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Libyens Luftstreitmacht: Gaddafis gefährlichste Waffe

Von Ulrike Putz, Beirut

Moderne Ausrüstung, loyale Soldaten: Die Luftwaffe ist die Elitetruppe in Gaddafis Armee. Mit ihr könnte er einen Kampf gegen die Rebellen leicht gewinnen. Die Luftangriffe auf die Hafenstadt Brega sind nur ein Vorgeschmack auf das, was den Gegnern des Despoten drohen könnte.

Libysches Mirage-Flugzeug: Gut ausgebildet und bestens ausgerüstet Zur Großansicht
Getty Images

Libysches Mirage-Flugzeug: Gut ausgebildet und bestens ausgerüstet

Große Teile der libyschen Armee haben sich zwar auf die Seite des rebellierenden Volks geschlagen. Doch die Luftwaffe scheint fast ausnahmslos zum Diktator Muammar al-Gaddafi zu stehen. Das macht sie zur tragenden Säule des Regimes - und zur größten Gefahr für die Aufständischen, die den Osten des Landes kontrollieren.

Rund 18.000 Männer und Frauen dienen in Gaddafis Luftwaffe. Die meisten sind seine glühenden Anhänger. Nur hundertprozentig überzeugte Gefolgsleute konnten bei der Elitetruppe anheuern. Beim Auswahlverfahren für Rekruten wurden Mitglieder des Gaddafi-Stamms Qadhafah und des mit ihm verbündeten Magariha-Stamms bevorzugt. Mit Kadavergehorsam stehen sie zu ihrem Oberbefehlshaber. Nur eine Handvoll Piloten und Offiziere sind bislang zur Opposition übergelaufen.

Gaddafi hat dafür gesorgt, dass die Luftwaffe gut ausgebildet und bestens ausgerüstet ist. Das Kampfjet-Geschwader soll etwa hundert Mig-21 und Mig-23, 15 Mirage F-1 sowie 40 Sukhoi-22 umfassen, die Waffenlager sind offenbar prall gefüllt mit Munition. Die Raketen stammten aus den Arsenalen der ehemaligen Sowjetunion oder seien neuere russische Fabrikate, heißt es in einem Bericht des Zentrums für Strategische und Internationale Studien in Washington. Auch die libysche Flugabwehr soll demnach bestens bestückt sein: Sollte sich der Westen dazu entschließen, ein Flugverbot zu verhängen, könnten die Boden-Luft-Raketen den alliierten Jets durchaus gefährlich werden, sagte US-Generalleutnant David Deptula, ein bis vor kurzem für das Pentagon tätiger Luftwaffenexperte, dem britischen "Economist".

Die Flugzeuge der libyschen Luftwaffe sind auf 13 über das Land verstreuten Basen stationiert, auch russische Kampfhubschrauber vom Typ Mi-25 parken hier. Sie sind im offenen Land, aber auch im Häuserkampf eine gefährliche Waffe. Auf die Hauptstadt Tripolis vorrückende Rebellenverbände müssten damit rechnen, von diesen Helikoptern massiv unter Beschuss genommen zu werden.

Entscheidend für Sieg oder Niederlage könnte jedoch die große Anzahl von Truppentransportern sein, die Gaddafi bei russischen und US-amerikanischen Herstellern eingekauft hat. Die sieben aus Helikoptern und Transportflugzeugen bestehenden Geschwader können regimetreue Einheiten und Nachschub in wenigen Stunden an Kampfschauplätze im ganzen Land bringen.

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Gaddafis Gegenschlag: Kampf um Libyen
Die sich im Osten Libyens formierende Rebellen-Armee hat dem nichts entgegenzusetzen: Sie verfügt gerade mal über eine Handvoll Bomber, die übergelaufene Piloten im Rebellen-Territorium gelandet haben. Für die Versorgung und den Transport ihrer Einheiten stehen den Aufständischen allenfalls Lastwagen und Privatfahrzeuge zur Verfügung.

Noch zögert Gaddafi aber, seine Elitetruppe voll einzusetzen: Am Donnerstag bombardierten Kampfflugzeuge zwar den zweiten Tag in Folge die Hafenstadt Brega. Doch angesichts dessen, wozu die libysche Luftwaffe fähig ist, sind dies eher kleinere Zwischenfälle.

"Gaddafi lässt Testangriffe fliegen"

Dass Gaddafi seine Piloten offenbar noch zur Zurückhaltung angehalten hat, bewerten Experten als taktisches Manöver. "Bisher gab es keine großen Massaker, die Luftwaffe wird kalkuliert eingesetzt, Gaddafi lässt Testangriffe fliegen", sagte Schaschank Joschi vom Royal United Service Institut der "New York Times". Auch wenn der Diktator bei seinen TV-Auftritten geistig verwirrt erscheinen mag, "sind dies keine Entscheidungen eines Mannes, der völlig den Bezug zur Realität verloren hat", so Joschi.

Wie viele Soldaten der 45.000 Mann starken Bodentruppen bereits zur Opposition übergelaufen sind, ist unklar. Dass gerade in Ost-Libyen offenbar ganze Regimenter desertiert sind, scheint Gaddafi im Nachhinein recht zu geben. Der Oberst hat seinen Bodentruppen nie getraut. Grund: Sie bestehen weitgehend aus Wehrpflichtigen - was bedeutet, dass dort auch ihm feindlich gesinnte Stämme stark repräsentiert sind. "Gaddafi hat die Teile der Armee verloren, von denen er schon immer annahm, dass er sie verlieren würde", sagt Nordafrika-Experte George Joffe der "New York Times". Vor allem Mitglieder der von Gaddafi unterdrückten Stämme seien desertiert.

