Libyen: USA erwägen Rückkauf von Abwehrraketen

Es ist ein Szenario, das westlichen Sicherheitsbehörden Angst macht: Libysche Flugabwehrraketen fallen in die Hände von Terroristen. Nun überlegen die USA laut einem Zeitungsbericht, die Waffen zu kaufen - um sie dann zu zerstören oder sicher zu lagern.

Aufständischer mit einer Flugabwehrrakete (Archivbild): Risiko "kleinkaufen" Zur Großansicht
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Aufständischer mit einer Flugabwehrrakete (Archivbild): Risiko "kleinkaufen"

Tripolis/Washington - Ihre Zahl kann nur geschätzt werden: Von Tausenden Flugabwehrraketen sprechen Vertreter der US-Regierung, die in Libyen noch in den Händen von bewaffneten Milizen sein könnten. Erbeutet wurden die Flugkörper während des Bürgerkriegs aus den Depots der Gaddafi-Soldaten.

Immer wieder drängte der Westen in den vergangenen Wochen die Übergangsregierung dazu, die Raketen endlich unter ihre Kontrolle zu bringen - zu groß ist die Angst, dass Terroristen die Waffen nutzen könnten. Doch bisher ist wenig geschehen. Besonders die schwerbewaffneten Milizen sind kaum zu überwachen.

Nun hoffen die USA, das Problem mit finanziellen Mitteln lösen zu können: Nach Regierungsplänen sollen den Kämpfern die Flugabwehrraketen oder Komponenten abgekauft werden, berichtet die "New York Times". So solle das Risiko "kleingekauft werden". Washington diskutiere derzeit ein solches Programm mit der libyschen Übergangsregierung. Es sei bereits Thema bei einem Treffen mit dem neuen Verteidigungsminister Libyens in diesem Monat gewesen. Denkbar wäre auch, den Kämpfern als Gegenleistung Jobs zu gewähren, damit sie in ein ziviles Leben zurückkehren könnten.

Wie hoch soll der Preis sein?

Details des Programms seien allerdings noch nicht ausgearbeitet. So stünde bisher nicht fest, wie hoch das Budget des Programms sein und welcher Preis für eine Rakete gezahlt werden solle. Falls Libyen dem Vorhaben zustimmen sollte, werde Tripolis den Kaufpreis festlegen, nachdem er am Markt getestet worden sei, sagte ein nicht namentlich genannter US-Vertreter der "New York Times".

40 Millionen Dollar hat Washington bisher zur Verfügung gestellt, damit Libyen seine Waffenlager sichern kann. So soll verhindert werden, dass die Raketen aus Waffendepots in falsche Hände geraten. Es gibt bereits Berichte, dass Waffen und Raketen aus Libyen auf Kairoer Schwarzmärkten verkauft wurden und in den Besitz der radikalen Palästinenser-Bewegung Hamas gelangt sind. Auch das Terrornetzwerk al-Qaida brüstet sich damit, Waffen aus libyschen Beständen zu besitzen. Bei den Flugkörpern handelt es sich um transportfähige Waffen, die von der Schulter abgefeuert werden, sogenannte Manpads. Diese sollen dann entweder zerstört oder gesichert gelagert werden.

Erinnerung an "Rückkauf-Programm" in Afghanistan

Von einem "Rückkauf-Programm" wollen die US-Amerikaner aber offiziell nicht sprechen. Trotzdem erinnert der Plan an eine Aktion in Afghanistan. In den achtziger Jahren hatte Washington den afghanischen Truppen, die gegen die Sowjets kämpften, Stinger-Raketen geliefert. Später versuchten die USA diese dann zurückzukaufen - aus Angst, dass die Flugkörper gegen zivile Flugzeuge oder westliche Militärflugzeuge eingesetzt werden könnten.

Das Programm gilt als Erfolg, auch wenn nicht alle Raketen erworben werden konnten. Matthew H. Schroeder, ein Experte von der Föderation der Amerikanischen Wissenschaftler, sprach in der "New York Times" von nur "wenigen Hunderten Raketen", die in Afghanistan und Irak noch nicht unter Kontrolle der Behörden seien.

Libysche Waffen stammen aus ehemaligem Ostblock

In Libyen, so betonen US-Vertreter nun, werde es sich nicht um ein "Rückkauf-Programm" handeln. Die Waffen stammten ja nicht aus dem Westen, sondern aus ehemaligen Ostblockstaaten. Der getötete Machthaber Muammar al-Gaddafi hatte sie dort eingekauft. Rund 20.000 Flugabwehrraketen importierte der Ex-Diktator nach Libyen, so schätzt die US-Regierung.

