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Libysche Rebellen: "Kämpft mit uns, steht auf!"

Aus Adschdabiya berichtet

Sie kämpfen mit allem, was sie haben - Schwertern, jahrzehntealten Raketen und Gewehren: Junge Männer im Osten Libyens stellen sich den Angriffen von Gaddafis Milizen entgegen. Sie haben kaum Ahnung von Kriegsführung, aber sind trotzdem siegesgewiss. Ein Bericht aus der Kampfzone.

Gaddafis Gegenschlag: Kampf um Libyen Fotos
REUTERS

Bei der Eroberung von Bengasi half er, den Sprengstoff aus alten Bomben zu transportieren. Jetzt fährt Yusuf an die Front. "Chifarris" rufen sie ihn, mit seinen dunklen Locken und dem roten Stern auf dem Barett, "Che Guevara" meinen sie damit. Seine Mutter kam vor 30 Jahren aus Deutschland, die Vorfahren des Vaters kämpften im Guerilla-Krieg gegen die italienischen Besatzer. Yusuf ist 23. Er sagt: "Soll doch kommen, was da kommen soll."

Am grünen Westtor der Beduinenstadt Adschdabiya wartet er wie die hundert anderen, unschlüssig, ob sie weiterfahren sollen oder nicht. Sie schirmen ihre Augen gegen den Wüstensand ab und schauen nach Westen, Richtung Brega. Dort laufen die Pipelines aus dem Defa-Ölfeld zur Raffinerie der Sirt Oil Company, der zweitgrößten Raffinerie des Landes zusammen. Dort kamen am Morgen die Angreifer mit Flugzeugen und schweren Geschützen. Keiner weiß genau, wie es jetzt dort aussieht, ob die Kämpfe noch andauern. Hinter Brega beginnt der von Gaddafi kontrollierte Westen Libyens.

Die Männer haben einen 107-Millimeter-Raketenwerfer aufgebaut, Seriennummer 281007, 36 Jahre alt, koreanisches Fabrikat. Dahinter steht Asman Bueghi im blauen Tarnfarbenanzug, er ist bereit, auf alles zu feuern, was immer die Straße entlangkommen sollte. "Wenn wir sterben, dann sterben wir alle", sagt er, nimmt eine der Raketen und posiert damit für ein Foto. Sieben Kilometer könnten sie fliegen. Er sei immer Soldat gewesen und werde auch immer Soldat bleiben, und, das wolle er noch sagen: "Wir sind ein gutes Land." Neben ihm stehen grüne Holzkisten mit Explosiv-Warnhinweis im Sand, weiter vorne ein französisches M8-Geschütz, ein lächelnder Rentner passt darauf auf. Dahinter kommt nur noch die Wüste.

Ein Teenager geht mit einem Schwert durch die Menge. "Ich habe keine andere Waffe", sagt er und reckt es in die Höhe: "Ich, Gott und mein Herz." Er hält die Hand an die Brust. Krankenwagen kommen von der Front gefahren, sie bringen die ersten Verletzten, das Hospital von Brega war zu klein für sie. "Weg, weg", schreien die Beifahrer und strecken ihre Arme aus dem Fenster, um die Menge auseinanderzuwinken.

Angriff galt den Ölanlagen

In die andere Richtung fahren Mazdas, Nissans und Toyotas Nachschub an die Front. Auf dem Dach sitzen Kämpfer, mit Tüchern vor dem Gesicht, als Schutz gegen den Sand, sie halten ihre Kalaschnikows hoch und ballern in die Luft. Auch ein altes deutsches Handwerkerfahrzeug ist darunter, hinten steht noch der Werbespruch darauf: "Mit uns als Partner wird Montage kalkulierbar." Angst? Nein, Angst hätten sie keine, sagen die Kämpfer. Aber ihren Glaubensgenossen rufen sie zu: "Betet für uns."

Am Krankenhaus von Brega hört man das dumpfe Vibrieren von Detonationen. Das seien keine Freudenschüsse mehr, sagt Yusuf. Die Gänge sind voll von Helfern, selbst Apotheker haben sich die türkisfarbenen Arztkittel übergestreift. Ein Junge liegt schräg auf dem Bett und lässt sich die Hand verbinden, ein Granatsplitter hat die Daumenwurzel getroffen. "Für Libyen", ruft er und spreizt Zeige- und Mittelfinger der gesunden Hand zum Victory-Zeichen.

Einer der Helfer zeigt auf seinem Handy das verwackelte Video eines Opfers, das am Hals getroffen wurde. Es liegt nicht mehr hier. Eine Spur von Blutstropfen auf den Gehwegplatten führt vom Krankenhaus zu einem kleinen Gebäude, etwa 20 Meter entfernt. In der Kühlkammer drei Tote, die Füße des Mannes in der Mitte sind mit weißem Stoff zusammengebunden. Mehr Plätze gibt es nicht in der Kammer, ein vierter Toter liegt auf einer Trage daneben, notdürftig mit einem Arztkittel abgedeckt. Das Gesicht voll Sand, der an getrocknetem Schweiß und Blut klebt.

