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Frankreichs Ultralinker Mélenchon: Roter Volkstribun spaltet das linke Lager

Aus Lille berichtet

Jean-Luc Mélenchon ist der Shootingstar im französischen Präsidentschaftswahlkampf. In Umfragen liegt der Kandidat der Linken Front auf Kurs dritter Platz - zum Verdruss des Sozialisten Hollande, der befürchten muss, dass ihm wichtige Stimmen im linken Spektrum verlorengehen.

Jean-Luc Mélenchon: Der Klassenkampf-Rhetoriker Fotos
AFP

Bei Jean-Luc Mélenchon ist alles anders: Die Projektionswand hinter dem Podium erstrahlt nicht im republikanischen Einheitsblau der anderen Kandidaten, sondern in symbolischem Tiefrot. Der Spitzenmann der Linken Front für die Präsidentschaftswahl in knapp vier Wochen grüßt mit erhobener Faust, und statt der üblichen Reformrhetorik verbreitet er brachiale Klassenkampf-Slogans. Zum Ausklang seiner Meetings ertönt nicht nur die "Marseillaise", sondern auch die mit Inbrunst geschmetterte "Internationale".

Auch sein Publikum ist anders. Die Menschen, die am Dienstagabend vor der Bühne des "Grand Palais" in Lille versammelt sind, haben wenig gemein mit den braven Bürgern von Nicolas Sarkozy oder den biederen Genossen des François Hollande. Hier überwiegen gegerbte Gesichter, gestandene Arbeiter, Studenten und Schüler mit glänzenden Augen. Sie rufen Slogans wie "Gebt nichts ab" oder skandieren schlicht "Widerstand, Widerstand". Die gefühlte Stimmung brodelt vor revolutionärem Elan, als Mélenchon vor 15.000 Fans ans Podium tritt - vor der Halle haben sich weitere 7000 Zuhörer eingefunden.

Mélenchon - "Méluche" für seine Freunde - zieht ohne Manuskript und mit drohendem Zeigefinger über die Profiteure der Globalisierung her, über die Plage der Finanzwirtschaft und der Reichen. Es folgt ein ökologischer Exkurs, Beschimpfungen des rechtsextremen Front National und der sozialistischen Konkurrenz - und schließlich die Forderung nach einer "anderen Welt", in der "Solidarität, Einheit und Gleichheit" herrschen.

Übersetzt als Wahlprogramm: Rückkehr zur 35-Stundenwoche und der Rente mit 60 Jahren, Erhöhung des Mindestlohns und eine Deckelung der Manager-Gehälter.

Vor einem halben Jahr noch im Keller der Umfragen

Der 61-jährige Chef der "Partie de Gauche" ist im Aufwind. Am Morgen hat eine Umfrage einmal mehr sein Vorrücken in der Wählergunst belegt; der Vertreter des Wahlbündnisses aus "Front de Gauche", Kommunistischer Partei und versprengten linken Formationen, hat im Ranking der Kandidaten längst die magische Zehn-Prozent-Hürde überschritten und schickt sich an, François Bayrou zu überholen, den Vertreter der Zentrumspartei "Modem". In einigen Erhebungen hat Mélenchon sogar schon Marine Le Pen vom rechtsextremen Front National überflügelt. Und da sich der Kampf um den Elysée zunehmend als Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den beiden Top-Favoriten Nicolas Sarkozy und François Hollande von der Sozialistischen Partei (PS) gestaltet, könnte der radikale Linke am 22. April das Zünglein an der Waage spielen.

Der Auftrieb in den Umfragen ist ein Triumph für Mélenchon, den die politische Konkurrenz, aber auch Medien und Politologen noch vor einem halben Jahr als linke Lachnummer im Keller der Umfragen verorteten. Der gelernte Journalist zählte lange zu den Promis der Sozialisten. Mélenchon fungierte als lokaler Ratsherr, Erziehungsminister und Senator. Ideologisch stets auf dem linken Flügel verankert, bricht er 2008 mit der PS. Im Februar darauf gründet er die Parti de Gauche (PG), nach dem Vorbild der deutschen Linkspartei und mit Hilfe seines Kumpels Oskar Lafontaine.

