Logbuch al-Qaida Cyber-Terroristen in der Honigfalle

Auch Terrorbekämpfer haben Sinn für Jahrestage: Immer um den 11. September herum versuchen sie, al-Qaidas Web-Imperium zu erschüttern. Dieses Jahr ist eine 2008 abgeklemmte Islamisten-Website unvermittelt auferstanden - Cyber-Dschihadisten wittern eine Geheimdienstfalle.

Bin-Laden-Botschaft im Internet: Welches Forum, welche Seite ist unterwandert?
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Bin-Laden-Botschaft im Internet: Welches Forum, welche Seite ist unterwandert?

Von Yassin Musharbash


Berlin - Im Kalten Krieg sorgte die Vorstellung vom Doppelagenten für Paranoia auf beiden Seiten. Was ist, wenn der Mann, dem wir vertrauen, heimlich für den Feind arbeitet - und uns in Wahrheit abschöpft, anstatt uns mit wertvollen Informationen zu versorgen?

Heute hat der "Krieg gegen den Terror" die Ost-West-Konfrontation als Hauptbetätigungsfeld der Geheimdienste abgelöst, die neue Konstellation ist mit der alten kaum vergleichbar. Eines aber ist geblieben: Die Angst, in eine Falle der Gegenseite zu tappen, wie sich derzeit sehr gut und in Echtzeit beobachten lässt.

Denn eine Front im "Krieg gegen den Terror" verläuft im Internet, wo al-Qaida & Co. über die Jahre eine ziemlich stabile Infrastruktur aufgebaut haben. Diese dient vor allem der Verbreitung von Propaganda, aber auch der "Weiterbildung" der Sympathisanten, der Anschlagsplanung und - in besonders abgeschirmten Bereichen - der internen Kommunikation. Eine entscheidende Rolle fällt dabei einigen ausgewählten dschihadistischen Internet-Diskussionsforen zu, deren Administratoren das Vertrauen der Terrorgruppen genießen, von diesen mit authentischem Material versorgt werden und es an ihre - oft Tausende - registrierten Nutzer weiterverbreiten.

Und genau hier, an der Schnittstelle von Terrorgruppen im physischen Raum und ihren Anhängern im Cyberspace, herrschen seit Sonntag Aufruhr, Panik und Paranoia. Denn die Anhänger von al-Qaida & Co. sind verunsichert, welcher ihrer gewohnten Websites sie noch trauen können - und welche womöglich von Geheimdiensten oder privaten Terrorbekämpfern gehijackt - also quasi umgedreht und zu heimlichen Doppelagenten gemacht wurden.

Wurde ein Qaida-nahes Forum von Geheimdiensten gehijackt?

Aber der Reihe nach: Die Tage um den 11. September herum sind seit einigen Jahren Großkampftage im dschihadistischen Internet. Auf der einen Seite versucht insbesondere al-Qaida, aufwendig produzierte Propagandafilme zu veröffentlichen, außerdem meistens eine Ansprache von Osama Bin Laden, gern auch Reden von seinem Stellvertreter Aiman al-Sawahiri oder sonstigen Führungsfiguren. Auf der anderen Seite der Front versuchen private, teils selbsternannte und teils wohl auch von Staaten bezahlte Terrorbekämpfer, genau das zu verhindern.

Im vergangenen Jahr zum Beispiel gelang es in einer konzertierten Aktion von Geheimdiensten und privaten Hackern in mehreren Ländern, die wichtigsten Terrorforen für mehrere Tage auszuknipsen - mit der Folge, dass die angekündigte Bin-Laden-Rede erst mit Verspätung publiziert werden konnte.

Ein Geschenk von Bin Laden

In diesem Jahr glückte es ebenfalls, einige der wichtigeren Seiten für ein paar Stunden vom Netz zu bringen. Zusätzlich aber geschah etwas höchst Ungewöhnliches: Eine der Seiten, die 2008 abgeschossen worden waren, erstand nun wieder auf. Sogar die alten Passwörter funktionierten wieder, wenn man Eintritt begehrte, und auch die neuesten Kommuniqués von al-Qaida & Co. fanden sich dort bereits wieder. Die Administratoren des besagten Forums erklärten, die Wiedergeburt sei das "Geschenk", das Osama Bin Laden für den Monat Ramadan angekündigt hatte.

Aber längst nicht alle Cyber-Dschihadisten brachen in Jubel aus, im Gegenteil, schon sehr bald tauchten Verdächtigungen auf, dies könne nicht mit rechten Dingen vor sich gehen. Schließlich waren einige der Administratoren festgenommen worden. Erste Warnungen, sich bloß nicht einzuloggen, begannen zu kursieren. Keine völlig absurde Vorstellung, wie auch der norwegische Cyberterror-Experte Thomas Hegghammer bloggte: "Ich wäre ebenfalls skeptisch, irgendetwas Merkwürdiges geht da vor sich."

