Litauische Autorin löst Geschichtsstreit aus Judenmörder, Kollaborateure, KGB-Agenten

Die litauische Schriftstellerin Ruta Vanagaite erschüttert das Selbstbewusstsein ihres Landes - und wird als Nestbeschmutzerin beschimpft. Was ist passiert?

Ruta Vanagaite bei einer Buchvorstellung am 17. Februar 2016 in Vilnius
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Ruta Vanagaite bei einer Buchvorstellung am 17. Februar 2016 in Vilnius


Ihre Bücher sind in Litauen Bestseller. Zugleich gilt sie vielen in ihrer Heimat als Nestbeschmutzerin, spätestens seit Anfang vergangenen Jahres: Damals veröffentlichte die litauische Journalistin und Schriftstellerin Ruta Vanagaite ihr Buch "Die Unsrigen" - eine teils sehr persönliche Aufarbeitung der litauischen Mittäterschaft am Holocaust.

Derzeit allerdings sorgt die 62jährige für einen Aufruhr in Litauen, der die Debatte um die "Unsrigen" noch weit in den Schatten stellt. Es geht um einen Mann, der in Litauen als einer der größten Helden der jüngeren Nationalgeschichte angesehen wird: den 1918 geborenen antisowjetischen Partisanenkämpfer Adolfas Ramanauskas. Er hatte nach dem Zweiten Weltkrieg den bewaffneten litauischen Widerstand gegen die Sowjetmacht angeführt und war 1957 hingerichtet worden - offenbar nach grausamsten Folterungen.

Der Seimas, das litauische Parlament, will 2018 zum Ramanauskas-Gedenkjahr erklären. Diese Initiative hatte Vanagaite letzte Woche im öffentlich-rechtlichen Fernsehsender LRT mit den Worten kommentiert, Ramanauskas sei womöglich ein viel tragischerer, widersprüchlicherer Held gewesen als bisher bekannt. Sie berief sich dabei auf KGB-Dokumente, die sie unlängst in Litauen gesichtet hatte. Ramanauskas habe mit dem KGB kollaboriert und einige seiner Mitstreiter verraten, möglicherweise sei er auch nicht gefoltert worden.

Waren die Osteuropäer mitunter Mittäter?

Nicht nur in Litauen, sondern auch in Estland, Lettland, Polen, der Ukraine und Rumänien, kämpften bewaffnete Partisanen gegen die kommunistischen Machthaber, teilweise bis Ende der Fünfzigerjahre. Über die historische Einordnung dieser Widerstandgruppen wird bis heute diskutiert: Waren sie Helden? Oder haben sie Schuld auf sich geladen, etwa indem sie ihrerseits Kriegsverbrechen begingen? Und es geht damit um mehr: Waren die Osteuropäer Opfer Hitlers und Stalins? Oder waren sie etwa mitunter Mittäter?

Vanagaites Bemerkungen hatten einen beispiellosen öffentlichen Aufschrei zur Folge. In sozialen Netzwerken und Diskussionsforen äußerten sich Historiker vernichtend über sie, weil sie kommunistische Verbrechen relativiere. Litauens erster postkommunistischer Staatspräsident Vytautas Landsbergis nannte sie "Frau Duschanski" - eine Anspielung auf Nachman Duschanski, einen KGB-Offizier, der an der Verhaftung und Misshandlung von Ramanauskas beteiligt war. Duschanski verkörpert in Litauen den bolschewistischen Apparatschik, der litauische Patrioten zu Tode quälte.

Schließlich kündigte auch Vanagaites Verlag Alma littera, einer der größten litauischen Verlage, die Zusammenarbeit mit der Autorin: "Ruta Vanagaites Äußerungen sind inakzeptabel und entsprechen nicht den Werten unseres Verlages", so ein Kommunique von Alma littera.

"Ich bin schockiert und fühle mich an stalinistische Zeiten erinnert", sagt Ruta Vanagaite: "Ich habe ja kein Urteil über Ramanauskas gefällt, ich habe nur als Bürgerin Litauens gegenüber dem Parlament berechtigte Fragen zu einem geplanten Gedenkjahr angesprochen."