Die neue Formation, Motto: "Ökologie, Sozialismus und Republik", versteht sich als Sammelbecken der versprengten Linken; Mélenchon wird nach den Europawahlen im Juni 2009 der einzige Abgeordnete seiner Partei im Straßburger Parlament. Zugleich arbeitet der PG-Chef an einem breiten Bündnis mit Kommunisten und einem halben Dutzend von radikalen Formationen am tiefroten Rand des Parteienspektrums - seit vergangenem Sommer fungiert er als Kandidat des Wahlbündnisses Front de Gauche - Linke Front.

Attacken auf das Establishment der V. Republik

Den Kampf gegen die Etablierten der Parteienlandschaft geht er daher nicht mit Samthandschuhen an. Er schlägt zu, hart, erbarmungslos und scheut keine Polemik. Die rechtsextreme Marine Le Pen vom Front National apostrophiert er als "Halbverrückte" ("Bleibt ja immerhin noch die andere Hälfte"), den Sozialisten Hollande beschreibt er als "Kapitän eines Tretboots in stürmischer See" oder verhöhnt ihn als "Batteriehuhn gemästet in den Batterien der Eliteschulen". Präsident Nicolas Sarkozy bezeichnet er schlichtweg als "totale Null".

Billige Revanche? Immerhin hat auch Mélenchon einstecken müssen. In den Talkshows wurde der Ex-Trotzkist wie ein "linksextremer Tanzbär" vorgeführt, abgewatscht als "kommunistisches Phantom". Mélenchon? Nicht mehr als eine Quantité négligable auf dem politischen Schachbrett - eine im Wahlkalkül zu vernachlässigende Randfigur.

Vorbei. Mélenchons Strategie hat sich ausgezahlt. Die polemischen Attacken des linken Volkstribuns auf das Establishment der 5. Republik kommen an. Sein jüngster Coup: eine Wahlveranstaltung auf dem Platz der Bastille, zu der 120.000 Gefolgsleute und Sympathisanten erschienen.

"Ja, ich bin gefährlich!"

Mélenchon hat das Proletariat wiederentdeckt - die jungen Arbeitslosen, die Kurzzeit-Malocher, die Angestellten mit prekären Verträgen. Anklang findet der Mann aber auch unter wenig betuchten Rentnern, bei 30- und 40-Jährigen aus der Mittelschicht. Der rote Rockstar begeistert Studenten und Schüler. Und er gefällt sich in der Rolle des Enfant terrible. In Lille nimmt er Sozialist Hollande auf die Schippe, der unlängst in der Londoner City versprach, ein sozialistischer Präsident in Paris sei keine Gefahr für die Finanzmärkte. Mélenchon hingegen polterte: "Ja, ich bin gefährlich!"

Gefährlich ist der Kandidat der Linksfront vor allem für den Spitzenmann der Sozialisten, dem er wertvolle Stimmen raubt. Der PS-Kandidat, in den Umfragen lange deutlich vor Sarkozy, muss befürchten, dass der amtierende Präsident durch die Überläufer zu Mélenchon beim ersten Urnengang vorne liegt. "Die Dynamik wird schon beim ersten Wahlgang entschieden", umwirbt Hollande Sympathisanten der Front de Gauche: "Nur ich vertrete den Wechsel."

Auf die Rolle des billigen Wahlhelfers für den Ex-Genossen Hollande will sich Mélenchon nicht einengen lassen. "Die Linke Front ist eine autonome unabhängige Kraft, die sich nur auf sich selbst verlässt", grollt der Kandidat. Und sieht seine Bewegung auf dem Vormarsch: "Wir sind nicht die Kehrmaschine der PS, sondern die Lokomotive der gesamten Linken."

