Linke-Abgeordneter in Nordkorea "Das ist jetzt alles für die Katz"

Er wollte den Tourismus ankurbeln und die Beziehungen verbessern, doch dann kam das Artilleriegefecht mit Südkorea dazwischen. Trotzdem schwärmt der Linke-Bundestags-Abgeordnete Thomas Lutze von den Sehenswürdigkeiten Nordkoreas - und will bald zurück nach Pjöngjang.

Interview mit der Staatszeitung: Linken-Abgeordneter Thomas Lutze in Pjöngjang.
Sebastian Meskes

Interview mit der Staatszeitung: Linken-Abgeordneter Thomas Lutze in Pjöngjang.


SPIEGEL ONLINE: Herr Lutze, die Welt schaut gebannt nach Korea. Sie waren gerade neun Tage in Nordkorea. Was wollten Sie dort?

Thomas Lutze: Ich komme aus der DDR, da ist so ein geteiltes Land natürlich spannend für mich. Ich bin seit einem Jahr in der Deutsch-Koreanischen Parlamentariergruppe und wollte mir mein eigenes Bild vom Norden machen. Also bin ich mit meinem Büroleiter hingeflogen.

SPIEGEL ONLINE: Sie saßen schon im Flieger zurück nach Deutschland, als das Artillerie-Gefecht zwischen Nord- und Südkorea ausbrach, das jetzt die Welt in Atem hält.

Lutze: Ich habe sofort nach der Landung in Frankfurt auf dem Handy gesehen, was passiert ist. Ich war total geschockt. Einen Tag zuvor war ich noch an der Demarkationslinie, die Norden und Süden trennt. Wie die innerdeutsche Grenze sozusagen. Hätte ich vorher gewusst, was dort nun passieren würde, wäre ich in Deutschland geblieben.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die Stimmung im Norden vor der Zwischenfall empfunden?

Lutze: Alle meine Gesprächspartner haben gesagt: "Zurzeit herrscht hier eine angespannte Sicherheitssituation." Ich habe das zunächst als Floskel abgetan. Was man halt so sagt in einem geteilten Land. Genau wie in der DDR damals. Jetzt weiß ich es besser.

SPIEGEL ONLINE: Wen haben Sie denn dort getroffen?

Lutze: Viele wichtige Nordkoreaner. Ich habe mir mit dem Leiter der Verkehrsbehörde den Hauptbahnhof in Pjöngjang angeschaut. Das ergiebigste Treffen war mit einem Tourismus-Chef, das ging den ganzen Abend. Mir ging es beim Besuch um Austausch in den Bereichen Tourismus und Verkehr.

SPIEGEL ONLINE: Urlaub in Pjöngjang - hört sich nicht sehr verlockend an.

Lutze: Im Bundestag sitze ich im Tourismusausschuss. Jedes Jahr kommen immerhin als 300 Touristen aus Deutschland nach Nordkorea. Und die Nordkoreaner wollen, dass es 3000 pro Jahr werden. Sie haben auch ein paar imposante Hotels auf westlichem Niveau, tolle Berge mit Gebirgsseen, Badeorte an der Küste. Die Voraussetzungen sind alle da.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt jetzt nach Werbung für Nordkorea.

Lutze: Nein, nein. Die Prospekte der Hotels sind alle 20 Jahre alt - und man sieht überall, dass 20 Jahre nichts gemacht worden ist. Wie im Ostblock in den Achtzigern. Das lässt der deutsche Tourist doch nicht mit sich machen. Ich habe auch klar gemacht: Dass man in Nordkorea seine Reisegruppe nicht verlassen darf, geht gar nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wurden Sie auch rund um die Uhr bewacht?

Lutze: Mein Mitarbeiter und ich hatten rund um die Uhr einen Begleiter, der kein Wort Deutsch oder Englisch sprach, und einen Dolmetscher. Auch der Protokollchef der Parlaments hat mich begrüßt. Der Service war vorbildlich.

SPIEGEL ONLINE: Service? Doch wohl eher die Überwachung.

Lutze: Ja, bei den offiziellen Gesprächen waren auch immer zwei Koreaner dabei, die jedes Wort mitgeschrieben haben. Die haben selbst kein Wort gesagt, aber sicherlich Deutsch verstanden. Viele dort haben ja in der DDR studiert. Als ehemaliger DDR-Bürger konnte ich mich gut in die hineinversetzen.

SPIEGEL ONLINE: Durften Sie Fotos machen?