Um 5 Uhr früh seien die Gaddafi-treuen Kämpfer aus Richtung Sirt gekommen, der nächsten großen Stadt im Westen, erzählen die Angehörigen, mit etwa 50 Wagen. Sie hätten die Raffinerie, den Flughafen und den Hafen besetzt. Auch ein Flugzeug sei über sie hinweggeflogen. Doch die Kämpfer aus Adschdabiya hätten alle zurückdrängen können.

"Wer ein Auto hat, soll die Mörder verfolgen", ruft ein Fahrer über den Sprechfunk des Krankenwagens mit dem roten Halbmond. Am besten welche mit Allradantrieb, die Angreifer wären in die Wüste geflüchtet. Zwei der Rettungswagen machen sich auf, um die restlichen Toten zu bergen. Als sie in der Nähe der Raffinerie ankommen, treffen sie auf einen Mob.

"Ihr wisst, dass er verrückt ist"

Einen Mann haben sie gefangen, er liegt erschossen mit dem Gesicht auf dem Boden. Ein Mauretanier, sagen die Männer, ein Söldner. Sie winken mit seinen Schuhen, schreien, schleifen ihn über den Boden. Einer zielt mit seiner Kalaschnikow noch einmal auf ihn, die Leute springen vor Schreck auseinander, dann wird die Leiche in einen der Krankenwagen gezerrt.

Yusuf Sultan, einer der Mitarbeiter der Ölraffinerie steigt auf einen Pick-up-Truck und zeigt auf die beiden Leitungen, die sich 200 Kilometer durch die Wüste ziehen. "Es ist das Öl", sagt er, "Gaddafi wollte das Öl haben. Das ist ein gutes Zeichen, da er bald keines mehr hat."

Mindestens 20 Verletzte habe es bisher gegeben und fünf Tote, sagt Nasser El Suhbi, Anästhesist und Notfallarzt, der aus Bengasi gekommen ist, um die Schwerverletzten abzuholen. Dort, in der wichtigsten Stadt des befreiten Landesteils, werden nur noch Notfälle behandelt, erzählt er. 80 Prozent der Krankenschwestern hätten das Land verlassen, die meisten kamen von den Philippinen. Den Ärzten fehlen Medikamente, vor allem Narkosemittel. "Vielleicht reicht es noch einen Monat", sagt Nasser El Suhbi. Bisher kamen die Lieferungen aus Tripolis. Draußen schießt die Menge wieder in die Luft, um ihren Sieg zu feiern. "Sie sollten sich diese Kugeln sparen", sagt er.

Auf der Rückfahrt läuft in den Autos der neue Radiosender des Ostens. "Hier ist Libyens freie Stimme", ruft der Sprecher und wendet sich an Sirt, die nächste Stadt im Westen, aus der die Angreifer vermutlich kamen. "Ich rufe euch, ihr Söhne Sirts, ihr Kinder Libyens. Hört nicht auf diesen Tyrann Gaddafi! Ihr wisst, dass er verrückt ist, er bringt jeden um. Wir lieben euch, wir sind eine Familie, ihr habt schon viele Kriege geführt mit uns. Kämpft wieder mit uns, steht auf!"

Yusuf lehnt am Fenster und winkt: "Sieg", ruft er. Unterdessen greifen zwei Jets in der Nähe Bregas wieder an und werfen Bomben neben einen Krankenwagen. So berichtet es ein dänischer Fotograf, der Augenzeuge war. Doch auch, wenn Gaddafi jetzt wieder angreift, Yusuf will nicht, dass sich der Westen mit Bodentruppen einmischt, nur eine Flugverbotszone soll es geben, das sähen viele in seinem Alter ähnlich, meint er. "Wenn die Amerikaner kommen, dann klauen sie uns unsere Revolution", sagt er.

