Litwinenko-Affäre Scotland Yard schickt neun Kommissare nach Moskau

Jetzt ermittelt Scotland Yard im Fall Litwinenko auch in Moskau: Fahnder reisen noch heute in die russische Hauptstadt, um fünf Geschäftsleute zu verhören. Zuvor hatte Litwinenkos Kontaktmann Scaramella angekündigt, sein komplettes Wissen über die Affäre zu veröffentlichen.


London/Moskau - Großbritannien hat Russland offiziell um Rechtshilfe bei den Ermittlungen gebeten, teilte die Generalstaatsanwaltschaft in Moskau heute mit. Laut dem Außenministerium erteilte die russische Botschaft in London die Visa für mehrere Ermittler von Scotland Yard. Neun britische Kriminalbeamte sollen noch heute in die russische Hauptstadt fliegen, berichtet die Zeitung "Kommersant". Die Detektive sollen laut der "Times" von lokalen Polizisten begleitet werden und fünf russische Geschäftsleute befragen - darunter Andrej Lugowoi, den sie für eine Schlüsselfigur halten. Lugowoi war KGB-Agent und ist heute ein millionenschwerer Unternehmer, er traf Litwinenko vor seinem Tod mehrfach. Er bestreitet jede Schuld.

Kreml in Moskau: Neun britische Scotland-Yard-Ermittler sollen Spuren in der russischen Hauptstadt verfolgen
AP

Kreml in Moskau: Neun britische Scotland-Yard-Ermittler sollen Spuren in der russischen Hauptstadt verfolgen

Der britische Innenminister John Reid kündigte an: "Natürlich wird die britische Polizei nach Russland fahren, um ihre Untersuchungen fortzusetzen." Er will heute bei einer Sitzung des Ministerrat seine EU-Amtskollegen über den Fall informieren. Sorgen über mögliche Auswirkungen des radioaktiven Poloniums auf Flugpassagiere in betroffenen Maschinen von British Airways versuchte der Innenminister auszuräumen: "Die Gesundheitsgefahren sind absolut minimal, soweit wir das ausmachen können", sagte Reid.

Die russischen Behörden hatten schon mehrfach Hilfe bei der Aufklärung des Falles zugesagt. Alle Vorwürfe, der Kreml oder andere staatliche Stellen stünden hinter dem Mordkomplott, werden in Russland zurückgewiesen.

Scaramella will Namen nennen

Mario Scaramella, der derzeit in einem Londoner Krankenhaus liegt, ist nach eigenen Angaben mit einer tödlichen Strahlendosis vergiftet worden. "In meinem Körper befindet sich eine Polonium-Menge, die fünfmal über der tödlichen Dosis liegt", sagte der 36-Jährige am Sonntagabend in einem Telefoninterview des italienischen Fernsehens RAI. Seinen derzeitigen Gesundheitszustand schilderte er als gut. Die Londoner Universitätsklinik, in der Scaramella behandelt wird, widersprach Zeitungsberichten, wonach er sich in Lebensgefahr befindet.

Scaramella steht weiter unter strenger Kontrolle der Ärzte. Sein Anwalt erklärte dem italienischen Fernsehen, der Geheimdienst-Experte wolle "alle ihm verfügbaren Namen und Daten öffentlich bekannt geben". Darunter seien "alle Informationen, die Litwinenko ihm im Laufe der Zeit gegeben habe". Es gehe um Namen von Politikern und Journalisten, die mit der Spionagetätigkeit der ehemaligen Sowjetunion in Verbindung gestanden hätten, sagte Anwalt Sergio Rastrelli. Scaramella verfüge unter anderem über entsprechende Tonbänder.

Scaramella hatte sich mit Litwinenko am 1. November in einer Londoner Sushi-Bar getroffen. Kurz darauf erkrankte Litwinenko. "Meine Vergiftung kann mit Informationen zusammenhängen, die Litwinenko mir seit Monaten zukommen ließ", hatte Scaramella bereits zuvor erklärt. Er hoffe zu überleben, "um alle Dinge, die über mich gesagt und geschrieben werden, zu widerlegen".

ler/dpa/AFP/Reuters

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