Libyscher Überwachungsstaat Blick in Gaddafis Stasi-Zentrale

Mit einem gewaltigen Überwachungsapparat kontrollierte das Gaddafi-Regime seine Gegner - noch bis kurz vor der Eroberung von Tripolis. In der einst schwergesicherten Zentrale des Geheimdiensts lagern Zehntausende Akten. Ein Ortstermin bei Libyens Stasi.

Aus Tripolis berichtet

SPIEGEL ONLINE

Die Großrechner der Staatssicherheit von Muammar al-Gaddafi laufen bis heute. Ein Piepen, eine Fehlermeldung der riesigen Server, ist schon im Erdgeschoss des unauffälligen sechsstöckigen Gebäudes mitten in Tripolis zu hören. Der schrille Ton kommt direkt aus dem Allerheiligsten des einstigen libyschen Überwachungsapparats. Der "Operation Room" galt als Herzkammer des Dschahis al-Amn al-Dachili, zu Deutsch: interner Sicherheitsapparat. Die Behörde war einer der wichtigsten Geheimdienste des alten Regimes.

Fingerabdruck-Scanner sind an der schwergepanzerten Tür des Zimmers angebracht. Als Hinweis für ungebetene Gäste klebt dort auch ein großes Schild. Unter einem grün leuchtenden Umriss Libyens, verziert mit dem Logo des Dienstes, wird vor Indiskretionen gewarnt: "Helfen Sie, unser Geschäft geheim zu halten", heißt es dort auf Englisch, "sprechen Sie nicht über eingestufte Sachverhalte außerhalb des Hauptquartiers". Bis hierhin kamen nur die treuesten Mitarbeiter des Gaddafi-Apparats.

Der Operationsraum ist ein großer, runder Raum ohne Fenster. Die Wände sind in dunklem Holz getäfelt, über einem Tisch leuchten Neonröhren. Hier liefen die Fäden einer riesigen und extrem professionellen Überwachungsmaschine zusammen. Mit ihr und ihren perfiden Methoden versuchte der schrille Despot seine Bevölkerung unter Kontrolle und sich selbst an der Macht zu halten. Bis zuletzt, bis zum Fall von Tripolis, hat die Krake funktioniert. Das legen Akten nahe, die hier einsehbar sind - einige wurden von Mitarbeitern des TV-Senders al-Dschasira ausgewertet.

Modernste Abhörtechnik für Telefone, Schnüffelsoftware für E-Mails

Jetzt ist der Operationsraum verwüstet. Beim ersten Sturm auf Tripolis brachen Rebellen das Gebäude auf und untersuchten es. Später kamen Plünderer und nahmen Bargeld, Computer, Telefone und alles andere, was ihnen wertvoll erschien, mit. Im Server-Raum neben der Schaltzentrale aber blinken noch viele der Netzwerkanschlüsse in Dutzenden von Schränken. Hier, so erklärt es jedenfalls ein Wachmann der neuen Regierung, seien alle Informationen des Dienstes zusammengelaufen und ausgewertet worden.

Trotz der Verwüstung gibt es eindeutige Hinweise auf modernste Abhörtechniken für Telefone sowie Schnüffelsoftware für E-Mails. Bedienungsanleitungen für Spy-Software von westlichen Firmen liegen verstreut auf dem Boden. Damit versuchte das Regime den Aufstand im eigenen Land, mobilisiert durch die Hilfe von Facebook und andere Netzwerken, aufzuhalten. Im westlichen Ausland deckten sich die Schnüffler mit modernster Technik zum Ausspähen des Internets ein. Hinweisschilder legen nahe, dass Ausländer diese Systeme installiert haben.

Beim Sicherheitsdienst wurde aber nicht nur das Internet überwacht. In den oberen Stockwerken gelagerte Akten belegen intensives Abhören von Telefongesprächen. Die Ergebnisse wurden sorgsam eingetütet in rosa oder gelbe Aktenordner. Die Schergen des Sicherheitsdiensts sammelten Informationen über jeden, der tatsächlich oder auch nur möglicherweise gegen das Regime war. Allein die Menge der Akten über Personen und die detaillierten Angaben legen nahe, dass man das Ausmaß der Überwachung in Libyen durchaus mit dem der Stasi in der DDR vergleichen kann.

Akribische Spitzelberichte

Die Akten in dem Gebäude dokumentieren, wie Gaddafis Schergen das Land überwachten, jeden Hinweis auf eine noch so kleine Opposition sorgsam sammelten und weiterverwerteten. Ein falsches Wort genügte, um ins Visier zu geraten. Wie im Fall eines jungen Mannes, geboren 1973 aus Salata, einem Ort südlich von Tripolis. Penibel hielt der Bearbeiter der Akte fest, Fetin Farah Ali M. habe schlecht über Gaddafi gesprochen und werde möglicherweise andere mit seinem schädlichen Gedankengut anstacheln. Dieses Papier stammt aus dem Jahr 2010, also Monate vor der Revolution.

