Israels Linke Zurück in die Zukunft

Israels Gründer waren stramme Sozialisten. Heute dominiert die politische Rechte das Land. Die neuen Chefs der linken Parteien wollen das ändern. Sie haben Chancen.

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Aus Tel Aviv berichtet


Etwa zwei Dutzend Grundschulkinder sitzen auf Klappstühlen im kleinen israelischen Unabhängigkeitsmuseum von Tel Aviv. Gespannt lauschen sie der knarzigen Stimme, die aus den Lautsprechern schallt.

Es ist Staatsgründer David Ben-Gurion, der da spricht und die Unabhängigkeit des jüdischen Staates verkündet. Die Aufnahme stammt vom 14. Mai 1948. Noch immer kennt in Israel jedes Kind den alten Mann mit den weißen Haaren. Er ist der Übervater der Nation.

Dabei klang Ben-Gurion oft ganz anders als die heutige rechtsgerichtete Regierung. In seiner Rede vor 70 Jahren sagte er: Israel werde "all seinen Bürgern ohne Unterschied von Religion, Rasse und Geschlecht, soziale und politische Gleichberechtigung verbürgen."

Die Gründungsväter und -mütter des Staates waren stramm links. Sie waren die Zukunft, träumten von einem Arbeiter- und Bauernstaat am Mittelmeer. Heute, Jahrzehnte und viele Kriege später, ist davon kaum noch etwas übrig.

Unabhängigkeitsmuseum, Tel Aviv
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Unabhängigkeitsmuseum, Tel Aviv

Israels Politik wird von rechten Parteien bestimmt, der Rothschild-Boulevard in Tel Aviv, wo sich das Unabhängigkeitsmuseum befindet, ist eine Flaniermeile mit verglasten Hochhäusern, Espresso-Bars, internationalen Fastfood-Ketten und Leihfahrradstationen.

Vom Arbeiter- und Bauernstaat zur Start-up-Nation

Das Start-up-Land, dessen Bevölkerung sich in den vergangenen sieben Jahrzehnten auf rund 8,8 Millionen mehr als verzehnfacht hat, erlebt einen Wirtschaftsboom.

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bescheinigt Israel "weiterhin eine bemerkenswerte Leistung mit starkem Wachstum".

Die 37 Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung - 35 Männer, zwei Frauen - hätten diese Entwicklung wohl kaum für möglich gehalten.

Video: Israelis zum Gründungsjubiläum

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Auch Yossi Beilin ist erstaunt. Der ganz in Schwarz gekleidete Mann sitzt in seinem noblen Appartement in Tel Aviv. Ein Portier bewacht den Hauseingang. Beilin war stellvertretender Außenminister, stellvertretender Finanzminister und Justizminister. Er wurde 1948 geboren, knapp vier Wochen nach der Staatsgründung. "Ich glaube nicht an Wunder, aber der Staat Israel ist wie ein Wunder", sagt er.

Beilin gilt als Architekt hinter dem Oslo-Prozess, der Israelis und Palästinenser in den Neunzigerjahren so nah an einen Frieden brachte wie nie zuvor und danach. Außerdem ist Beilin als einziger führendes Mitglied in beiden linken Parteien gewesen - der Arbeiterpartei Avoda und der links-grünen Meretz.

Yossi Beilin
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Yossi Beilin

Die sind seit Jahren in der Opposition. Gründe gibt es viele. Vor allem: Es fehlte den letzten Parteivorsitzenden an Charisma. Premier Benjamin Netanyahu hatte leichtes Spiel gegen sie, verglich sich selbst unlängst sogar mit Staatsgründer Ben-Gurion.

Für viele Linke ein Sakrileg. Ihre Hoffnung liegt auf Avi Gabbay, der seit vergangenem Jahr die Avoda führt, und Tamar Zandberg, die vor wenigen Wochen zur neuen Meretz-Chefin gewählt wurde.

"Wunderkind" und "Leuchtturm"

Beilin bezeichnet Gabbay als "Wunderkind". Von Zandberg, die er "Tami" nennt, erwartet er, dass sie ein "Leuchtturm" für Israels Demokratie wird. Diese sieht er durch die rechtsgerichtete Regierung in Gefahr.

Hardliner im Kabinett fordern etwa eine teilweise Annektierung des 1967 im Sechstagekrieg eroberten Westjordanlandes. "Möge Gott das verhindern", sagt der säkulare 69-Jährige.

