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Logbuch al-Qaida: Der Terrorist, der (vielleicht) keiner ist

Von Yassin Musharbash

Abu Omar al-Baghdadi, selbst erklärter "Anführer der Gläubigen" und Chef des von al-Qaida proklamierten "Islamischen Staates Irak" soll eine Erfindung sein. Das habe ein al-Qaida-Gefangener im Verhör gestanden, sagt die US-Armee. Leider heißt das gar nichts.

Die Regierungszeit von Abu Omar al-Quraischi al-Hussaini al-Baghdadi, "Anführer der Gläubigen" und Regierungsoberhaupt des "Islamischen Staates Irak", stand von Beginn an unter keinem gutem Stern.

Dieser Screenshot zeigt den "offiziellen Sprecher" des "islamischen Staates Irak": Wer ist echt - und wer ausgedacht?

Dieser Screenshot zeigt den "offiziellen Sprecher" des "islamischen Staates Irak": Wer ist echt - und wer ausgedacht?

Kaum hob die irakische al-Qaida-Filiale ihn im Oktober 2006 an die Spitze ihres Fantasy-Staates, da murrten die ansonsten treuen Anhänger des Terrornetzwerks in ihren Internetdiskussionsforen schon: Abu Wer? Abu Was? - Niemand schien den Mann zu kennen, der da den klassischen Herrschaftstitel der islamischen Kalifen an sich gerissen hatte und den Treueid, die "Bai'a", der Dschihadisten in aller Welt einforderte.

Abu Omar mühte sich redlich und verbreitete munter Ansprachen: Er erklärte, seine Männer könnten die gefürchtete Rakete "al-Qaida 1" nun in Serie produzieren. (Bisher sah niemand je eine fliegen). Er berief ein zehnköpfgies Kabinett, inklusive Fischereiminister. (Außer dem lokalen al-Qaida-Chef Abu Hamsa al-Muhadschir alias Abu Ajjub al-Masri waren alle Ressortchefs so unbekannt wie Abu Omar.) Er erklärte Iran den Krieg. (Ohne jede Konsequenz, abgesehen davon, dass seine Kämpfer weiterhin irakische Schiiten massakrierten.)

Alles vergebens. Die Dschihadisten außerhalb Iraks schlossen den großen Unbekannten nie so richtig in ihr Herz. Selbst dass er im Mai 2007 für wenige Stunden als tot galt, nutzte seinen Sympathiewerten nicht.

Aber jetzt kommt der absolute Tiefpunkt: Abu Omar al-Baghdadi gibt es gar nicht!

Die Stimme soll die eines Schauspielers sein

Das erklärt jedenfalls die US-Armee im Irak. Der von ihr kürzlich festgenommene al-Qaida-Kader Mahmud al-Maschhadani habe ausgesagt, der Staatschef sei lediglich eine Phantasiefigur, erschaffen von al-Masri, um zu verschleiern, dass die irakische al-Qaida-Filiale vor allem aus Nichtirakern besteht. Die Stimme, die auf den ihm zugeschriebenen Aufnahmen zu hören sei, gehöre einem irakischen Schauspieler.

Nun gibt es zwei Probleme mit dieser Information. Auf der einen Seite muss man sie mit Distanz betrachten, weil sie aus einem Verhör stammt. Mal angenommen, al-Maschhadani habe al-Baghdadi schützen wollen - wäre es da nicht sehr schlau, dessen Existenz zu leugnen? Abgesehen davon, haben die vergangenen Jahre gezeigt, dass Verhöre, zumal solche, die beschönigend als "hart" oder "scharf" bezeichnet werden, nicht zwangsläufig wahre oder verwertbare Informationen bringen.

Auf der anderen Seite aber ist die angebliche Information zugleich sehr plausibel. Es gab von Anfang an, siehe die Reaktionen der Internet-Dschihadisten, Zweifel an der Person al-Baghdadi. In alten al-Qaida-Communiqués aus dem Irak taucht ein Mann dieses Namens zwar ein oder zwei Mal als "Stadtkommandeur von Bagdad" auf. Ebenfalls aktenkundig ist ein gewisser Abdallah Raschid al-Baghdadi, Vorsitzender des von der irakischen al-Qaida gegründeten "Ratgebergremiums der Mudschahidin". Sicherheitsbehörden halten es für möglich, dass Abu Omar dessen aufgeblasenes Alter Ego ist.

Aber warum wird der gleich "Staatschef"? Nur weil er (angeblich) Iraker aus Bagdad ist? Und ohne, dass man irgend etwas über über die Personengleichheit erfährt?

Die Indizien sprechen gegen seine Existenz

Und warum trägt dieser Mann, den keiner kennt, ab seiner dritten oder vierten Rede plötzlich den Bombastnamen "al-Quraischi"? Die Quraisch, muss man dazu wissen, sind der Stamm, aus dem der Prophet Mohammed hervorging. Nach sunnitischer Mehrheitsmeinung sollte der Kalif, also der Führer der Gemeinschaft der Muslime, vorzugsweise einer der Quraisch sein. Wie passend, dass Abu Omar, Stadtkommandeur von Bagdad, einer ist!

Außerdem gibt es keine Bilder von dem Mann. Während jeder drittklassige al-Qaida-Nachahmer längst regelmäßig Videos von sich ins Internet stellt und mit Gewehren, Koranen und andere Ikonen spielt, gibt es von Abu Omar nur eine Stimme. Merkwürdig.

Und schließlich: Es ist richtig, dass die irakische al-Qaida schon seit mindestens zwei Jahren versucht, ihr Image als Radikalentruppe ausländisch-arabischer Dschihad-Söldner aufzupolieren, indem sie sich als "irakisch" darstellt.

Erster Schritt war die Umbenennung der von Abu Mussab al-Sarkawi gegründeten Gruppe "al-Tawhid wa al-Dschihad" in "al-Qaida im Zweistromland". Diese Truppe ging dann auf im "Ratgebergremium der Mudschahidin". Darauf folgten die "Koalition der Guten" und zuletzt der "Islamische Staat Irak". Bei jeder Metamorphose wurde das irakische Element stärker betont. Abu Omar al-Baghdadi, der Vorzeige-Iraker, könnte in dieses PR-Konzept passen.

Fragt man andersherum, was eigentlich für die reale Existenz von Abu Omar al-Baghdadi spricht, kommt man indes recht schnell zu der Antwort: Nicht viel, zumindest solange al-Qaida im Irak nicht wenigstens Bewegtbilder von dem Mann zeigt, die zu der bereits bekannten Stimme passen. Selbst dann könnte man allerdings nicht sicher sein, dass diese Person nicht doch der von al-Maschhadani angeblich erwähnte Schauspieler ist.

Auf der anderen Seite könnte man wiederum fragen: Spielt es überhaupt eine Rolle, ob Abu Omar oder ein Schauspieler Abu Omar spielt? Ist Abu Omar nicht selbst, sollte er existieren, ein Schauspieler in der Rolle des Terror-Kalifen?

Es gibt also mehr als ein Dilemma beim Umgang der Mitteilung der US-Armee. Anfangen kann man nichts mit ihr.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1.
Mathias Roeder, 20.07.2007
Also, da war ich gestern noch der Meinung, man könne über Nachrichten aus dem Irak nicht mehr herzlich lachen - so kann man sich täuschen! Irgendwie kommt mir die Komödie aber bekannt vor! Was ist eigentlich aus dem Clown, der sich zum Kalif von Köln ausgerufen hat geworden? Der wird doch nicht etwa aus der türkischen Haft in den Irak entkommen sein?
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