Litwinenko-Kontaktmann Scaramella Schaumschläger im Schattenreich

Geheimdienst-Experte, Umweltschützer, CIA-Mitarbeiter: Der Italiener Mario Scaramella schlüpft in die unterschiedlichsten Rollen. Die Geschichten, die über den Litwinenko-Kontaktmann kursieren, bieten Stoff für einen "James Bond"-Film. In Italien wird jetzt gegen ihn ermittelt.

Von Andreas Block


Hamburg - Die Italiener nennen ihn einen "millantatore di credito", einen Schwindler, der seine Biografie mit viel heißer Luft aufplustert: Mario Scaramella, Kontaktmann des ermordeten russischen Ex-Spions Alexander Litwinenko. Seit Weihnachten sitzt der selbsternannte Umwelt- und Geheimdienstexperte in einem römischen Gefängnis. Er wird sich nun für seine Vergangenheit verantworten müssen. Eine Vergangenheit als "Hochstapler", wie ihn italienische Kommentatoren bezeichnen, als zwielichtiger Akteur mit zweifelhafter Karriere.

Der heute 36-jährige Scaramella wächst in Neapel auf, wo er bis heute lebt. Sein Onkel ist der Postfaschist Antonio Rastrelli, früher Gouverneur der süditalienischen Region Kampanien. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder.

Scaramellas öffentliche Karriere ist kurz - liest sich aber wie das Drehbuch für einen Polit-Thriller. 2002 wird Scaramella als Berater in die sogenannte Mitrokhin-Kommission des italienischen Parlaments berufen. Die Regierung des früheren Präsidenten Silvio Berlusconi hatte diesen Ausschuss eingesetzt - offiziell um den Einfluss des früheren russischen Geheimdienstes KGB auf Italien im Kalten Krieg zu untersuchen.

Berlusconi soll nach Informationen der "Financial Times" hinter den Kulissen aber ein ganz eigenes Ziel verfolgt haben: Die Kommission sollte die italienische Opposition diskreditieren. Im Fadenkreuz der Mitte-rechts-Regierung soll besonders Romano Prodi gestanden haben, heute Ministerpräsident Italiens. Berlusconi wollte, so spekuliert das Blatt, Prodi offenbar KGB-Kontakte anhängen. Der Ex-Premier bestritt, jemals mit Scaramella gesprochen zu haben.

Das erhoffte Beweismaterial gegen Prodi wurde nie gefunden. Dabei hatte Scaramella kaum etwas unversucht gelassen, um Paolo Guzzanti, den Chef der Mitrokhin-Kommission, nicht zu enttäuschen: Der ehemalige KGB-Agent Oleg Gordiewski behauptete in einem Interview mit "La Repubblica", Scaramella habe ihn zwei Jahre lang bearbeitet, um ihn zu falschen Aussagen über Prodi und andere Politiker des italienischen Mitte-links-Bündnisses zu bewegen. Gordiewski lehnte ab - Scaramella und Co. standen mit leeren Händen da.

Litwinenko verdächtigt auf dem Sterbebett Scaramella

Bei seinen Recherchen für die Mitrokhin-Kommission über die KGB-Aktivitäten in Italien soll Scaramella den früheren KGB-Mitarbeiter Litwinenko kennen gelernt haben. Bis zum Tag der Vergiftung Litwinenkos sollen sie regelmäßig Kontakt gehabt haben. Auf seinem Sterbebett vermutet Litwinenko, der Italiener habe ihn umgebracht. Scaramella selbst sucht auch nach dieser Verdächtigung die Öffentlichkeit. Eine fünffach tödliche Dosis Polonium-210 sei in seinem Körper, verkündet er auf einer Pressekonferenz. Wenige Tage später wird er gesund aus dem Krankenhaus entlassen.

Sein Job als Oppositions-Jäger mit Regierungsauftrag ist die einzige Tätigkeit Scaramellas, die bestätigt ist. Scaramellas andere Rollen, in die er im Laufe seines Lebens geschlüpft ist, sind nicht weniger zwielichtig:

  • Scaramella bezeichnet sich selbst als "Generalsekretär" des Umweltunternehmens "Environmental Crime Protection Program" (ECPP). Auf der Homepage des Unternehmens, das in Neapel angemeldet ist, schreibt Scaramella, dass ECPP mit den Vereinten Nationen zusammenarbeite. Italienische Medien berichten, dass ECPP eine Schein-Firma sei, die Scaramellas Ruf aufpolieren und ihm internationale Kontakte verschaffen solle. Tatsächlich ist die Webpräsenz des Unternehmens nicht besonders aktuell: Eine dort veröffentlichte Seminareinladung stammt aus dem Jahr 2002.

  • Der Italiener nennt sich "Professor" und behauptet, an verschiedenen Hochschulen weltweit zu lehren - unter anderem an der Universität Neapel. Dort will man jedoch laut der britischen Zeitung "Guardian" noch nie etwas von Scaramella gehört haben.

  • Nach seiner Arbeit in der Mitrokhin-Kommission hält Scaramella nach einem Bericht des US-amerikanischen Online-Magazins "Slate" die italienischen Behörden mit einer abstrusen Theorie in Atem: Vor dem Golf von Neapel sei ein russisches Atom-U-Boot gesunken, dessen Raketen über eine Anlage auf dem italienischen Vulkan Vesuv zum Abschuss gebracht werden könnten. Bei seinen Recherchen wird auf ihn geschossen. Seitdem glaubt Scaramella, dass Auftragsmörder hinter ihm her sind.

  • Sogar für den US-amerikanischen Nachrichtendienst CIA will Scaramella schon gearbeitet haben. Der habe ihn rekrutiert, um in Südamerika die Machenschaften der russischen Drogenmafia zu untersuchen, so der Italiener gegenüber einer neapolitanischen Zeitung.

In Rom wird Scaramella nun verhört. Es soll dabei nicht um die Litwinenko-Affäre gehen, sondern um Waffenhandel und Verleumdung. In dem Verleumdungsfall steht Scaramellas Behauptung im Mittelpunkt, ein ukrainischer Ex-Spion bedrohe sein Leben. Die italienischen Behörden glauben, dass dieser Vorwurf frei erfunden ist.

Das Verhör läuft offenbar schlecht für Scaramella: Staatsanwalt Pietro Saviotti sagte nach der sechsstündigen Befragung, der Verdacht gegen Scaramella habe sich erhärtet. Dessen Anwalt Sergio Rastrelli erklärte, sein Mandant werde weiterkämpfen: "Er ist sehr müde, aber entschlossen."



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