Einen Putsch des Militärs musste Gaddafi immer einkalkulieren - schließlich ist er selbst 1969 so an die Macht gekommen. Um die Gefahr eines Aufstands zu begrenzen, ließ der Diktator Regimenter im regimekritischen Osten gezielt schlechter ausbilden und enthielt ihnen moderne Ausrüstung vor. Außerdem baute er eine Parallelarmee auf: In ihr sollen bis zu 20.000 Söldner aus Schwarzafrika dienen.

Libyen droht ein Bürgerkrieg. Sollte sich der Diktator entscheiden, ihn zu führen, stehen die Chancen für die Aufständischen schlecht, sagt Yehudit Ronen, Libyen-Expertin an der israelischen Bar-Ilan-Universität. "Die Anti-Gaddafi-Allianz kann nur auf die übergelaufenen Soldaten setzen." Selbst wenn diese von einem Freiwilligen-Korps verstärkt würden, stünden sie einem nahezu unbesiegbaren Feind gegenüber: Der Luftwaffe und den Söldnern, die nichts zu verlieren haben. Ronen sagt einen langen Kampf voraus: "Danach wird in Libyen nichts mehr sein wie zuvor."

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1. Das Gebot der Stunde bleibt seit ca. 14 Tagen auch weiterhin, ...
Sapientia 04.03.2011
Zitat von sysopModerne Ausrüstung, loyale Soldaten: Die*Luftwaffe ist die Elitetruppe vo* Gaddafis*Armee. Mit ihr könnte er einen Kampf gegen die Rebellen leicht gewinnen. Die Luftangriffe auf die Hafenstadt Brega sind nur ein Vorgeschmack auf das, was den Gegnern des Despoten drohen könnte. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,748911,00.html
die Luftwaffe der Libyer stillzulegen; klaut das Kerosin oder macht sonstwas, um Infrastruktur vor der Zerstörung und Menschenleben zu retten. Es wird jedenfalls - so lange Gaddafi noch auf seine funktionstüchtige Air Force rechnen kann - spätestens dann, "bis zum letzten Blutstropfen", zu einem Gemetzel kommen, falls ein UN-Mandat praktisch umgesetzt wird mit militärischen Kräften. Umso mehr Vorbereitung dazu man Gaddafi lässt, desto stärker wird er sich wehren können. Richtig wäre es dagegen, sofort wirksam zu werden an der Schlüsselstelle der Wehrhaftigkeit von Gaddafi, und das ist seine Luftwaffe. Ist die gebrochen, begeht Gaddafi entweder "Harakiri", damit man ihn nicht kriegt oder in 20 Jahren nach Den Haag schleift, oder er wird - bevor die sogenannte Befreiung des libyschen Volkes mit UN-Hilfe erfolgt (gemeint ist mit Befreiung die Unterjochung durch Imperialismus) - alles zerstören nach dem Motto: Entweder ich oder gar nichts. Beides - sonst könnte man sich den gesamten UN-Sinn sparen -wäre im Falle der Befreiung schädlich, wenn das befreite Volk erst sein Land wieder aufbauen müsste, mit unseren EU-Steuern natürlich, um die Seeflucht via Lampedusa zu unterbinden.
2. Wegbleiben
Alberon 04.03.2011
Sehr Informativ geschriebener Artikel, doch wir dürfen da auf keinen Fall reingehen. Das müssen diesmal die Araber unter sich klären. Die schuldigen sind immer die, die sich einmischen. Vor allem aber die ungläubigen Kreuzfahrer.
3. Endlich NATO-Luftschläge gegen Gaddafis Militärmaschine!
merapi22 04.03.2011
Zitat von sysopModerne Ausrüstung, loyale Soldaten: Die*Luftwaffe ist die Elitetruppe vo* Gaddafis*Armee. Mit ihr könnte er einen Kampf gegen die Rebellen leicht gewinnen. Die Luftangriffe auf die Hafenstadt Brega sind nur ein Vorgeschmack auf das, was den Gegnern des Despoten drohen könnte. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,748911,00.html
Wir deutschen sind moralisch dazu verpflichtet der neuen Demokratiebewegung zu helfen. Denn in Ostdeutschland 89 hätte sich das selbe abspielen können und die hochgerüstete NVA die Demokratiebewegung wie in China 89 militärisch niederwerfen können. *Endlich NATO-Luftschläge gegen Gaddafis Militärmaschine!*
4. Ich habe so den Verdacht, daß man...
barney_gumble 04.03.2011
...mit diesem Artikel eine Intervention der NATO quasi "herbeifleht"!?
5. -
Vergil 04.03.2011
Zitat von sysopModerne Ausrüstung, loyale Soldaten: Die*Luftwaffe ist die Elitetruppe vo* Gaddafis*Armee. Mit ihr könnte er einen Kampf gegen die Rebellen leicht gewinnen. Die Luftangriffe auf die Hafenstadt Brega sind nur ein Vorgeschmack auf das, was den Gegnern des Despoten drohen könnte. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,748911,00.html
Aber wehe, die USA und die NATO würden - mit UN-Mandat versehen - den Aufständischen zur Hilfe kommen. Dann würde es in ein bis zwei Monaten in einschlägigen SpOn-Foren wieder heißen: Klar gehen die USA nach Libyen, dort gibt es ja schließlich Öl. Der drohende Bürgerkrieg wäre schon nicht so schlimm gekommen.
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Fotostrecke
Libyen-Krise: Machtkampf um Gaddafis Bastionen

Fläche: 1.676.198 km²

Bevölkerung: 6,253 Mio.

Hauptstadt: Tripolis

Staatsoberhaupt und Regierungschef:
Fayez Sarraj (Präsident des Präsidialrates)

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