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insgesamt 19 Beiträge
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1. Naja
diezeitistreif 28.03.2012
Prima Typ, der Mélenchon. Weitermachen. Hierzulande werden auch anders- oder neudenkende Parteien/Politiker als Quantité négligable gesehen. Kein etablierter Politiker schwimmt richtig gegen den Strom, alle sind gebauchpinselt von der Lobby. Da freue ich mich doch über und auf solche Leute wie Herrn Mélenchon. Links zu sein sollte kein Schimpfwort sein.
2. kein Titel!
friedrich_eckard 28.03.2012
*So*, liebe Genossen von der deutschen LINKEN, macht man das... Ihr seid, gestattet mir dieses Wort kameradschaftlicher Kritik, noch immer viel zu brav und zu zahm. Übrigens als Ergänzung: Interview: «Er will, dass Hollande linker wird» - News Ausland: Europa - bazonline.ch (http://bazonline.ch/ausland/europa/Er-will-dass-Hollande-linker-wird/story/27108984) , wobei ich besonders die Antwort auf die Frage "Was will er?" nachzulesen empfehle. Wenn Hollande, wie zu hoffen und auch zu erwarten steht, im 2. Wahlgang gewählt wird, dann werden es die Wähler des comrade Mélenchon gewesen sein, die ihm die Tür zum Élysée-Palast geöffnet haben - und das sollte er tunlichst dann auch im Amt nicht vergessen, wenn er nicht auf öffentlichen Strassen und Plätzen unangenehm daran erinnert werden will. In diesem Sinne: Vive la France! Par Toutatis!
3. Sturm im Wasserglas
AndreLa 28.03.2012
Na, na, na ultralinks ist Melenchon nun wirklich nicht, aber sprachgewaltig, wortgewitzt. Es macht (meist) richtig Spass Melenchon zuzuhören, auch wenn man nicht immer seiner Meinung ist. Im Fernsehen war er der einzige, dem es gelungen ist Marine LePen aufs Peinlichste vorzuführen! Und Melenchon weiss die Leute mitzureissen, die vom kalten Kaffemann Hollande - oder wie er ihn nannte "Tretbootkapitän. capitaine de pedaolo" alles andere als überzeugt sind. Es macht (meist) richtig Spass Melenchon zuzuhören, auch wenn man nicht immer seiner Meinung ist. Im Fernsehen war er der einzige, dem es gelungen ist Marine LePen aufs Peinlichste vorzuführen! Denn leider hat Hollande nix was ein wirkliches Wahlprogramm hergeben sollte und Charism: Weit gefehlt. Wenn man dann noch das gemauschel mit den Pseudogrünen um sichere Wahlkreise sieht.... wird einem nicht besser zu Mute. Der einzige Grund, warum Hollande zumindest für die 2. Runde der Präsidentschaftswahl immer noch vorne liegt ist der franz. Sport "gegen etwas zu sein". Hier: Sarkozy. Für etwas zu sein ist hier viel zu anstrengend.... Leider, denn die derzeitige Regierung hätte wirklich eine gute Alternative verdient - aber die recht akzeptabelen Alternativen, wie etwa die "schwarz-grüne" Corinne Lepage sind an diesem saudähmlichen Wahlsystem gescheitert (und, dass die Presse sie nicht richtig wahrnehmen will....) Ich freue mich schon auf den Tag nach der Wahl, wenn dieser Zirkus vorbei ist. Cocorico !!(franz. für Kikiriki)
4. Was für ein Titel!
jay jay 28.03.2012
Mélenchon "spaltet" das linke Lager nicht, er sammelt es. Seit Blair und Schröder ist die europäische Sozialdemokratie nicht mehr links, gehört also dem "linken Lager" nicht mehr an. Ihr fortgesetztes Überleben verdankt sich zum Einen der Tradition, zum Anderen der irrigen Annahme dass zartrosa Politiker glaubwürdig seien.
5.
Stäffelesrutscher 29.03.2012
Zitat von jay jayMélenchon "spaltet" das linke Lager nicht, er sammelt es. Seit Blair und Schröder ist die europäische Sozialdemokratie nicht mehr links, gehört also dem "linken Lager" nicht mehr an. Ihr fortgesetztes Überleben verdankt sich zum Einen der Tradition, zum Anderen der irrigen Annahme dass zartrosa Politiker glaubwürdig seien.
Richtig. Und da die Wählerstimmen kein Privateigentum des Monsieur Hollande sind, kann er sie ihm auch nicht rauben.
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