Logbuch al-Qaida: Da schmunzelt der Dschihadist

Von Yassin Musharbash

Die Betreiber einer Propaganda-Seite für verschiedene Dschihadisten-Gruppen haben sich einen "Spaß" erlaubt: Sie registrierten ihre Internetdependenz unter der Postadresse des türkischen Generalkonsulats in Berlin.

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Propaganda im Internet: Registriert unter der Adresse des türkischen Konsulats

Ahmet M. lebte ein kurzes, aber bewegtes Leben: Geboren in Niedersachsen als Sohn türkischer Einwanderer, geriet er als Heranwachsender in ernsthafte Schwierigkeiten. Wegen verschiedener Drogendelikte sammelte er so viele Haftstrafen an, dass er schließlich in die Türkei abgeschoben wurde. Dort war jahrelang nichts von ihm zu hören - erst um 2006 herum machte er erneut von sich reden: Mit dem Kampfnamen Salafin ausstaffiert, trat er plötzlich als Dschihadist in Erscheinung.

Ahmad M. betrieb eine türkischsprachige Webseite namens "Zeit des Märtyrertods", die im Grunde genommen die offizielle Web-Dependance der Terrorgruppe "Islamische Dschihad-Union" (IJU) war - jene Gruppe, die auch die "Sauerland-Gruppe" in Waziristan ausbildete und zum Massenmord nach Deutschland zurückschickte, was bekanntlich scheiterte.

Doch Ahmad M. blieb aktiv und baute seine Aktivitäten sogar noch aus. Hatte er sich zunächst als Propaganda- und Internetfachmann sowie als "Sprecher" der IJU etabliert, übernahm er wenig später die Führung über die IJU-Abspaltung "Deutsche Taliban-Mudschahidin" (DTM), ein Trüppchen von etwa zehn aus Deutschland ins pakistanisch-afghanische Grenzgebiet ausgereisten Dschihadisten. Sie produzierten Videos, in denen sie mal vor Anschlägen in Deutschland warnten und mal ihre eigenen Kamphandlungen zu Rekrutierungszwecken ausschlachteten.

Parallel kooperierte Ahmad M. auch mit türkischen Dschihadisten-Gruppen am Hindukusch und produzierte für diese Videos. Im Februar 2009 gründete er für all diese Tätigkeiten ein eigenes Label, "Elifmedya", eine Art Propaganda-Schmiede, deren Signet bald die IJU- und DTM-Videos zierte. Elifmedya schaltete auch eine eigene Webseite. Eine selbständige Gruppe war es dagegen wohl nie - sich selbst präsentierten Ahmed M. und seine Mitstreiter als "Team".

Ins eigene Fleisch geschnitten?

Ahmed M. ist mittlerweile tot: Er starb im April 2010 bei einer Schießerei mit pakistanischen Soldaten, an der Seite des deutschen Dschihadisten Eric Breininger.

Sein Produkt "Elifmedya" aber lebt - geführt von Unbekannten. Es gibt eine Webseite und ein Facebook-Profil. Es wird allerdings kein eigenes Material mehr produziert - aus der Produktionsfirma ist ein Verteiler von Dschihadisten-Propaganda geworden.

Nun haben sich der oder die Macher hinter der Marke einen Spaß erlaubt - oder das, was sie dafür halten: Ihre Internetseite registrierten sie nämlich unter der Postadresse des türkischen Generalkonsulats in Berlin.

Hahaha.

Von Bedeutung ist dieser etwas lahme Witz nicht - wenn er überhaupt etwas zeigt, dann dass die Macher vermutlich einen Deutschlandbezug haben.

Abgesehen davon haben sie sich womöglich ins eigene Fleisch geschnitten. Denn die Nachrichtenagentur dapd ging der Sache nach und kam zu dem Ergebnis, dass die für "de"-Endungen zuständige Registrierungsstelle Denic allein wegen der gefälschten Adresse (und zusätzlich noch des Fantasienamens des Anmelders) genug Handhabe habe, die Seite zu sperren.

Andererseits zeigt die Erfahrung, dass Webseiten dieser Art nie dauerhaft verschwinden: Meistens tauchen sie innerhalb weniger Tage mit neuer Adresse und denselben Inhalten wieder auf.

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