Machtkampf in Libyen: Armee startet Angriff auf Bani Walid

Seit zwei Wochen belagern libysche Milizen Bani Walid, nun hat die Armee einen Angriff auf die Wüstenstadt begonnen. Mehrere Soldaten wurden dabei verletzt. Selbst ein Jahr nach dem Tod von Diktator Gaddafi ist das Land noch immer von Instabilität und Konflikten geprägt.

Mitglieder der libyschen Armee auf dem Weg nach Bani Walid: Angriff auf die Wüstenstadt Zur Großansicht
DPA

Mitglieder der libyschen Armee auf dem Weg nach Bani Walid: Angriff auf die Wüstenstadt

Tripolis - Ein Jahr ist es her, dass der libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi getötet wurde - und noch immer hat die neue Staatsspitze mit zahlreichen Problemen zu kämpfen. Die Milizen, die sich dem staatlichen Gewaltmonopol widersetzen, ist eines der größten: Viele der einstigen Revolutionäre denken gar nicht daran, die im Kampf mit Gaddafis Truppen errungene Macht wieder abzugeben.

Schon während des Konflikts in Libyen wurde zudem offenbar, dass viele der Rebellen den Gaddafi-Truppen an Brutalität und Skrupellosigkeit kaum nachstanden. Viele der Brigaden halten sich aufgrund ihrer Verdienste an der Front für legitimiert, sich den Anweisungen der demokratisch gewählten Institutionen zu widersetzen.

Es gebe Defizite beim Neuaufbau von Armee und Polizei sowie bei der Entwaffnung und Eingliederung der früheren Rebellen, sagte Staatschef Mohammed Magarief in einem am späten Freitagabend ausgestrahlten Fernsehinterview. Das habe zum Chaos geführt, das nun Anhängern des alten Regimes in die Hand spiele. Sie unterwanderten die Institutionen des Staates und konspirierten mit Gaddafis Anhängern im Ausland. "Der Kampf zur Befreiung des Landes ist noch nicht beendet", sagte Magarief und verwies auf die Stadt Bani Walid.

Dort lieferten sich Regierungstruppen und Rebellen in jüngster Zeit verlustreiche Kämpfe. Seit zwei Wochen belagern Milizen die rund 170 Kilometer südöstlich von Tripolis gelegene Stadt. Sie gehören zwar auf dem Papier zum Verteidigungsministerium, befolgen jedoch vorrangig Befehle ihrer Kommandeure aus der Stadt Misrata. Am Samstag begann die Armee mit Angriffen auf die einstige Hochburg der Gaddafi-Anhänger. Fünf Soldaten wurden dabei verletzt, wie Staatsmedien berichteten.

In den vergangenen Wochen gab es zunehmend Spannungen zwischen den Städten Bani Walid und Misrata. Sie verschärften sich, als der frühere Aufständische Omran Ben Schaaban aus Misrata angeschossen, nach Bani Walid verschleppt und dort gefoltert wurde. Er starb nach seiner Freilassung im Krankenhaus an den Folgen der schweren Misshandlungen.

Es sei wichtig, die Milizen in Libyen schrittweise aufzulösen oder einzugliedern, sagte der Nordafrika-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik, Wolfram Lacher. "Es geht darum, klare Strukturen im Sicherheitssektor zu schaffen, die Milizen unter Kontrolle zu bringen", sagte er im Deutschlandradio Kultur. Libyen sei noch am Anfang eines sehr schwierigen Umbruchprozesses, der von Instabilität und Konflikten geprägt sei.

Ehemaligen Gaddafi-Sprecher offenbar festgenommen

Am Samstag soll der ehemaliger Sprecher von Gaddafi festgenommen worden sein. Moussa Ibrahim wurde nach Angaben aus dem Kabinett in Tarhouna, 70 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Tripolis, gefasst. Er war während der Zeit des Bürgerkriegs Sprecher des Gaddafi-Regimes. Ibrahim wurde den Angaben zufolge nach Tripolis gebracht. Dort soll er verhört werden. Bereits in der Vergangenheit hatte es Meldungen über die Festnahme Ibrahims gegeben - sie stellten sich jedoch als falsch heraus.