Allerdings gebe es keine verlässliche Daten über diese Waffen. Unklar sei deshalb auch, wie viele von den Raketen im Training oder bei Kämpfen bereits abgefeuert worden seien.

Seit Ende des Kriegs in Libyen sind Experten für die US-Regierung im Land unterwegs, um die Waffenarsenale zu untersuchen und Raketen zu zählen. Bis jetzt hätten die Teams etwa 5000 Flugkörper aufgeführt, dessen Verbleib unklar sei: Entweder seien sie zerstört, abgefeuert, entschärft worden oder noch in Händen von militanten Gruppen. Genau könne man das nicht sagen.

heb

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insgesamt 18 Beiträge
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1. Zu zerstören?
Ottokar 23.12.2011
Zitat von sysopEs ist ein Szenario, das westlichen Sicherheitsbehörden Angst macht: Libysche Flugabwehrraketen fallen in die Hände von Terroristen. Nun überlegen die USA*laut einem Zeitungsbericht,*die Waffen zu kaufen -*um sie dann zu zerstören oder sicher zu lagern. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,805528,00.html
Die werden greifbar in Libyen gelagert. Das "warum greifbar" liegt doch auf der Hand.
2. Verlorenes Vertrauen....
simon23 23.12.2011
Zitat von sysopEs ist ein Szenario, das westlichen Sicherheitsbehörden Angst macht: Libysche Flugabwehrraketen fallen in die Hände von Terroristen. Nun überlegen die USA*laut einem Zeitungsbericht,*die Waffen zu kaufen -*um sie dann zu zerstören oder sicher zu lagern. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,805528,00.html
Sonderbar, wie konnten die nur in die Hände von Hamas und Al-Kaida gelangen? Doch nicht etwa durch die Rebellen?
3.
Altesocke 23.12.2011
Zitat von sysopEs ist ein Szenario, das westlichen Sicherheitsbehörden Angst macht: Libysche Flugabwehrraketen fallen in die Hände von Terroristen. Nun überlegen die USA*laut einem Zeitungsbericht,*die Waffen zu kaufen -*um sie dann zu zerstören oder sicher zu lagern. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,805528,00.html
Naja, wenn der Bruder des Verkaeufers den Verkaufspreis fuer den Kaeufer festlegen darf: Das erzielt mit Sicherheit die hoechsten Einnahmen fuer die Verkaeufer und ihre "Brueder" Aber im Ansatz gut, zurueck ins Ursprungsland.
4. Bitte was?
batmanmk 23.12.2011
"In den achtziger Jahren hatte Washington den afghanischen Truppen, die gegen die Sowjets kämpften, Stinger-Raketen geliefert." Afghanische Truppen? Hier wird so getan als ob man eine reguläre Armee beliefert hätte. Die Wirklichkeit sah anders aus.
5. Das sind die Folgen
schnitti23 23.12.2011
von einseitiger Parteinahme und kurzsichtiger Politik! Erinnern wir uns doch der Taliban, die man damals noch nicht Terroristen, sondern Freiheitskämpfer nannte, als es gegen die Sowjets ging. Die wurden massiv mit Waffen beliefert, die nach dem Abzug der Sowjets gegen die US- Truppen eingesetzt wurden. Vor genau dem gleichen Muster steht man heute wieder. Man hat eine Seite, deren Vernunft und Zuverlässigkeit keineswegs sicher war, mit modernen Waffen beliefert. Jetzt hat man Angst, daß die Waffen gegen die eigenen Interessen benutzt werden könnten. Um wieviel klüger wäre eine anhaltende Politik des Ausgleichs und Vernunft? Anstatt alles mit Waffenlieferungen zu unterminieren, sollte eine bessere Politik Fuß fassen. Man kann über die US- Politik sagen was man will, aber stetig und klug ist sie nicht.
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Fotostrecke
Muammar al-Gaddafi: Stationen eines Diktators

Fotostrecke
Exzentrischer Diktator: Gaddafis Gewänder

Fläche: 1.775.500 km²

Bevölkerung: 6,355 Mio.

Hauptstadt: Tripolis

Staatsoberhaupt:
Nuri Ali Abu Sahmain

Regierungschef: Abdullah al-Thani (zurückgetreten 28. August 2014)

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