Gegenseitige Beschuldigungen

Die "Vertrauenskrise" verschärfte sich rapide, als sich dann auch noch das "Al-Fadschr"-Netzwerk und die "Globale Islamische Medienfront" (GIMF) von dem wieder auferstandenen Forum distanzierten. "Al-Fadschr" ist eine für al-Qaida äußerst wichtige Institution: Sie ist so etwas wie die Nachrichtenagentur des Terrors und verbreitet exklusiv Qaida-Propaganda, die sie dann an die Administratoren der Diskussionsforen weiterleitet. Außerdem organisiert "al-Fadschr" nach Einschätzung verschiedener Geheimdienste die interne Kommunikation al-Qaidas. Dieses Netzwerk innerhalb des Netzwerks soll aus dem inneren Zirkel der Foren-Administratoren hervorgegangen sein, die sich immer näher an al-Qaida herangerobbt haben, bis sie schließlich quasi kooptiert wurden. Die GIMF ist nicht ganz so einfach zu fassen, aber ebenfalls ein schon altgedienter und einflussreicher Zusammenschluss von wichtigen Cyber-Kadern aus dem Umfeld al-Qaidas.

Es hat also durchaus Gewicht, wenn "al-Fadschr" an diesem Dienstag in einer eigens verbreiteten Erklärung schreibt, das scheinbar wiederauferstandene Forum sei nicht das wahre, 2008 abgeschossene Forum, sondern stehe vielmehr "unter Verdacht". Man warne alle davor, die Seite zu besuchen. Die GIMF schloss sich dem Kommuniqué an.

Angst vor der Honigfalle

Im Geheimdienst-Jargon nennt man es eine "Honigfalle", wenn man eine Website übernimmt: Man lockt die Terrorsympathisanten an, hat Zugriff auf ihre Passwörter und ihre IP-Adressen, kann sie dazu bringen, Informationen über sich preiszugeben - all das, während diese glauben, mit echten Dschihadisten zu reden.

Das derart diskreditierte Forum schießt nun jedoch zurück: Wer die Seite besucht, findet dort kein Forum mehr, sondern nur noch eine verbitterte Erklärung. Man habe den Betrieb eingestellt, und zwar wegen der "schlechten Zusammenarbeit" mit "al-Fadschr" und der GIMF, die zu einer "Verleumdung" geführt habe.

Zudem drehten die Administratoren den Spieß um: Solange die "Ehrenhaftigkeit" dieser beiden Institutionen nicht "bestätigt" sei, werde das Forum "verborgen" bleiben. Schließlich steht auch die Glaubwürdigkeit von "al-Fadschr" seit einiger Zeit auf etwas wackeligen Füßen, denn Interna fanden sich vor einigen Monaten in der westlichen Presse wieder - ein Indiz, dass irgendjemand dort einen Aktivisten eingeschleust hatte.

Der Schaden für al-Qaida & Co. ist groß

Die Angst vor Spionen ist nichts Neues unter Cyber-Dschihadisten. Aber noch nie haben sich derart hochrangige Institutionen der Szene so massiv gegenseitig das Misstrauen ausgesprochen. Nachvollziehbarerweise sind viele Anhänger von al-Qaida jetzt wie vor den Kopf gestoßen. Es geht nicht mehr nur um eine mögliche Honigfalle, von der man sich ja sicherheitshalber fernhalten könnte. Vielmehr steht praktisch die gesamte Infrastruktur unter Verdacht: Wer sagt die Wahrheit, wem kann man noch trauen? Welches Forum, welche Seite ist unterwandert?

Wer auch immer verantwortlich war für die diesjährige Attacke: Sie war ein Erfolg. Womit nicht einmal gesagt ist, dass die Wiedergeburt des besagten Forums wirklich Teil der Attacke gewesen sein muss. Es reicht offensichtlich manchmal schon, Zweifel zu säen. Al-Qaida & Co. werden eine Weile brauchen, den Schaden zu beseitigen.

