KP-Funktionär versetzt: Ferrari-Unfall erschüttert Chinas Elite

Von Sandra Schulz, Schanghai

Ein Sportwagen rast in eine Mauer, einer der Insassen stirbt. Knapp sechs Monate später verliert ein enger Vertrauter des Präsidenten seinen Posten. Er soll der Vater des jungen Autofahrers sein - und damit hat China einen neuen Skandal. Die Staatszensur blockiert Informationen im Netz.

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KP-Politiker Ling Jihua: "Spezieller Hintergrund"

Dieses Jahr läuft nicht gut für Chinas Kommunistische Partei. Gerade war das Urteil über Bo Xilais Frau gesprochen worden, gerade wollte man sich auf den nahenden Parteikongress und den kommenden Führungswechsel einstimmen, da braut sich schon wieder etwas zusammen.

Die Zutaten dieses Mal: nicht Gift, Geld und eine Politikerfrau, sondern ein demolierter Sportwagen, drei Unfallopfer und - so heißt es - der Sohn eines engen Vertrauten von Staatspräsident Hu Jintao. Doch wieder einmal bleiben Zweifel, wie die Faktenlage eigentlich ist, wer wen benutzt im Machtspiel hinter den Kulissen, wer ein Interesse daran hat, dass Informationen öffentlich werden und wann sie es werden.

Fest steht, dass die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua am Wochenende die Versetzung des hochrangigen Funktionärs Ling Jihua auf einen niedrigeren Posten meldete. Fest steht auch, dass sich im März dieses Jahres gegen vier Uhr morgens ein schrecklicher Autounfall in Peking ereignete. Dabei starb, laut damaligem Bericht der Parteizeitung "Global Times", der Fahrer eines Ferrari, seine zwei Begleiterinnen wurden ins Krankenhaus eingeliefert. Wer der Fahrer war, sagte die Zeitung nicht.

Knapp ein halbes Jahr später hat die in Hongkong ansässige, renommierte "South China Morning Post" enthüllt, laut ihren Quellen sei der Unfallfahrer ein junger Mann namens Ling Gu gewesen - Sohn jenes Ling Jihua, der jetzt degradiert wurde. Und egal, welche Wendung die Geschichte noch nimmt: Der Aufruhr jetzt wird Hus Machtbasis nach seinem Abtritt schwächen.

Wut auf die "zweite Generation der Reichen"

Bemerkenswert ist, dass die "Global Times", die unter der Ägide des KP-Zentralorgans "Renmin Ribao" erscheint, bei der also kein Journalist einfach mal schreibt, was ihm in den Kopf und in den Block kommt, ihre Leser bereits im März neugierig machte. Da berichtete sie freimütig über die Zensurmaßnahmen im Internet und zitierte einen anonymen Anwohner mit den Worten: "Das beweist nur, dass dieser junge Mann einen speziellen Hintergrund haben muss, vielleicht ist er der Sohn eines hochrangigen Beamten." Es ist ein vielsagendes Zitat.

Einerseits mag sich hier einer aus dem Machtzirkel der KP der "Global Times" bedient und einen Hinweis auf die Identität des Fahrers gegeben haben. Andererseits äußert jener anonyme Anwohner tatsächlich das, was viele Chinesen denken: Die Kinder der Reichen und der Mächtigen können sich alles leisten, jedes Privileg und jedes Vergehen - und am Ende werden sie noch gedeckt.

Berüchtigt ist die "zweite Generation der Reichen", wie sie in China heißt, für ihre Prahlerei, ihre Rücksichtslosigkeit am Steuer und ihre Unverfrorenheit: Mal stirbt ein 16-jähriges Mädchen durch einen betrunkenen Porsche-Fahrer, mal schlägt ein Mann ein Kind und erklärt grinsend, als er abgeführt wird: Sein Vater sei der Bürgermeister. Das stimmte zwar nicht, doch war der Vater immerhin Firmenboss. Zur Redewendung in China wurde der Ausspruch eines jungen Mannes, der erst zwei Studentinnen anfuhr und sich dann aus der Affäre ziehen wollte mit dem Spruch: "Verklag mich doch, wenn du es wagst. Mein Vater ist Li Gang!" Ein hochrangiger Polizeibeamter.

"Was für eine grausame, unfaire Gesellschaft"

Bei jedem neuen Unfall mit einem Luxusauto, bei jedem neuen Verkehrstoten bloggen sich die Chinesen ihren Zorn von der Seele. "Der Kerl müsste erschossen werden!", wütete ein Nutzer, nachdem im Juli ein betrunkener 23-Jähriger zwei Menschen bei einem Autounfall getötet hatte, auf dem Rückweg von einer Karaoke-Bar. "Was für eine grausame, unfaire Gesellschaft. Gute Chancen haben nur die Kinder der Beamten und die zweite Generation der Reichen. Abscheulich!", schrieb ein anderer.