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insgesamt 26 Beiträge
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1. No-Fly jetzt!
hannah_aus_holland 03.03.2011
Die Welt soll sich schämen! Wann, ja wann endlich wird die lybische Bevölkerung dort geholfen und wird das endlose Gelaber ueber ja/nein No-fly-Zone stoppen?! Reden und zuschauen hilft hier nicht, handeln ist jetzt endlich angesagt! No-Fly jetzt! Und an sonsten.... dort raus bleiben!
2. Es ist zu hoffen,...
ratxi 03.03.2011
Zitat von sysopSie kämpfen mit allem was sie haben - Schwertern, jahrzehntealten Raketen und Gewehren: Junge Männer im Osten Libyens stellen sich den Angriffen von Gaddafis Milizen entgegen. Sie haben kaum Ahnung von Kriegsführung, aber sind trotzdem siegesgewiss. Ein Bericht aus der Kampfzone. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,748757,00.html
...dass diese Revolution erfolg haben wird. Menschen haben endlich den Mut gefunden, aufzustehen, die Welle des Freiheitswillens, die durch jene Region geht, hat sie mitgerissen. Mögen möglichst viele ihren Kampf überleben und hinterher in Freiheit leben können...
3. viva la revolution
telefondesinfizierer 03.03.2011
In libyen ist Bürgerkrieg und der Westen weiß nicht wie er damit umgehen soll. Dabei hätten wir hier eine ziemlich gute Chance zu beweisen, dass wir eben nicht pauschal gegen Muslime voreingenommen sind und wir es ernst meinen mit dem Wunsch nach Frieden und Demokratie auf dieser Welt. Eine Flugverbotszone ist sicher sehr sinnvoll, auch wenn es formal natürlich der erste Eingriff in die Geschicke eines souveränen Staates ist. Ansonsten aber sollte sich der Westen darauf beschränken Hilfe zu leisten. Wir müssen an die libysch-tunesische Grenze und Tunesien dabei helfen, den libyschen Flüchtlingen zu helfen. Die Leute dort brauchen Wasser, Nahrung, Lebensmittel, Medikamente, Ärzte, die Infrastruktur muss verstärkt werden. Ansonsten sagt es der letzte Absatz des Artikels sehr gut: Lasst den Libyern ihre Revolution. Vielleicht ist es der nächste Schritt zu dem was längst überfällig ist: die arabische Aufklärung.
4. Wo bleibt die Hilfe?
lutti16 03.03.2011
Ich verstehe es nicht. Der Westen, vor allem die EU, hatten nun zig Tage Zeit. Ich kann das Zögern in puncto militärischem Eingreifen ja gerade noch verstehen. Aber wo bleiben verdammt nochmal die Hilfslieferungen? Denkt man bei uns, dass in Lybien Wasser, Lebensmittel, Medikamente von Flaschengeistern herbeigezaubert werden? Es war doch absehbar, dass es dort zu erheblichen Mängeln kommen wird. Wenn es wirtschaftliche Zweifel geben sollte: Die paar Millionen für die einzelnen EU-Länder würden in Zukunft hundertfach "zurückgezahlt" werden. Ein demokratisches Lybien wird nicht vergessen, wer in der Not zur Seite stand und geholfen hat. Zur militärischen Seite: Ist die NATO nur ein Karnevalsverein? Wartet man ausschließlich auf die "große" USA? Es muss doch möglich sein, dass die Demokratiebewegung vor Luftangriffen geschützt wird. Zudem hat dieser Irrer mit der Festnahme niederländischer Soldaten eine Grenze überschritten. Das sind verdammte Sch.... unsere Verbündeten, und ganz nebenbei meine Nachbarn, die mir lieb und teuer sind. Was auch nur passieren konnte, weil wieder zu lange gezögert wurde. Ich drücke es mal etwas salopp und bestimmt auch nicht ganz realitätsnah aus: Aber für mein Verständnis müsste längst eine Armada der Nato vor Tripolis liegen. Im ersten Schritt nur um zu zeigen: Hier kann es gewaltig krachen. Ich bezweifel, dass der Wahnsinnige dann immer noch so viele Getreue hätte, denn die haben auch Angst um ihr kleines Leben.
5. .
Andreas Henn, 03.03.2011
Zitat von telefondesinfiziererIn libyen ist Bürgerkrieg und der Westen weiß nicht wie er damit umgehen soll. Dabei hätten wir hier eine ziemlich gute Chance zu beweisen, dass wir eben nicht pauschal gegen Muslime voreingenommen sind und wir es ernst meinen mit dem Wunsch nach Frieden und Demokratie auf dieser Welt. Eine Flugverbotszone ist sicher sehr sinnvoll, auch wenn es formal natürlich der erste Eingriff in die Geschicke eines souveränen Staates ist. Ansonsten aber sollte sich der Westen darauf beschränken Hilfe zu leisten. Wir müssen an die libysch-tunesische Grenze und Tunesien dabei helfen, den libyschen Flüchtlingen zu helfen. Die Leute dort brauchen Wasser, Nahrung, Lebensmittel, Medikamente, Ärzte, die Infrastruktur muss verstärkt werden. Ansonsten sagt es der letzte Absatz des Artikels sehr gut: Lasst den Libyern ihre Revolution. Vielleicht ist es der nächste Schritt zu dem was längst überfällig ist: die arabische Aufklärung.
Eigentlich halte ich auch eine Flugverbotszone für sinnvoll, aber da China diesen Monat im UN-SR den Vorsitz hat, werden dort Massnahmen gegen autoritäre Regime/Diktaturen wohl kaum beschleunigt.
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Fotostrecke
Libyen-Krise: Machtkampf um Gaddafis Bastionen

Fläche: 1.676.198 km²

Bevölkerung: 6,253 Mio.

Hauptstadt: Tripolis

Staatsoberhaupt und Regierungschef:
Fayez Sarraj (Präsident des Präsidialrates)

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