Logbuch al-Qaida: Großangriffchen auf den Cyber-Dschihad

Von Yassin Musharbash

Am 19. Juli rief "jveritas" im Internet dazu auf, von ihm identifizierte Pro-Terror-Websites auszuschalten. Seine Idee war simpel: Die Hostingfirmen mit massenhaften Beschwerde-Mails dazuzubringen, die Seiten zu sperren. Und sie funktionierte auch – ein bisschen.

Seit einem Monat herrscht im dschihadistischen Internet ein kleines Erdbeben. Ein knappes Dutzend prominenter Websites (so weit ich zählen kann) ist ihm bereits zum Opfer gefallen. Das Qaida-nahe Diskussionsforum "Das Paradies": bis auf weiteres geschlossen. Die Bekennerschreibenabwurfseite "Welt-Nachrichten-Netzwerk": eine Cyber-Ruine. Das Terroristen-Blog der englischsprachigen "Globalen Islamischen Medienfront": nicht mehr existent.

Abgeschaltetes Blog von Terrorsympathisanten: Unter neuer Adresse schon wieder auferstanden

Abgeschaltetes Blog von Terrorsympathisanten: Unter neuer Adresse schon wieder auferstanden

Angefangen hat das Massensterben in der zweiten Julihälfte. Ein gewisser "jveritas" löste es mit einem Aufruf auf freerepublic.com aus, einem Treffpunkt von Internetaktivisten, News-Junkies und, wie es scheint, stramm bis rechts-konservativen US-Patrioten. "Wir sollten versuchen, jede bekannte Terroristen-Website auszuschalten, um eine schockierende Nachricht an die islamischen Terroristen zu senden und ihnen einen psychologischen Schlag beizubringen", schlug "jveritas" vor.

Gesagt, getan – schließlich war die Methode, die "jveritas" sich überlegt hatte, denkbar einfach: Weil viele dieser Webseiten von US-amerikanischen Firmen gehostet werden, sollten seine Mitstreiter sich dort beschweren. Zu diesem Zweck veröffentlichte er eine Liste mit URLs von Pro-Dschihad-Websites, dazu gehörigen IP-Adressen und den Adressen der Provider beziehungsweise Hoster. "Jveritas" formulierte sogar Beschwerde-Mails vor. Er fand schnell viele Helfer, die sich beglückt äußerten, selbst endlich einmal etwas gegen Terroristen tun zu können. Das Forum, in dem sie sich austauschen, umfasst mittlerweile 143 Seiten. Nach wenigen Tagen gab es erste Erfolgsmeldungen: "Gute Arbeit! Eine weitere Seite geschlossen!", hieß es etwa am 20. Juli über "Das Paradies".

Andere Aktivisten sehen die Initiative als Fehler

Über den Initiator "jveritas" ist nicht viel bekannt. Eine Mail-Adresse hat er (oder sie?) nicht veröffentlicht. Aber "jveritas" scheint des Arabischen mächtig zu sein - jedenfalls wurden unter diesem Web-Namen bereits vor Jahren arabische, terrorbezogene Dokumente aus dem Irak ins Englische übersetzt. Jeder Amerikaner, der Arabisch verstehe, müsse helfen, die Terroristen zu bekämpfen, fordert "jveritas". Unter seinen Postings steht als Signatur: "Gott schütze unsere mutigen Truppen und Präsident Bush."

Es gibt schon seit Jahren Internet-Aktivisten, die dschihadistische Websites bekämpfen – entweder, indem sie ebenfalls die Provider und Hoster über ihre Kunden ins Bild setzen, oder indem sie die Seiten durch Hacken oder "Denial of Service"-Attacken ausschalten. Von den Pionieren auf diesem Feld, der Gruppe "Internet Haganah", erntete die von "jveritas" angestoßene Initiative allerdings nur ein verschnupftes Naserümpfen: Unterm Strich sei die Aktion ein Fehler, denn sie würde Terroristen und Terrorsympathisanten dazubringen, andere Kommunikationswege zu suchen, die "für uns nicht annähernd so nützlich sind wie die (Diskussions-) Foren".

"Internet Haganah" führt damit eine alte Debatte weiter: Soll man Terror verherrlichende Webseiten um jeden Fall bekriegen und ausschalten – oder sie als Informationsquellen nutzen? Zumindest die Nachrichtendienste, diesseits wie jenseits des Atlantik, tendieren nach anfänglicher Unsicherheit mittlerweile eher fürs Mitlesen.