Ähnliches gilt für Chamis, den Sohn von Gaddafi: Er soll bei dem Gefecht in Bani Walid getötet worden sein, berichtete der Fernsehsender Libya TV am Samstag. Er war bereits während des Bürgerkrieges im vergangenen Jahr totgesagt worden. Der stellvertretende Ministerpräsident Mustafa Abu Schagur erklärte über den Kurznachrichtendienst Twitter, die Leiche sei in ein Krankenhaus in der Stadt Misrata gebracht worden. Der 29-jährige Gaddafi-Sohn hatte während der Herrschaftszeit seines Vaters eine Brigade der Regimetruppen kommandiert.

Erst kürzlich mahnte Human Rights Watch erneut eine Untersuchung der Umstände von Gaddafis Tod an. Die Organisation legte Beweise vor, die den Verdacht erhärten, dass der Machthaber ebenso wie sein Sohn Mutassim erst nach ihrer Festnahme getötet wurden. Zudem werfen die Menschenrechtler den Rebellen vor, in Sirte bis zu 66 gefangene Anhänger Gaddafis hingerichtet zu haben. Angesichts dieser Umstände will die neue Regierung auch nicht den Todestag Gaddafis am Samstag, sondern die "Befreiung des Landes" drei Tage später offiziell feiern.

