Witwe des Friedensnobelpreisträgers Das lange Leiden der Frau Liu

Sie war die Frau des verstorbenen Nobelpreisträgers und Regimekritikers Liu Xiaobo - das ist ihr "Verbrechen". Die Chinesin Liu Xia steht seit acht Jahren unter Hausarrest. Nun gibt es neue Gerüchte über ihr Schicksal.

Liu Xia
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Liu Xia hat keine Straftat begangen und wurde nie angeklagt. Dennoch hat die chinesische Führung sie ihrer persönlichen Freiheit beraubt. Seit 2010 steht die Witwe des chinesischen Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo unter Hausarrest. Ihr Gesundheitszustand hatte sich nach Angaben von Vertrauten zuletzt deutlich verschlechtert.

Nun sorgt ein Zitat für Aufregung: Frau Liu sei chinesische Staatsangehörige und habe damit einhergehend dieselben Freiheiten wie alle anderen auch, soll ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums dem Journalisten Ho Pin gesagt haben. Alle Rechte - das würde auch die Reisefreiheit einschließen.

Einen Tag würde sie gerne in Freiheit verbringen, soll Liu Xia einmal gesagt haben.

Etliche Staaten versuchen der chinesischen Regierung das schon seit Jahren abzutrotzen. Doch die stellt sich stur. Der Grund ist Lius verstorbener Mann. Liu Xiaobo hatte sich als Schriftsteller für ein demokratisches China eingesetzt und war deshalb zum Staatsfeind stilisiert worden. 1989 hatte er die Studenten bei ihrem Protest auf dem Platz des Himmlischen Friedens unterstützt. 2008 verfasste er die Charta 08, in der er und seine Mitstreiter ein offeneres China forderten (einen Nachruf finden Sie hier: Der Edle und die Gemeinen).

Als die beiden 1998 heirateten, saß Liu Xiaobo schon zwei Jahre im Arbeitslager fest, ein weiteres stand ihm noch bevor. Auch danach wurde er immer wieder zu Gefängnisstrafen verurteilt; der Westen hingegen zollte ihm Anerkennung. 2010 zeichnete ihn die Jury in Oslo mit dem Friedensnobelpreis aus. Bei der Verleihung blieb sein Stuhl leer.

 Nobelpreisträger Liu Xiaobo mit seiner Frau Xia
ACTIVIST YE/ REX/ Shutterstock

Nobelpreisträger Liu Xiaobo mit seiner Frau Xia

Im vergangenen Jahr erkrankte Liu Xiaobo an Krebs. Er wurde vom Gefängnis in ein Krankenhaus verlegt, doch eine Behandlung im Ausland erlaubten ihm die chinesischen Behörden nicht. Seine Frau war bei ihm, als er starb. Kurz darauf veranlasste das Regime seine Einäscherung.

"Sogar wenn sie mich zu Pulver zermalmen, werde ich dich mit meiner Asche umarmen." (Liu Xiaobo im Dezember 2009 vor Gericht, an seine Frau gerichtet)

Erst einen Monat später gab es ein Lebenszeichen von Liu Xia. In einem YouTube-Video erklärte sie, sie brauche nun Zeit zum Trauern. Sie werde bald gesund wieder zurückkehren. In Wirklichkeit sollen ihre Depressionen immer schlimmer werden. Davon zeugt auch ein Gedicht, das ihr Vertrauter Liao Yiwu per Facebook veröffentlichte. Darin schrieb sie:

"Zu einsam / Ich habe nicht das Recht zu sprechen / Laut zu sprechen / Ich lebe wie eine Pflanze / Ich liege da wie eine Leiche."

Könnte das Martyrium nun vorbei sein? Der Nachrichtenseite des "Australian" zufolge postete auch eine Freundin Liu Xias, dass diese bald das Land verlassen dürfe, "solange sie keinen Ärger verursacht". Ihr Anwalt Mo Shaoping kann das nicht bestätigen, schreibt "Radio Free Asia".

Liu Xia nach dem Tod ihres Mannes
Shenyang Municipal Information Office/ AP

Liu Xia nach dem Tod ihres Mannes

Der US-Radiosender hat weitere Dissidenten um eine Einschätzung gebeten, etwa den im deutschen Exil lebenden Schriftsteller Liao: "Für die Behauptungen gibt es keine verlässliche Quelle", sagt er. Der chinesische Autor Ye Du weist darauf hin, dass Liu Xia eine Reisegenehmigung nicht vom Außenministerium mitgeteilt bekommen würde, sondern von der Staatssicherheitspolizei. "Hinsichtlich dessen, wie die Regierung normalerweise agiert, macht die Ankündigung keinen Sinn."

Schon kurz nach dem Tod von Liu Xiaobo hatte es geheißen, seine Witwe sei frei. Tatsächlich wurde sie weiter in ihrer Wohnung in Peking festgehalten. Dort soll sie unter ständiger Beobachtung stehen. Auch ein offener Brief an den chinesischen Präsidenten Xi Jinping, unterzeichnet unter anderem von den Schriftstellern Philip Roth, Anne Tyler und John Coetzee, änderte daran nichts. "Liu Xia hat viele Jahre gelitten, einfach weil sie die Frau eines Mannes war, den China als Dissidenten verdammte", heißt es darin. "Ihr Gesundheitszustand ist sehr schlecht, und sie ist in tiefer Trauer über den Tod ihres Mannes. Sie sollte wieder vereint werden mit der Welt da draußen."

Eine Nichtregierungsorganisation aus Hongkong hat Liu Xia inzwischen offenbar telefonisch erreicht und fragte, ob sie tatsächlich bald freikomme. "Ich weiß nicht", soll sie gesagt haben. "Es hat sich nichts verändert."



insgesamt 6 Beiträge
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jörg69 18.01.2018
1.
2008-1989=fast 20 Jahre
tomtor 18.01.2018
2. Diktatur eben
So ist das nun mal in einer Diktatur. Wer glaubt nur weil China der Wirtschaft ein bischen Freiheit lässt wäre es fast demokratisch, irrt sich.
KingTut 18.01.2018
3. Menschliche Tragödien
wie diese sind der Beleg dafür, dass China kein Rechtsstaat ist. Wenn es dem Machterhalt der Partei dient, dann hat man auch keine Skrupel, sich über eigene Gesetze hinwegzusetzen. Uns werden nur die menschlichen Tragödien bekannt, die internationale Aufmerksamkeit erregen. Wie hoch mag wohl die Dunkelziffer sein? Das alles gilt es im Umgang mit China zu berücksichtigen: es handelt sich um ein Regime, das rigoros an seiner Macht festhält, obwohl ihm dafür jegliche demokratische Legitimation fehlt. Frau Liu kann man nur alles erdenklich Gute wünschen. Möge sie ihren Frieden und ihre Freiheit zurückgewinnen.
swandue 18.01.2018
4.
Mal ne blöde Frage: Wie läuft das eigentlich mit der Versorgung bei Hausarrest? Nimmt da einmal täglich einer der Aufpasser Bestellungen entgegen und dann werden die Dinge gebracht? Und wie läuft das finanziell?
Schlangenzung 18.01.2018
5.
Zitat von swandueMal ne blöde Frage: Wie läuft das eigentlich mit der Versorgung bei Hausarrest? Nimmt da einmal täglich einer der Aufpasser Bestellungen entgegen und dann werden die Dinge gebracht? Und wie läuft das finanziell?
Also gar keine. Alles klar, Herr Aussenamtssprecher.
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