Litwinenko-Affäre Das zweite Gift-Opfer

Die Mörder des russischen Ex-Spions Litwinenko haben womöglich einen zweiten Menschen vergiftet: Sein Kontaktmann Mario Scaramella ist mit einer potenziell tödlichen Dosis Polonium 210 belastet. Unter Verdacht: Mitglieder eines russischen Geheimdienstes.


London - In der Affäre um den Gifttod des ehemaligen russischen Geheimagenten Alexander Litwinenko befindet sich nun auch dessen früherer italienischer Kontaktmann in Quarantäne. Mario Scaramella wird nach der Entdeckung von radioaktiven Spuren in seinem Urin im University College Hospital behandelt, in der Litwinenko vergangene Woche starb. Der 36-Jährige zeigte nach Angaben der Ärzte bisher keinerlei Symptome einer Vergiftung, seine Gesundheit ist jedoch in Gefahr.

Geheimdienst-Experte Scaramella: In Todesgefahr
REUTERS

Geheimdienst-Experte Scaramella: In Todesgefahr

Über das Ausmaß der Bedrohung besteht Unklarheit. Die Ärzte gingen davon aus, dass die Überlebenschancen des Italieners "praktisch bei null" lägen, berichtete die Zeitung "Daily Mirror" unter Berufung auf Polizeikreise. Die Mediziner hielten es "für ein Wunder", sollte Scaramella überleben. Die Zeitung "The Sun" berichtete, Scaramella sei "schwer krank"; laut "Daily Mail" schwebt der Italiener "in Lebensgefahr".

Die Menge Polonium 210stelle "eine schwere Bedrohung seiner Gesundheit dar", zitierte der "Guardian" einen Sprecher der Gesundheitsbehörde. Scaramella habe "eine potenziell tödliche Strahlenvergiftung" erlitten.

Die Ärzte betonen, dass es mehrere Wochen dauern wird, bis die Langzeitwirkungen der Vergiftung bei Scaramella abzusehen sind und ob er beispielsweise an Krebs erkranken wird. Die "Times" zitiert einen Arzt mit den Worten: "Wir kennen bisher keinen Weg, um den Körper von Polonium 210 zu befreien, deshalb verursacht es Langzeitsschäden."

Weg des Gifts in den Körper unklar

Experten für Radioaktivität sagten nach Angaben der "Times" , dass die Polonium-Menge größer ist als sie Scaramella hätte einatmen können - indem er Litwinenko gegenübersaß und dieser beispielsweise nieste oder hustete. Er muss das Gift also auf anderem Wege eingenommen haben. Scaramella hatte aber bei dem Treffen in der Sushi-Bar nichts gegessen, sondern nur ein Glas Wasser getrunken.

Bei dem Treffen hatte Scaramella Litwinenko nach eigenen Angaben gewarnt, er stehe auf einer Todesliste und schwebe in Gefahr. Scaramella erzählte dem "Guardian" in einem Interview, Litwinenko habe gelacht, als er ihm in der Sushi-Bar von dem Bedrohungsszenario erzählte. Er hielt es für unglaubwürdig und habe gesagt: "Das ist ja wie ein Film-Plot."

Teurer Beschaffungspreis für Polonium

Die Obduktion des Leichnams von Litwinenko ist abgeschlossen. Nach Informationen des "Guardian" enthielt der Körper eine Polonium-Dosis, die ihn mehr als 100 Mal hätte töten können und einem Beschaffungspreis von 20 Millionen Pfund (29,7 Millionen Euro) entsprochen habe.

Die Substanz wurde auch bei der Ehefrau von Litwinenko festgestellt, wie britische Medien berichteten. Marina Litwinenko sei allerdings nur sehr leicht kontaminiert worden, was kein großes Gesundheitsrisiko darstelle, meldete die BBC. Litwinenkos Frau ist nicht im Krankenhaus. Der britische Innenminister John Reid sagte dem Sender Sky News: "Es handelt sich um einen Bruchteil der tödlichen Dosis, die Herr Litwinenko hatte."

Scotland Yard sucht eine Gruppe Russen

Wie es im "Guardian" weiter heißt, haben die Ermittler eine Gruppe von fünf Russen ausgemacht, die mit vielen anderen Fußball-Fans aus Moskau in die britische Hauptstadt gereist war, um sich das Champions-League-Spiel Arsenal London gegen ZSKA Moskau am 1. November anzusehen - an diesem Tag begann das qualvolle dreiwöchige Sterben Alexander Litwinenkos. Es soll sich dabei um jetzige und ehemalige Mitglieder des russischen Geheimdienstes FSB handeln. Schon kurz nach dem Spiel waren die fünf wieder abgereist.

Dem Bericht zufolge sucht die Polizei die Gruppe lediglich als Zeugen. Doch glaubten die Ermittler, ihre Anwesenheit in London könne der Schlüssel zur Lösung des Falles sein, sie könnten etwa das Polonium von Russland nach Großbritannien geschmuggelt haben. Es wird außerdem vermutet, dass Litwinenkos Mobiltelefon abgehört wurde, so dass seine Überwacher von dem Treffen mit Scaramella wussten.

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Britische Ermittler sagen, dass nur staatliche Stellen Zugang zu Polonium 210 gehabt haben könnten. Es gebe aber keine Hinweise darauf, dass die russische Regierung in den Mord verwickelt sei, die russischen Behörden kooperierten mit Scotland Yard.

Zeitweise wurde wegen der Affäre auch in Italien Alarm ausgelöst. Experten fanden allerdings keine Hinweise, dass es in Italien eine Kontaminierung gebe. "Im Augenblick besteht kein Gefahr für die Bevölkerung", sagte Gesundheitsministerin Livia Turco. Bei Untersuchungen von Scaramellas Frau sowie weiterer Familienmitglieder sei keine Kontaminierung festgestellt worden.

Manuel Barroso, der Präsident der EU-Kommission, drückte sein Bedauern über die rätselhafte Affäre aus: "Wir haben ein Problem mit Russland, wir haben sogar mehrere Probleme. Zu viele Leute wurden getötet, und wir wissen nicht, wer sie getötet hat."

Britische Behörden haben zwei Passagierflugzeuge der Gesellschaft "British Airways", in denen Spuren der radioaktiven Substanz Polonium 210 gefunden wurden, wieder für den Flugeinsatz freigegeben.

jaf/AFP/AP/dpa



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