Nachruf auf Liu Xiaobo Der Edle und die Gemeinen

Einer der schärfsten Kritiker des chinesischen Regimes ist tot: Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo ist mit 61 Jahren einem Krebsleiden erlegen. Peking drangsalierte den Dissidenten bis zum Schluss.

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Von , Peking


Keinen seiner großen Söhne hat das moderne China so gnadenlos verfolgt wie ihn, an keinem hat das Regime seine Unmenschlichkeit so zur Schau gestellt, vor keinem hat es sich wohl so gefürchtet: Am Donnerstag ist der Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo, 61, gestorben, an Leberkrebs, in einem von Sicherheitskräften hermetisch abgeriegelten Krankenhaus.

Liu Xiaobo gehörte zur Generation der in den Fünfzigerjahren Geborenen, die heute das Bild Chinas prägen: Staatschef Xi Jinping (geboren 1953), Premier Li Keqiang (1955), der Literaturnobelpreisträger Mo Yan (1955), der Künstler Ai Weiwei (1957). Sie alle haben in ihrer Kindheit und Jugend die Kulturrevolution erlebt, eine der brutalsten Phasen der Herrschaft Mao Zedongs. Alle sind bis heute von dieser Zeit geprägt, alle haben aus ihren Erfahrungen andere Schlüsse gezogen.

Liu, der einer gebildeten Familie aus dem nordostchinesischen Changchun entstammt, sollte zum schärfsten Kritiker des autoritären kommunistischen Regimes werden. Er studierte Literatur, promovierte 1988 in Peking mit einer Arbeit über "Ästhetik und menschliche Freiheit" und lehrte danach kurz an Universitäten in Oslo, New York und Honolulu.

Liu verhinderte noch größeres Blutbad auf dem Tiananmen-Platz

Als im Frühjahr 1989 Chinas Studenten gegen die Staatsmacht aufbegehrten, kehrte Liu nach Peking zurück und setzte sich an die Spitze der Bewegung. Anfang Juni 1989 trat er mit drei anderen Protestführern in einen Hungerstreik; als klar wurde, dass das Militär den Platz des Himmlischen Friedens stürmen werde, verhandelte er zusammen mit seinen Freunden den Abzug einer großen Zahl von Demonstranten und verhinderte damit ein noch größeres Blutbad.

Unter Chinas Menschenrechtlern war Liu seither als einer der vier "Junzi", der vier "Edlen" des Tiananmen-Aufstands bekannt. Der Ausdruck beschreibt, was nach Konfuzius einen tugendhaften Menschen ausmacht: "Der Edle ist mit seinen Pflichten vertraut; der Gemeine sieht nur den eigenen Vorteil."

Liu Xiaobo (Archivbild aus dem Jahr 1995)
REUTERS

Liu Xiaobo (Archivbild aus dem Jahr 1995)

Noch am Tag nach der Niederschlagung des Aufstandes wurde Liu festgenommen, drei weitere Inhaftierungen sollten folgen, die längste nach seiner Festnahme im Dezember 2008. Liu hatte die "Charta 08" mit verfasst und unterzeichnet, ein Manifest, das zur politischen Reform und Demokratisierung Chinas aufrief. Die chinesische Justiz wertete das als "Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt" und verurteilte ihn am Weihnachtstag 2009 zu elf Jahren Haft. Er durfte sich während des Prozesses selbst nie äußern.

Liu war kein Unfehlbarer

Ein Jahr später wurde ihm für seinen "langen und gewaltlosen Kampf für fundamentale Menschenrechte in China" der Friedensnobelpreis verliehen. Wie dem von den Nazis inhaftierten Carl von Ossietzky verweigerte ihm seine Regierung die Erlaubnis, selbst zur Verleihung des Nobelpreises anzureisen. Stattdessen wurde in Oslo die Stellungnahme verlesen, die Liu für seinen Prozess vorbereitet hatte: "Chinas politische Reform", hieß es darin, "sollte schrittweise, friedlich, geordnet und kontrolliert verlaufen. Die Ordnung einer schlechten Regierung ist besser als das Chaos der Anarchie."

Liu Xiaobo war kein Unfehlbarer, mehrfach in seinem Leben hat er sich korrigiert. Seine frühe Idealisierung westlicher Werte sei naiv gewesen, räumte er später ein, sie habe ihn dazu verleitet, "die Fehler der westlichen Kultur zu übersehen. Ich habe jetzt verstanden, dass die westliche Zivilisation zwar sinnvoll ist, um das heutige China zu reformieren, dass sie die Menschheit aber nicht im umfassenden Sinne retten kann."

Peking schlachtete Lius Leid für die Propaganda aus

Das Regime interessierten diese Sätze seines berühmtesten politischen Gefangenen ebenso wenig wie die Proteste, die aus aller Welt in Peking eingingen. Im Gegenteil, die Staatssicherheit bestrafte seine Frau Liu Xia, die nie gegen ein Gesetz verstoßen hatte, mit einem jahrelangen Hausarrest, der die Dichterin in eine schwere Depression stürzte.

Liu Xa und Liu Xiabo (Archivbild)
REUTERS

Liu Xa und Liu Xiabo (Archivbild)

Ende Juni wurde bekannt, dass Liu Xiaobo an Leberkrebs litt und die Krankheit bereits weit fortgeschritten war. Die Justiz verlegte ihn aus dem Gefängnis in ein Krankenhaus, erst jetzt erhielt seine Frau regelmäßigen Zugang zu ihm. Auf diplomatischen Druck Berlins und Washingtons erlaubte Peking einem deutschen und einem amerikanischen Onkologen, Liu zu untersuchen - doch selbst dieses scheinbar humanitäre Zugeständnis schlachtete Peking für seine Propaganda aus: Entgegen ausdrücklicher Verabredung und unter Verletzung des Patientengeheimnisses spielte die Staatssicherheit chinesischen Medien Ton- und Videoaufnahmen der Untersuchung zu. "Dieses Verhalten", beklagte die deutsche Botschaft in Peking, "untergräbt das Vertrauen in die Behörden, das lebensnotwendig ist, um den maximalen Erfolg seiner Behandlung zu garantieren."

Am Donnerstag schließlich verlor der Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo den Kampf gegen den Krebs. Ein "Junzi", ein "Edler", ist gestorben. Zurück bleiben die "Gemeinen".

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