Logbuch al-Qaida Der Maulwurf in der Terrortruppe

Eine Episode wie aus einem Agentenroman: Nach seiner Verhaftung 2004 hat Qaida-Terrorist Mohammed Naeem Noor Khan angeblich seinen Ex-Arbeitgeber für Pakistans Geheimdienst ausspioniert - und so geholfen, einen Anschlag zu verhindern. Jetzt kam Khan frei. Aus Dankbarkeit?

Von Yassin Musharbash


Es war der Traum eines jeden Agentenführers: Gute zwei Wochen lang, vom 13. Juli bis zum 2. August 2004, hatten der pakistanische und der britische Geheimdienst einen Informanten in der Kommandoebene des Terrornetzwerks al-Qaida.

Mohammed Naeem Noor Khan, aufgenommen angeblich im August 2004: Täuschte er al-Qaida?
AFP

Mohammed Naeem Noor Khan, aufgenommen angeblich im August 2004: Täuschte er al-Qaida?

Das war zwar nur eine kurze Zeitspanne. Aber die Informationen, die der Infiltrationsagent in diesen Tagen lieferte, führten zur Verhaftung einer ganzen Terrorzelle in Großbritannien. Mindestens ein großer Terror-Anschlag auf der Insel konnte möglicherweise vereitelt werden.

So jedenfalls schilderte der britische "Observer" im November 2006 die Geschichte des pakistanisch-stämmigen Briten Mohammed Naeem Noor Khan. Dem Blatt zufolge kam der spektakuläre Spionage-Erfolg zustande, weil Khan, nach seiner Festnahme in Pakistan im Juli 2004, bereit gewesen sei, mit den Nachrichtendiensten zu "kooperieren". (Die Frage der Freiwilligkeit wird nicht erörtert.) Der Deal war offenbar denkbar einfach: Die Behörden meldeten die Verhaftung nicht, und Khan kommunizierte mit seinen Qaida-Genossen weiter, als sei nichts geschehen - nur dass die Korrespondenz eben von ISI, MI6 und angeblich auch CIA mitgelesen wurde.

Erzwungener Zugriff auf Barot

Khan war anscheinend ins Visier der Terrorfahnder geraten, nachdem der Qaida-Anführer Khalid Scheich Mohammed in Verhören in Guantanamo Bay teilweise ausgepackt hatte. Nun verpfiff Khan seinerseits einige seiner Mitverschwörer. Unter denjenigen, mit denen er in Verbindung stand, war Dhiren Barot der Wichtigste. Er wurde mittlerweile zu 40 Jahren Haft verurteilt, weil er Bombenanschläge in Großbritannien und vermutlich auch den USA geplant hatte.

Khan war selbst Teil dieses Plots gewesen, bevor ihn die Pakistaner festnahmen. Doch nicht alles lief bei der Operation Maulwurf wie geplant. Eigentlich hatten die Briten vorgehabt, Barot und seine Zelle noch eine ganze Weile länger gewähren zu lassen, um weitere Erkenntnisse zu gewinnen - aber am 2. August 2004 tauchte Khans Name plötzlich in der "New York Times" auf: Unter Berufung auf einen pakistanischen Geheimdienstler berichtete das Blatt, ein mutmaßlicher Qaida-Kader namens Mohammed Naeem Noor Khan sei am 13. Juli in Pakistan festgenommen worden.

Das war der GAU - denn damit war die neue, wertvolle Quelle schon nach zwei Wochen verbrannt. Jeder Qaida-Kader, der in den lvergangenen Wochen mit ihm Mails ausgetauscht hatte, wusste nun, dass Khan nicht sauber war. Entsprechend hastig mussten die britischen Behörden reagieren: Schon am folgenden Tag nahmen sie Barot fest, viel früher als erwünscht.

Wer verriet den Maulwurf?

Wer genau Khan aus welchen Gründen verriet, ist unterdessen bis heute unklar. Der "Observer" bot drei Theorien an:

  • Die Amerikaner nannten den Namen selbst, um einen Erfolg zu produzieren;
  • Journalisten seien zufällig auf den Namen gestoßen, als sie recherchierten, warum kurz zuvor die Alarmstufe erhöht worden war (Khan war in der Tat der Grund dafür);
  • Die pakistanische Nachrichtendienst-Community wollte belegen, dass sie keinesfalls nachlässig im Kampf gegen al-Qaida war.

Eine vierte wäre, dass ein heimlicher Qaida-Sympathisant auf pakistanischer Seite den Infiltrator verbrannte, um die Terroristen zu warnen.

Oder war doch alles anders?

Es ranken sich also noch viele Fragen um diesen Fall. Genau genommen ist bei alledem nicht einmal belegt, dass Khan seinerzeit wirklich umgedreht wurde. Der "Observer" berief sich 2006 aber immerhin auf Charles Schumer, den damaligen demokratischen Senator von New York", der am 8. August 2004 in einem Brief an zwei Sicherheitsberater von US-Präsident George W. Bush gefragt hatte, wer verantwortlich für die Veröffentlichung von Khans Namen sei. Schließlich habe der Mann "unseren Alliierten unschätzbare Informationen geliefert, weil er auch nach seiner Festnahme durch unsere Alliierten den Kontakt mit Qaida-Kadern aufrechterhielt".

Und seit heute gibt es noch ein weiteres Indiz: Wie gerade erst bekannt wurde, ist Khan nämlich wieder auf freiem Fuß - ein Mann mithin, bei dem niemand ernsthaft bezweifelt, dass er ein Qaida-Aktivist von Rang und Namen war. Sein Anwalt erklärte der Agentur Reuters (die Khan übrigens auch als Ex-Maulwurf darstellt), es liege keine Anklage gegen Khan vor.

Durchaus vorstellbar, dass die Freilassung der Lohn für Khans Maulwurf-Tätigkeit ist. Mit drei Jahren Wegsperren (zum Teil angeblich durch die CIA) wäre Khan glimpflich davongekommen, verglichen mit anderen mutmaßlichen Qaida-Kadern jedenfalls.

Auf der anderen Seite ist diese Geschichte vom Maulwurf fast ein wenig zu glatt. Khan müsse wohl, vermutet ein deutscher Experte, der sich mit Agenten und Doppelagenten auskennt, schon vor seiner Festnahme gegen al-Qaida gearbeitet haben - anders wäre das Ausmaß der pakistanischen Milde nicht zu verstehen.



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wwwdx 22.08.2007
1.
Mir wird ganz schlecht,wenn ich als Kontaktperson zu Mohammed Atta kommuniziere. Was ist los bei den Geheimdiensten?
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