Lutze: Ja. Nur keine Bilder von Militärs, wovon es immer ziemlich viele gab. Sonst wurde die Kamera nie kontrolliert. Wobei: Manchmal machte unser stummer Begleiter Gruppenfotos von uns. Ich gab ihm meine Kamera und er hantierte dann immer sehr lang damit herum. Vielleicht tat er nur so, als ob er damit nicht umgehen kann. Auch solche Spielchen kenne ich aus der DDR.

SPIEGEL ONLINE: Ausgerechnet ein Linker, der in der DDR aufgewachsen ist, reist in die sogenannte Steinzeit-Diktatur Nordkoreas. Das ist doch ein gefundenes Fressen für die politischen Gegner in Berlin.

Lutze: Ein paar Kollegen haben gesagt: Die Reise hätte doch nicht sein müssen. Aber das ist doch albern. Man muss auch in solche Staaten reisen dürfen. Selbst die Stiftungen von CSU und FDP haben hier Büros. Ich bekunde damit keine Sympathie für das Regime. Von Bundestagspräsident Lammert habe ich sogar einen Dienstreise-Auftrag bekommen. Mein Besuch war ein Beitrag zur Entspannung. Ich werde dem Parlament ausführlich berichten.

SPIEGEL ONLINE: Was werden Sie berichten?

Lutze: Wenn die Lage am Dienstag nicht eskaliert wäre, hätte ich verlangt, dass wir gemeinsam mehr kooperieren und den Tourismus weiterentwickeln müssen. Das ist jetzt alles für die Katz. Aber ich möchte bald noch einmal hinfahren.

Das Interview führte Fabian Reinbold.



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husker 29.11.2010
1. Bigott.
Das Regime nicht gutheißen aber mit Forderungen nach mehr Tourismus finanziell unterstützen wollen - wie kann man sein Hirn nur so quälen bis sowas dabei rauskommt...
postbote101 29.11.2010
2. ...
Zitat von sysopEr wollte den Tourismus ankurbeln und die Beziehungen verbessern, doch dann kam das Artilleriegefecht mit Südkorea dazwischen. Trotzdem schwärmt der Linke-Bundestags-Abgeordnete Thomas Lutze von den Sehenswürdigkeiten*Nordkoreas - und will bald zurück nach Pjöngjang. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,731323,00.html
Wie naiv muss man sein um Nordkorea als Tourismus Ziel zu erschliessen? 300 deutsche kommen als Touristen jährlich nach NK. Was war das? Eine Flugzeugentführung? Treibstoffmangel? Notlandung? Verlaufen? Oder werden die Überwachungs-Super-Stealth-Flieger der Amis nun schon als Touristen angesehen? Herr Lutze, wenn Sie wirklich was unternehmen wollen, dann bleiben Sie in Deutschland und schippen Sie lieber in Ihrem Wahlkreis den frisch gefallenen Schnee weg. Das ist sinnvoller als aus NK ein neues Urlaubsziel zu machen.
testthewest 29.11.2010
3.
Zitat von sysopEr wollte den Tourismus ankurbeln und die Beziehungen verbessern, doch dann kam das Artilleriegefecht mit Südkorea dazwischen. Trotzdem schwärmt der Linke-Bundestags-Abgeordnete Thomas Lutze von den Sehenswürdigkeiten*Nordkoreas - und will bald zurück nach Pjöngjang. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,731323,00.html
Im Grunde sollte man nicht mit Verbechern diskutieren, weder über Tourismus noch sonst was. Wir brauchen nichts von NK, man könnte also mal ausnahmsweise seiner Moral folgen. Jede Diplomatie hilft dem Regime, legitimisiert es, wertet es auf.
hatem1 29.11.2010
4. Gulliver im Land der Zwerge
Das Foto sieht ja beängstigend aus. Ist Herr Lutze über 2 Meter groß oder sind die Nordkoreaner alle noch kleinwüchsiger als Asiaten im allgemeinen? Oder ist das eine Folge der Mangelernährung? Wahrlich, ein rätselhaftes Land.
sic tacuisses 29.11.2010
5. zu Weihnachten mal keine Edelschreiber für die
Zitat von testthewestIm Grunde sollte man nicht mit Verbechern diskutieren, weder über Tourismus noch sonst was. Wir brauchen nichts von NK, man könnte also mal ausnahmsweise seiner Moral folgen. Jede Diplomatie hilft dem Regime, legitimisiert es, wertet es auf.
Herren und Damen Abgeordneten sondern mal ein paar Flugkilometer auf Staatskosten. Hatte sich nicht mal irgendwann die Masse über freemiles eines Grünen echauffiert ?
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