Gerade weil die Geschichte vom Unfallfahrer Ling Gu so glaubwürdig ist und dem Ruf der Funktionäre und Funktionärskinder weiter schadet, versucht die Partei nun wieder, Informationen zu deckeln. Noch nicht einmal der Tod des Fahrers ist bisher zweifelsfrei bestätigt, unterschiedliche Medien zitieren unterschiedliche Quellen mit unterschiedlichen Aussagen.

Jedes Ereignis ist den Chinesen eigentlich einen Kommentar beim Kurznachrichtendienst Sina Weibo wert, doch wer nun beispielsweise die Suchworte "Ling Jihua" oder "Ferrari Autounfall" eingibt, sieht die immer gleiche Nachricht auf dem Bildschirm: "Gemäß entsprechender Gesetze und Regulierungen können die Suchergebnisse nicht angezeigt werden."

Beim Dienst Tencent ist sogar das Wort "Ferrari" geblockt. Die Online-Ausgabe der Parteizeitung "People's Daily" berichtet zwar auf ihrem eigenen Weibo-Account über den Jobwechsel von Ling Jihua. Doch Kommentare von anderen Nutzern, wie sonst üblich, wurden auf der Website dieses Mal nicht zugelassen. Die Antwort an alle, die es versuchten, war: "Das System ist beschäftigt, bitte versuchen Sie es später."

Dennoch finden die Chinesen immer wieder Wege, die Zensoren auszutricksen, mit Sprachspielen und Phantasie. Und so ließen sich doch ein paar Einträge finden. "Ist Ling Jihua gescheitert wegen seines Sohnes, der Probleme bereitet, oder weil er zum falschen Team gehörte?", schrieb einer. Ein anderer versorgte die Chinesen mit einem Link zum entsprechenden Reuters-Artikel, und sofort meldeten sich andere Nutzer zu Wort. "Es ist wichtig, Englisch zu lernen", fand einer. Ein anderer schrieb: "Bei den Dingen im Inneren sind die draußen immer besser informiert." Dann wurden auch diese Einträge gelöscht.

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1. Kommunismus pur
spon-facebook-1577353037 04.09.2012
Wie schön für Ferrari, dass jeder Chinese einen Wagen bei Ihnen bestellt hat! Aktioen auf KAUFEN setzen ;-))
2. Typischer Frühkapitalismus
ein-berliner 04.09.2012
Auch diese Bande wird einmal gehen müssen
3. Kuriose Sippenhaft
dunnhaupt 04.09.2012
Wenn mein Sohn mit seinem Ferrari tödlich verunglückt, dann verliere ich selbstverständlich ein halbes Jahr später meinen Job im Politbüro, Schließlich bin ich sein Vater. Das ist doch völlig logisch, oder?
4.
Ghanima22 04.09.2012
Zitat von sysopAPEin Sportwagen rast in eine Mauer, einer der Insassen stirbt. Knapp sechs Monate später verliert ein enger Vertrauter des Präsidenten seinen Posten. Er soll der Vater des jungen Autofahrers sein - und damit hat China einen neuen Skandal. Die Staatszensur blockiert Informationen im Netz. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,853833,00.html
Worin besteht jetzt genau der Skandal? Das der Sohnemann einen Ferrari besass, sich damit umgebracht hat, seine beiden Begleiterinnen im Krankenhaus gelandet sind und eine Mauer in Peking beschädigt wurde oder das der Vater vermutlich dafür statt Beileidsbekundungen, wie das in Europa üblich wäre, strafversetzt wurde? Ist der Skandal die Tatsache, das bei einem Unfall mit einem Ferrari ein Mensch getötet und zwei verletzt wurde und daraufhin angeblich Tencent nun sogar den Suchbegriff "Ferrari" gesperrt hat was unserer südlicher Pleitekandidat Italien, der dringend auf Exporte angewiesen ist, nun quasi als Boykott von Ferraris nach China missverstehen könnte? Liegt der Skandal vielleicht gar darin, das Chinesen europäische Luxusautos in Massen importieren (und diese sicher in höheren Masse als andere Kunden in Verkehrsunfällen auch wieder zerlegen) und diese Autos sogar, im Gegensatz zu den Kunden in unserer südlichen Peripherie, selbst bezahlen? Der Artikel hinterlässt mich verwirrt. Ich bin aber sicher, in den nächsten Arbeitstagen wird uns SPON mit einem positiven Artikel beglücken "Hoffnung für Italien, China kauft Ferraris". Vielleicht kriegt ja SPON noch irgendwo einen Artikel unter, "In China ist kein Sack Reis umgefallen, diesmal war es eine Mauer".
5. lustige dinge
endymion37 04.09.2012
ach, wenn die chinesen "Ferari" aus dem Internet sperren, dann hilft ja das ja ohnehin nicht viel, weil er ja dort Felali heisst...lustig jedenfalls, wie die Opium-Clique mit ihren Prolemen umgeht... aber fast noch lustiger ist die autorin, die vermutlich tatsächlich glaubt, dass hierzulande journalisten wirklich schreiben können, was ihnen in sinn und block kommt.... funny.
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