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Seite 1
mzwk 02.07.2009
1.
Gaebs keinen Terrorismus muesste man ihn erfinden. Jaja Schafe, ihr muesst halt taeglich daran erinnert werden dass an jeder Ecke Terroristen lauern und euch jederzeit in die Luft sprengen wollen - dafuer muesst ihr halt eure Freiheit aufgeben. Ich erinnere da an die Szene aus "V wie Vendetta", wo der Grosskanzler ausflippt und zu seinen Untergebenen meint: "Es wird Zeit dass die Leute wieder merken dass sie uns brauchen" - Schnitt - Und man sieht einige Ausschnitte aus Nachrichtensendungen ueber Katastrophen (Airbus abstuerze?), Pandemien (Schweinegrippe?), Terrorismus, Noete, etc. Es gibt aus dem Film sooo viele Parallelen zu heute, unbedingt mal ansehen wenn man ihn noch nicht kennt.
gutmensch666, 02.07.2009
2.
Zitat von sysopEinem Zeitungsbericht zufolge ist die Gefahr eines Terroranschlags in Deutschland nach Ansicht von Sicherheitsexperten deutlich gestiegen. BKA, Verfassungsschutz und Innenministerium wollen nun bei einem Krisentreffen vorbeugende Maßnahmen beraten. Wie hoch schätzen Sie derzeit die Terrorgefahr ein?
Erhöhte Terrorgefahr? Aaaaah, ach so - Wahlen stehen ja an, deswegen; der Michel muss wieder getrimmt werden. Nun - die Terrorgefahr wäre schwuppdiwups weg, wenn wir nicht in Afghanistan sinnlos herumrandalieren würden.
unuomo, 02.07.2009
3.
Woran das wohl liegen mag? Doch nicht etwa daran, das wir am Hindukusch unsere Freiheit verteidigen? :-)))))
hook123 02.07.2009
4.
Zitat von sysopEinem Zeitungsbericht zufolge ist die Gefahr eines Terroranschlags in Deutschland nach Ansicht von Sicherheitsexperten deutlich gestiegen. BKA, Verfassungsschutz und Innenministerium wollen nun bei einem Krisentreffen vorbeugende Maßnahmen beraten. Wie hoch schätzen Sie derzeit die Terrorgefahr ein?
Klar warnen "Experten" vor Anschlägen, es geht ja schließlich auf die Bundestagswahlen zu und da kann es nicht schaden, wenn man den von wirtschaftlichen Abstieg und Arbeitslosigkeit, hohen Spritpreisen und Steuererhöhungen bedrohten Souverän mal wieder die schon fast verdrängte Terrorgefahr vor Augen führt und ordentlich Angst schürt, um vom grenzenlosen Versagen der Spaßkanzlerin und ihrer Dilletantenkoalition abzulenken. Dies Ablenkung tut auch not, zumal grade wieder wegen der Geschenke an die Banken, Opel und Quelle ein Nachtragshaushalt von 40 Milliarden (!) Euro fällig wird und bevor da jemand kritisch nachfragt beschäftigt man den Urnenpöbel lieber mit anderen Dingen. Als Sekundärnutzen fällt dann noch dabei ab, dass man sich als harter Antiterrorkämpfer mit immer haarsträubenderen Eingriffen in Bürgerrechte gerieren kann - zwei Fliegen mit einer Klappe sozusagen. Die Gefahr von Terroranschlägen besteht immer und soll auch nicht verharmlost werden, aber es besteht auch immer die Gefahr vom Laster am Zebrastreifen überfahren zu werden und die düfte in Deutschland größer sein, als die Terrorgefahr - zumindest im Moment. Wie der aktuelle Verfassungsschutzbericht (Stichwort: Wirtschaftsspionage) auch zeigt,haben dieses Land und wahrscheinlich auch die meisten Bürger - Bankvorstände von Landesbanken ausgenommen - derzeit ganz andere Probleme als morgens bei Brötchen holen von einem geistig verwirrten Radikalislamisten in die Luft gejagt zu werden. Ein Blick auf die sogenannten Experten zeigt jedenfalls, dass sie alle ein hohes Interesse an einem ordentlichen und gleichmäßig hohen Angstpegel in der Bevölkerung haben um so tolle Vorschläge wie die Vorratsdatenspeicherung, Einsatz der Bundeswehr im Innern, Luftsicherheitsgesetz, Kronzeugenregelung durch Parlament zu bekommen, frei nach dem Motto, "...wollen Sie etwa, dass sich die Anschläge von 11. September bei uns wiederholen?" Man kann sich jedenfalls schon lebhaft vorstellen, was beim Treffen der ganzen Freiheitsbegrenzer als Ergebnis rauskommen wird. Für den Bürger bleibt nur die Hoffnung, dass Karlsruhe einmal mehr rechtzeitig die Handbremse zieht, um uns vor wirklich schlimmen Dingen und unserem sauberen Bundesinnenminister zu bewahren.
Charles Atane, 02.07.2009
5. Der Trick hat 'nen Bart
Zitat von sysopEinem Zeitungsbericht zufolge ist die Gefahr eines Terroranschlags in Deutschland nach Ansicht von Sicherheitsexperten deutlich gestiegen. BKA, Verfassungsschutz und Innenministerium wollen nun bei einem Krisentreffen vorbeugende Maßnahmen beraten. Wie hoch schätzen Sie derzeit die Terrorgefahr ein?
*Gääähhhn* schon wieder - welches Gesetz oder welche Verfassungsänderung will Schäuble denn diesmal durchsetzen??
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