aar/dpa/AFP/dapd/Reuters

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Wen..
Bobbysky1 20.10.2012
...genau greift die Armee an,die Milizen ,die BW belagern,oder Rebellen die BW verteidigen?
2. Lybien
mann30 21.10.2012
diese land wird nie zur Ruhe kommen, denn es ist ein viel völker (Clan) staat, und da möchte jeder das sagen haben in seinem gebiet, und vorallem dir Reichtümer dort.
3. Ihre Frage...
HolyGhost 21.10.2012
Zitat von Bobbysky1...genau greift die Armee an,die Milizen ,die BW belagern,oder Rebellen die BW verteidigen?
...ist durchaus berechtigt. Der Artikel ist dahingehend zumindest irreführend. Zunächst ist die Rede von Milizen, die sich aus den Reihen der ehemaligen "Rebellen" zusammensetzen und die demokratische Regierung nicht anerkennen. In einem anderen Absatz wiederum erwähnt man im Zusammenhang mit der Belagerung von Bani Walid, dass angebliche Gaddafi-Anhänger aus dem Ausland dabei ihre Finger im Spiel hätten. Sehr kryptisch und und irgendwie schlampig recherchiert, finde ich. Ansonsten lesen sich die 3 ersten Absätze wie das Szenario, welches von vielen skeptischen Geistern bereits in diversen Threads ausgemalt wurde.
4. Zerstörung eines entwickelten Staates
Jan Do 21.10.2012
In Libyen findet zur Zeit das statt, was es vor den NATO-Bombardierungen nie gegeben hat: Massenmorde im Rahmen von Ausschreitungen gegen Farbige, Einrichtung von Konzentrationslagern, ganze Städte, z.B. Tawergha, sind vom Erdboden verschwunden. Bani Walid soll es ähnlich ergehen. Die große Mehrheit der Libyer leidet unter dem Chaos. Früher selbstverständliche soziale Errungenschaften wie freie Gesundheitsversorgung und freies Studium gibt es nicht mehr. Rechte für Frauen wurden stark eingeschränkt, z.B. das Scheidungsrecht. Nur eine kleine Minderheit profitiert vom Ausverkauf Libyens, das jetzt zum Beispiel seine Ölvorkommen zu ganz ungünstigen Bedingungen durch ausländische Konzerne ausbeuten läßt. Demokratie gibt es schon gar nicht. Zum Beispiel wurden für die Wahlen in Misrata nur etwa 50.000 Menschen zugelassen, etwa ein Zehntel der Bevölkerung. Vor der NATO-Aggression war Libyen eines der wohlhabendsten und am besten entwickelten Staaten Afrikas. Es hatte aber ein großes Problem: als friedliches Land verfügte Libyen über zu wenig schlagkräftiges Militär. Der hohe Lebensstandard als Folge der Ölförderung mag zu einer gewissen Verwöhnung geführt haben. Das Bewusstsein, dass Wohlstand Begehrlichkeiten des Auslands weckt und verteidigt werden muss, schien leider nicht ausreichend entwickelt. Auf jeden Fall wurde die Gefahr einer ausländischen Aggression, mit dem Ziel, das libysche Volksvermögen zu rauben, naiv unterschätzt. Es bleibt zu hoffen, dass die Staaten, denen an ihrer nationalen Souveränität gelegen ist, die traurige aber einzig richtige Lektion lernen, nämlich dass nur der angegriffen wird, der militärisch nicht ausreichend schlagfertig ist. Denn ein Kriegsvorwand, von Massenvernichtungswaffen (Irak) bis Massenvergewaltigungen und ein angeblicher Massenmord am eigenen Volk (Libyen) ist schnell gefunden.
5. ...
Hape1 21.10.2012
Zitat von Jan DoIn Libyen findet zur Zeit das statt, was es vor den NATO-Bombardierungen nie gegeben hat: Massenmorde im Rahmen von Ausschreitungen gegen Farbige, Einrichtung von Konzentrationslagern, ganze Städte, z.B. Tawergha, sind vom Erdboden verschwunden. Bani Walid soll es ähnlich ergehen. Die große Mehrheit der Libyer leidet unter dem Chaos. Früher selbstverständliche soziale Errungenschaften wie freie Gesundheitsversorgung und freies Studium gibt es nicht mehr. Rechte für Frauen wurden stark eingeschränkt, z.B. das Scheidungsrecht. Nur eine kleine Minderheit profitiert vom Ausverkauf Libyens, das jetzt zum Beispiel seine Ölvorkommen zu ganz ungünstigen Bedingungen durch ausländische Konzerne ausbeuten läßt. Demokratie gibt es schon gar nicht. Zum Beispiel wurden für die Wahlen in Misrata nur etwa 50.000 Menschen zugelassen, etwa ein Zehntel der Bevölkerung. Vor der NATO-Aggression war Libyen eines der wohlhabendsten und am besten entwickelten Staaten Afrikas. Es hatte aber ein großes Problem: als friedliches Land verfügte Libyen über zu wenig schlagkräftiges Militär. Der hohe Lebensstandard als Folge der Ölförderung mag zu einer gewissen Verwöhnung geführt haben. Das Bewusstsein, dass Wohlstand Begehrlichkeiten des Auslands weckt und verteidigt werden muss, schien leider nicht ausreichend entwickelt. Auf jeden Fall wurde die Gefahr einer ausländischen Aggression, mit dem Ziel, das libysche Volksvermögen zu rauben, naiv unterschätzt. Es bleibt zu hoffen, dass die Staaten, denen an ihrer nationalen Souveränität gelegen ist, die traurige aber einzig richtige Lektion lernen, nämlich dass nur der angegriffen wird, der militärisch nicht ausreichend schlagfertig ist. Denn ein Kriegsvorwand, von Massenvernichtungswaffen (Irak) bis Massenvergewaltigungen und ein angeblicher Massenmord am eigenen Volk (Libyen) ist schnell gefunden.
Ist ja alles richtig, was Sie schreiben. Aber dafür dürfen die Libyer jetzt wählen. So eine herbeigebombte Zwangsdemokratisierung hat halt auch seine Schattenseiten.
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Fläche: 1.775.500 km²

Bevölkerung: 6,355 Mio.

Hauptstadt: Tripolis

Staatsoberhaupt:
Nuri Ali Abu Sahmain

Regierungschef: Abdullah al-Thani (zurückgetreten 28. August 2014)

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