats zu überlassen. Sie hatte zwar ihr Haar bedeckt, trug aber keinen richtigen Schleier.

Dschalil ist für seine strenge Haltung in solchen Fragen bekannt. So sorgte er im Oktober für Kontroversen, als er bei der Verkündung der Befreiung des Landes von der Gaddafi-Herrschaft erklärte, im neuen Libyen werde nun die Scharia herrschen. Zudem sprach er sich für die Polygamie "ohne Bedingungen" aus.

Während der offiziellen Zeremonie zur Machtübergabe an das Parlament versammelten sich Hunderte Menschen auf dem Platz der Märtyrer. Sie hielten Kerzen als Symbol der Versöhnung.

Die Nationalversammlung muss innerhalb eines Tages einen Präsidenten bestimmen und innerhalb von 30 Tagen eine Regierung bilden. In dem Gremium gibt es drei große Blöcke: Islamisten, darunter die Muslimische Bruderschaft und ultrakonservative Salafisten, Liberale und Gemäßigte unter Führung von Mahmud Dschibril, der während des Aufstands Ministerpräsident war, sowie Unabhängige.

Nisar Kawan, ein den Muslimbrüdern nahestehender Unabhängiger, sagte, die Versammlung stehe vor großen Herausforderungen. Diese reichten von der Wiederherstellung der Sicherheit bis zur Verbesserung der wirtschaftlichen Lage. Ob die Nationalversammlung auch selbst eine verfassunggebende Versammlung einberuft oder ob deren 60 Mitglieder direkt vom Volk gewählt werden, ist noch offen.

hen/dpa/AFP/dapd

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 112 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Abwarten!
TangoGolf 09.08.2012
Zitat von sysopDPADie Machtübergabe an das Parlament war eine große Feierstunde für viele Libyer - doch eine Moderatorin wurde bei der Zeremonie zurechtgewiesen. Sie musste die Bühne verlassen, weil sie keinen Schleier trug. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,849076,00.html
Wurde grade in einem anderen Artikel hier auf SPON noch die "neue Demokratie" in Libyen gefeiert, zeigt dieser Beitrag doch gleich, wo die Reise hingeht. In der Tat wird man wohl erst mindestens 10 Jahre warten müssen, um Urteile zu fällen - in dieser Zeit dürften sich einige der Revolutionsstaaten der Region als Failed States erwiesen haben, zu steinzeitislamischen Gottesstaaten abgedriften sein oder sich tatsächlich demokratisch gefestigt haben. Leider scheint letztere Variante heute als die unwahrscheinlichste!
2. Polygamie ohne Einschränkungen... + Scharia?
Emil Peisker 09.08.2012
Zitat von sysopDPADie Machtübergabe an das Parlament war eine große Feierstunde für viele Libyer - doch eine Moderatorin wurde bei der Zeremonie zurechtgewiesen. Sie musste die Bühne verlassen, weil sie keinen Schleier trug. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,849076,00.html
Die Betonung liegt auf "war". Der Übergangsrat hat abgedankt. So weit so gut. Entscheidend ist nun, was das Parlament mit der übetragenen Macht anstellt. Regierung berufen, und verfassungsgebende Versammlung auftstellen. Dann wird man sehen, ob sich Mustafa Abdel Dschalil durchgesetzt hat. Polygamie ohne Einschränkungen - da träumt er wohl von. Ich hoffe, die Libyer können das verhindern.
3. Beängstigend
crocodoc_jl 09.08.2012
Also auch hier. Rückkehr von Barbarei, Mittelalter, archaischer Rechtssprechung und vermutlich bald gnadenloser Unterdrückung von allem "Unreinen" und "Bösen": Frauen, Wissenschaftlern, Ungläubigen, Oppositionellen, Homosexuellen, Menschenrechtlern, Behinderten etc steht die Hölle auf Erden aka Scharia bevor.
4.
Shaft13 09.08.2012
Wenn so angefangen wird,ist es nur eine Frage der Zeit,bis es Schritt für Schritt wieder Richtung Mittelalter geht. Tja,so sind sie eben,unsere Moslemischen Freunde in diesen Ländern.Kommen einfach nicht klar,wenn Frauen auf einer Höhe mit ihnen sind und müssen Religionsquatsch anwenden,damit sie auch ja nicht ihre Macht über die Frau verlieren.
5. Polygamie...
beate 09.08.2012
was meinte er denn mit: "...ohme Einschränkungen..."? Der Koran gibt klar vor, das alle Frauen eines Mannes von ihm gleich zu stellen sind, d.h. für alle die gleichen finanziellen Umstände, d.h. ein Haus mit gleichwertigem Inventar für Jede, jede Frau muß gleich versorgt werden... SOWAS kann sich nicht jeder leisten!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Libyen-Wahl: Tinte am Finger


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: