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US-Blog Platz in der Schlange zu verkaufen

Schlange vor Restaurant in Washington: Essen im Stehen verdient
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Schlange vor Restaurant in Washington: Essen im Stehen verdient

Von Jiffer Bourguignon, Washington


Ewig anstehen, um einen Platz zu bekommen? Wer dafür zu bequem ist, kann in Washington menschliche Platzhalter mieten. Jiffer Bourguignon hat sich mit ihnen vor einem angesagten Gourmet-Tempel eingereiht.

Hochsommer in Washington DC. Es ist 40 Grad schwül. Wie immer in dieser Zeit haben Kongress und Präsident die Stadt Richtung Urlaub verlassen. Das Letzte, was man sich jetzt antun will, ist in der Mittagshitze ein paar Stunden Schlange zu stehen. Oder?

Falsch. Jeden Tag (außer sonntags), zu jeder Jahreszeit, formt sich vor der Tür von "Rose's Luxury" genau dies: eine Schlange. Im vergangenen Jahr wählte das Gastro-Magazin "Bon Appetit" das Restaurant als das beste neue des Landes. Seitdem gehören die 40 Sitzplätze des Ladens zu den begehrtesten der US-Hauptstadt. Man kann nicht reservieren und so müssen die Gäste eben mehrere Stunden anstehen.

Genau das habe ich auch gemacht. Es ist 15:30 Uhr - und es stehen bereits 15 Leute in der Schlange. Ich reihe mich hinter einer Frau sein. Sie heißt Melanie. Wie sich herausstellt, ist sie ein bezahlter "linestander" - ein extra engagierter menschlicher Platzhalter, wenn man so will. Melanie telefoniert gerade und beschreibt ihren Kunden, für die sie ansteht, wie sie aussieht. Wenn sie kommen, sollen die Kunden sie möglichst schnell erkennen.

In unserer digitalen "sharing economy", in der jedermann sein Auto zum Taxi (Uber) und seine Wohnung zum Hotel (Airbnb) machen kann, gibt es offenbar kaum etwas, das man nicht delegieren oder anbieten kann. Wie zum Beispiel Schlange stehen. In der Hauptstadt ist Melanies Job ein neuer Trend. Sie bietet ihre Arbeit über die Website TaskRabbit.com an. Restaurants, Sehenswürdigkeiten - Melanie stellt sich fast überall an. Es gibt sogar Profiwebsiten wie linestanding.com, die in Washington darauf spezialisiert sind, rare Plätze bei Kongress-Anhörungen oder bei Verhandlungen am Supreme Court zu sichern.

28 Dollar die Stunde

"Dies ist mein viertes Mal hier bei Rose's," sagt Melanie. "Manche Schlangesteher sind so oft hier, dass die Kellner schon rauskommen, um sie zu begrüßen." Sie verdient 28 Dollar die Stunde, die Mindest-Mietdauer liegt bei zwei Stunden. Kein schlechtes Geschäft.

Kurz bevor das Restaurant die Türen öffnet, erscheinen ihre Kunden, ein Seniorenehepaar. Sie umarmen Melanie wie eine langjährige Freundin. "Oh, sie ist wunderbar", schwärmen sie begeistert.

Melanie zeigt auf einen jungen Mann mit einer Tüte Pommes in der Hand, der weiter vorne in der Schlange steht. "Das ist Tyrell", sagt Melanie, "ein Kollege." Tyrell erzählt, er habe noch nie selbst bei Rose's gegessen, aber schon mehrmals für andere hier angestanden. "Nächstes Mal bringe ich meine Freundin mit - dann stehe ich für einen Kunden an und sie für uns. Dann verdienen wir uns so das Essen!"

Vor Tyrell stehen Aida und ihr Mann Joe. Sie trinken Bier aus Dosen, die sie hinter ihren Rücken verstecken. Öffentliches Trinken von Alkohol ist auch in DC verboten. "Es ist Joes Geburtstag und wir feiern", sagt Aida. Das Paar ist zum dritten Mal hier - beim ersten Mal vor anderthalb Jahren warteten sie nur zehn Minuten.

Aida und Joe finden es grundsätzlich fair, dass man nicht reservieren kann. "Jeder muss warten - ohne Ausnahme. Bis auf den Präsidenten. Ich habe gehört, dass er nicht warten musste." Tatsächlich, als Barack Obama Anfang August seinen 54. Geburtstag bei "Rose's Luxury" feierte, durfte er direkt reinlaufen. Ohne zu warten. Laut Chefkoch Aaron Silvermann aber nur, weil der Geheimdienst darauf bestanden habe.

115 Leute bei 40 Grad

Als um 17 Uhr die Tür öffnet, werfe ich einen Blick zurück auf die Schlange. Sie zieht sich am Tattoo-Laden nebenan vorbei, weiter an Miss Monica's Hellseher-Shop und mündet um die Ecke in einer Seitengasse. Mittlerweile ist sie auf 115 Leute angewachsen. 115 Leute! Bei immer noch 40 Grad!

Eine Stunde später ist mein Tisch bereit. Als mich die freundliche Hostess dorthin begleitet, komme ich an dem älteren Ehepaar vorbei, das ihren Tisch mit Melanies Hilfe ergattert hat. "Ich habe ganz vergessen zu erzählen, honey", sagt die Dame namens Sheila und hält mich am Arm fest: "Wir feiern auch etwas. Ich habe Thomas vor 30 Jahren kennengelernt, aber dann aus den Augen verloren. Nun haben wir uns wiedergefunden - und könnten nicht glücklicher sein!"

Ich nehme auf einem Hocker an einer Art Bar direkt vor der offenen Küche Platz und warte auf das, weswegen wir alle ja eigentlich hier sind: das Essen. Die Auswahl ist nicht allzu groß, man konzentriert sich auf eine Handvoll Gerichte, serviert in tapas-artigen Portionen: Jakobsmuscheln mit Krabben-Ceviche. Sommergemüse "Panzanella". Steak an japanischem Senf, Aal-Sauce und frittierten Zucchini. Der Salat des Hauses besteht aus Habanero-Pfefferschoten, Erdnüssen, roten Zwiebeln, Koriander, Lychee und Bratwurst. Mit einem pochierten Ei ist er hübsch arrangiert. Geschmacklich besonders überraschend: Spaghetti mit scharfer Erdbeer-Soße. Ungewöhnlich. Aber es passt alles doch zusammen und ergänzt sich gut.

Einen "linestander" würde ich übrigens trotzdem nicht engagieren. Ich würde das Geld lieber in eine gute Flasche Wein investieren und das Schlangestehen als Teil des Ereignisses betrachten.



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19 Leserkommentare
Tante_Frieda 20.09.2015
licorne 20.09.2015
Hans Fass 20.09.2015
held_der_arbeit! 20.09.2015
DerZauberer 20.09.2015
bettyblue 20.09.2015
cdrb 20.09.2015
MarkusW77 20.09.2015
Korken 20.09.2015
humorrid 20.09.2015
pille! 20.09.2015
bratwurst007 20.09.2015
Strichnid 20.09.2015
thorsten35037 20.09.2015
k70-ingo 20.09.2015
diamant- 20.09.2015
13wahlstratege 20.09.2015
13wahlstratege 20.09.2015
facemelter 20.09.2015

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