Fast die gesamte jüdische Bevölkerung ausgelöscht

Der antisowjetische Widerstand ist in Litauen seit Langem ein schwieriges Thema: Denn es geht auch um die Frage, wie stark Widerstandskämpfer mit den deutschen Nazis kollaborierten und in welchem Maß sie am Holocaust beteiligt waren. In Litauen wurde im Krieg auf deutsche Initiative hin nahezu die gesamte jüdische Bevölkerung, über 200.000 Menschen, ausgelöscht. Litauer waren an Vernichtungsaktionen maßgeblich mitbeteiligt, darunter auch spätere antisowjetische Partisanen. Ob Ramanauskas sich an der Ermordung von Juden, etwa in der Kleinstadt Druskininkai, beteiligt hat, wird diskutiert. Doch gibt es keine Beweise.

Dass Debatten geführt werden müssten, forderte nach dem Aufruhr um Vanagaites Äußerungen auch Litauens wohl prominenteste Stimme in der Welt: der große Dichter und frühere antikommunistische Bürgerrechtler Tomas Venclova, der heute in den USA lebt. Möglicherweise seien einige Behauptungen Vanagaites über Ramanauskas nicht richtig, doch wer die Schriftstellerin auf so pauschale Weise verurteile, mache sich zum "nützlichen Idioten Putins" - Russland könne dann wieder einmal auf das "faschistische Litauen" zeigen.

Unterdessen will Vanagaintes Ex-Verlag nun sämtliche ihrer Bücher sofort aus Buchläden und vom Markt abziehen und sie entsorgen. Was genau mit den Büchern passiert, wollte die Alma-littera-Direktorin Migle Vaitkeviciute dem SPIEGEL auf telefonische und schriftliche Anfrage nicht verraten.

Ruta Vanagaite kommentiert das Vorhaben des Verlags mit dem berühmtesten Satz aus dem Roman "Der Meister und Margarita" des russischen Schriftstellers Michail Bulgakow: "Manuskripte brennen nicht."



insgesamt 21 Beiträge
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m.sielmann 02.11.2017
1. Besorgniserregend
Wenn wieder Bücher vernichtet ist das besorgniserregend. Gegen die Sowjetunion kämpften nicht nur Freiheitskämpfer, es war ein Bündnis aus Antikommunisten. Die meisten Antisemiten waren auch Antikommunisten. Wie soll die Ermordung der Deutschen, Litauer oder Polen jüdischen Glaubens sonst möglich gewesen, wenn nicht antisemitische Nazi-Fans mitgewirkt haben. Es ist schön, dass die Autorin Ruta Vanagaite diesen sich klaren Blick bewahrt. Das macht Mut, auch wenn die Reaktion des Verlages an faschistische Praktiken erinnert.
heiko1977 02.11.2017
2.
Sowas ist auch nur in Osteuropa möglich. Bis heute verweigern die osteuropäischen Nationalisten und Staaten jegliche Auseinandersetzung mit ihrer Verantwortung am Holocaust. So fanden in den baltischen Staaten bereits vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht Pogrome statt angeführt durch Nationalisten. Ebenso in der Ukraine.Aber auch Ungarn, Rumänien, Bulgarien und Kroatien verweigern jede Aufarbeitung ihrer Verbrechen an der Menschheit während ihres Bündnis mit Deutschland.
Besser_Meyer 02.11.2017
3. Beispielhaft
So wird im ehemaligen Ostblock Geschichte zurechtgeschoben. Hauptsache am Ende steht der Russe am Pranger, für Details ist da keine Zeit. Wer laut zur kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte aufruft, ist ein Nestbeschmutzer und Putinversteher. Es dauert wohl nicht mehr lange bis wieder Bücher brennen.
markus.pfeiffer@gmx.com 02.11.2017
4. Fehlende Aufarbeitung
Die Aufarbeitung der WW2-Zeit hat imho im gesamten "Ostblock" kaum stattgefunden: Man war ja von stattlicher Seite immer auf der Seite "der Guten", erst auf sowjetischer und ab '89 auf "westlicher" - und jeden Übergang, ob '45 oder '89 hat man als "Befreiung" inszeniert - also kein Raum für Ausarbeitung der Vergangenheit. Nicht umsonst haben in Osteuropa nationalistische Töne Hochkonjunktur - weil das historische Bewusstsein für die "Fehler" der Vergangenheit fehlt.
steingärtner 02.11.2017
5. Wer wundert sich da wirklich ?
https://www.rbb-online.de/kontraste/ueber_den_tag_hinaus/diktaturen/rentenskandal--juedische-opfer-kaempfen-um-anerkennung--ss-leute.html
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