Der Fall von Fetin zeigt, wie die Maschinerie nach dem ersten Hinweis ansprang. Seite für Seite protokollierten die Schergen ihr Vorgehen. Vorsorglich notiert der Bearbeiter der Akte mehrere Freunde und Bekannte des jungen Mannes und deren Mobiltelefonnummern. Handschriftlich wurde kurz darauf in der Zentrale in Tripolis hinzugefügt, man möge die Anschlüsse sicherheitshalber abhören. Es gibt in der Akte außerdem einen Hinweis auf einen Lehrer des Mannes - auch er müsse zu seinem Schüler befragt werden, heißt es.

Die Akte von Fetin ist nur eine von Zehntausenden in dem Gebäude. Metallschränke und Holzregale sind in zahllosen Räume voll von dicken Mappen. Die Akten auszuwerten würde wohl Jahre in Anspruch nehmen. Die Dokumente belegen: Auch nach der Revolte in Bengasi und der Eroberung Ostlibyens durch die Rebellen versuchte Gaddafis Stasi, den Aufstand gegen die Diktatur zu stoppen.

Was ist mit den Abgehörten passiert?

Zum Beispiel der 28. April: Schon frühmorgens protokollierten Gaddafis Schergen eine für sie wichtige Unterhaltung. Bilgassem S. und Hadi A., von beiden ist die Handynummer in der Akte vermerkt, redeten offenbar über einen Anschlag auf die Regime-Truppen. "Wir sollten besser mit dem Auto kommen, dann ist der Angriff auf die Basis leichter", sagt der eine laut dem Protokoll. "Vor allem sollten wir die Gegend vorher ausspähen, letztes Mal hatten sie dort eine Position mit Grad-Raketen", antwortet der andere. Beide hatten sich offenbar den Rebellen angeschlossen.

Was aus den beiden Männern geworden ist, die aus einem südlichen Vorort von Tripolis stammen, steht nicht in den Akten. Penibel hefteten die Agenten des Dienstes zwar den Studienbescheid eines der beiden Männer ab und auch seinen Führerschein. Doch eine Anweisung, wie mit den beiden nach dem abgehörten Telefonat umzugehen ist, findet sich in der gelben Kladde nicht. Ein Anruf bei den beiden notierten Nummern geht ins Leere, beide sind nicht erreichbar. Ein Rebell, der die Akte kurz überfliegt, zuckt nur mit den Schultern. "Sie sind wohl tot", sagt er, "das lief immer so".



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Seite 1
trubeldubel 02.09.2011
1. .
Dieser Artikel ist auf sämtliche Geheimdienste der Welt anwendbar. Man ersetze den libyschen Geheimdienst im Text durch BND, MAD usw. Das Ergebnis ist das selbe.
Teofredo 02.09.2011
2. Gaddafi's Wunderland
Zitat von sysopMit einem gewaltigen Überwachungsapparat kontrollierte das Gaddafi-Regime seine Gegner - noch*bis kurz vor der Eroberung von Tripolis. In der einst schwer gesicherten Zentrale des Geheimdiensts lagern Zehntausende Akten. Ein Ortstermin bei Libyens Stasi. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,784079,00.html
Nanu, ich höre gar keine Beschwerden, das es sich hierbei um westliche Propaganda der NATO handelt? So eine Überraschung, Gaddafi's Wunderland war ein Überwachungsstaat. Aber den Leuten ging es doch dort so gut! Oder ist die Gaddafi-Stasi immer noch am Werke? Aber niemand möge bitte in einen solch souveränen Staat für Unruhe sorgen. Das ist ja gegen das Völkerrecht, den Freiheitlichen ähm nein rattenartigen Unruhestiftern zu helfen. Ironie aus
atherom 02.09.2011
3. Nur ein Narr
Zitat von trubeldubelDieser Artikel ist auf sämtliche Geheimdienste der Welt anwendbar. Man ersetze den libyschen Geheimdienst im Text durch BND, MAD usw. Das Ergebnis ist das selbe.
vergleicht die Geheimdienste eines despotischen Systems mit BND, MAD usw. Auch, wenn die Letztgenannten mit Sicherheit mit Vorsicht zu geniessen sind.
günterjoachim 02.09.2011
4. Lachnummer!
Die Fotos und die Texte sind eine absolute Lachnummer, Operationszentrale! Genau wie damals die Fotos von den "Giftgasfunden" im Irakkrieg!
atherom 02.09.2011
5. Ja, da melden sich die Verschwörungstheoretiker.
Zitat von günterjoachimDie Fotos und die Texte sind eine absolute Lachnummer, Operationszentrale! Genau wie damals die Fotos von den "Giftgasfunden" im Irakkrieg!
Dank Verhaftung vom Saddam, hat Ghaddafi seine "ehrgeizige" Atompläne aufgegeben und radioaktives Material abgeliefert. Was wäre, wenn er jetzt Atombombe hätte??? Sehen Sie!
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