Aber nicht nur die Palästina-Politik kritisiert er, sondern auch die Attacken der Regierungsparteien auf den Obersten Gerichtshof. Dessen Befugnisse sollen drastisch eingeschränkt werden, das Parlament künftig Gesetze, die als verfassungsfeindlich ausgesetzt wurden, erneut verabschieden können.

"Macht, nicht die reine Lehre"

Gabbay und Zandberg können ein Bollwerk gegen diese Entwicklung sein, sagt Beilin. Zandberg, 42, ist die einzige Parteichefin in Israel. Sie lebt mit ihrem Partner, einem prominenten Ex-Friedensaktivisten der regierungskritischen NGO B'Tselem, in Tel Aviv.

Tamar Zandberg
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Tamar Zandberg

Bei den nächsten Wahlen, die im November 2019 stattfinden sollen, will sie die Knesset-Mandate ihrer Partei verdoppeln, von fünf auf zehn Sitze. Ihr Ziel: "Macht, nicht die reine Lehre." So lautete ein Gastbeitrag, den Zandberg in der Tageszeitung "Haaretz" veröffentlichte. Mit anderen Worten: Opposition ist Mist.

Auch Avi Gabbay, 51, will regieren. Er hat es als Sohn marokkanischer Einwanderer aus einfachsten Verhältnissen zum Chef des Telekommunikationsgiganten Bezeq gebracht. Der Millionär ist neu in der alten Arbeiterpartei.

Avi Gabbay
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Avi Gabbay

Der politische Quereinsteiger erreicht Wähler, die noch nie oder lange nicht mehr für Avoda gestimmt haben. Er schafft das mit markigen Worten, die mehrheitsfähig in der nach rechts gerückten Gesellschaft sind. Etwa: Ein vereintes Jerusalem unter israelischer Kontrolle sei wichtiger als ein Frieden mit den Palästinensern.

Während sich die Avoda unter Gabbay als Zentrumspartei positioniert, bleibt Meretz unter Zandberg wie seit ihrer Gründung 1992 links außen. Damals war die Partei, deren deutsche Übersetzung "Energie" bedeutet, mit dem Wortspiel "Nimraz Rabin" angetreten: "Rabin Energie verleihen". Das Ergebnis: Avoda-Chef Jitzchak Rabin wurde Premier, Meretz Regierungspartei.

Zandberg und Gabbay wissen, dass sie die politische Wende nicht alleine schaffen. In Israels zerklüftetem Parteiensystem gilt heute die Faustregel: Links- und Zentrumsparteien kommen zusammen auf etwas weniger als 40 Prozent der Wähler, Rechts- und Zentrumsparteien zusammen auf etwas mehr als 40 Prozent. Beide Seiten sind auf Unterstützung angewiesen. Die Rechte auf religiöse, die Linke auf arabische Parteien.

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70 Jahre Israel: Die Linke träumt von der Macht

Netanyahu ist trotz guter Umfragewerte nicht unantastbar - und mit Pragmatismus wohl schlagbar. Zandberg ist pragmatisch. Sogar eine Zusammenarbeit mit der nationalistischen Partei von Verteidigungsminister Avigdor Lieberman schließt sie nicht aus.

"Boxen statt schwätzen"

Auch Gabbay gilt als flexibel. Unterstützt wird er von einer Phalanx ehemaliger Generäle, Geheimdienstchefs - und von Ehud Barak. Seit Monaten attackiert der 76-jährige ehemalige Premier, Außen- und Verteidigungsminister, der gerade seine Memoiren veröffentlicht hat, Netanyahu. Er vergleicht diesen aufgrund der zahlreichen Korruptionsskandale mit einem Mafia-Paten.

Beide kennen sich seit Jahrzehnten. Netanyahu diente als junger Elitesoldat unter Barak. "In der Politik geht es nicht ums Schwätzen, es geht ums Boxen", sagte er vor wenigen Monaten dem US-Magazin Politico.

Die Grundschulklasse im Unabhängigkeitsmuseum hat von diesem Kampf um die Macht nichts mitbekommen. Als die Stimme von David Ben-Gurion aus den Lautsprechern verstummt, ertönt ein Lied. Die kleinen Kinder springen von den großen Klappstühlen auf und versuchen mitzusingen. Es ist die Nationalhymne, "Hatikva". Auf Deutsch: "Die Hoffnung". Israels Linke hat sie wiedergefunden.

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