Ganz so schnell wird der Umzug in schlechter einzusehende Gefilde des Internets allerdings nicht stattfinden. Bis jetzt sind abgeschossene Terror-Webseiten fast jedes Mal wieder auferstanden, zumal die wichtigen - meistens lediglich unter einer neuen Adresse oder auf einem neuen Server. Auch zwei von "jveritas" und Konsorten angegriffene Sites sind bereits wieder online. Der "Großangriff" auf den Cyber-Dschihad – er wird nur eine Episode bleiben.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 9 Beiträge
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    Seite 1    
1. Pro
demut 16.08.2007
Ich denke die Initiative ist gut. Denn wenn da auf solchen Seiten für die Unterstützung von Menschen aufgerufen wird, die Gewalt gegen andere Menschen anwenden wollen, dann gehören diese Seiten nicht ins leicht zugängliche Internet. Das strategische Argument, dass damit die Überwachung erschwert wird, zieht in meinen Augen nicht. Wir sind kein Geheimdienst oder eine Armee, die sich durch solches Verhalten Vorteile verschaffen muss, sondern wir sind Menschen die ein berechtigtes Anliegen haben. Demokratie verteidigt man am besten, wenn man Demokratie lebt. Und nicht wenn man aus strategischen Erwägungen demokratische Grundwerte aufgibt. Zudem würde es diese Webseiten nicht geben, wenn sie für die Mobilisierung keine wichtige Rolle spielten, und die Ziele anders ohne die Beobachtung durch die Behörden besser funktionieren würde. Die Menschen, die dort Gewalt unterstützen, sind schließlich nicht dumm und wissen, dass die Informationen öffentlich sind.
2. Demokratie vs. Demokratie
Silverhair 16.08.2007
Zitat von demutIch denke die Initiative ist gut. Denn wenn da auf solchen Seiten für die Unterstützung von Menschen aufgerufen wird, die Gewalt gegen andere Menschen anwenden wollen, dann gehören diese Seiten nicht ins leicht zugängliche Internet. Das strategische Argument, dass damit die Überwachung erschwert wird, zieht in meinen Augen nicht. Wir sind kein Geheimdienst.....
Nicht ein grasser Widerspruch in sich selbst? Zum Wichtigsten Demokratiegut zählt die Meinungsfreiheit, festgelegt in den USA unter First Admendum. Wenn ich aber Seiten zensiere, oder irgendwie abschieße, dann zerstöre ich genau die Demokratie die ich da angeblich verteidigen will! Nachrichten haben uns berichtet das der Irak-Krieg auf Lügen beruhte, Nachrichten die den Regierungen missliebig erscheinen werden ja auch schon bekämpft. Und es mag leicht sein das man alles was El-Quada macht als "böse" sieht, aber - seien wir ehrlich, sooo ehrlich sind Regierungen auch nicht immer, so ehrlich sind das eine oder andere Medium nun auch nicht. Es mag sein das diese Seiten auch Propaganda vertreibt, aber Propaganda braucht erstmal jemand der sie auf sich wirken läßt, sie ist kein "Selbstläufer". Also , auch wenn es schwerfällt, Zensur, auch durch "Angriffe" ist leicht ein Angriff auf die Demokratie selber.
3. boykott ist okay
panda303 16.08.2007
ich verweise auf das Lüth-Urteil des BVerfG, wo die Möglichkeit des Boykott unterstützt wird. finde ich gut. das mit der website ist für mich das selbe und damit gerade Ausdruck von aktiver Demokratie! US-kritische Kunden im Nahen zum Beispiel boykottieren auch bestimmte Produkte von westlichen Firmen. Ist doch ihr gutes Recht. Das führt mindestens dazu, dass diese Menschen auch ernst genommen werden. Ich finde die Aktion okay, da sie von vielen Menschen kommt. Es wird ja nicht vom Staat zensiert. Ich halte das für legitim. Man muss für seine Ideale einstehen, (und zwar ohne Gewalt.) > Nachrichten die den Regierungen missliebig erscheinen > werden ja auch schon bekämpft. Richtig! Allen voran, wahrscheinlich die Geheimdienste der arabischen Welt. Aber natürlich auch die "westlichen" Regierungen (was soll das eigentlich sein das westliche?). Glaube nicht, dass die Medien "unehrlich" sind. Alle Medien unterliegen den Nachrichtenwerten. Sie sind dauernd der möglichen Manipulation aller Seiten ausgesetzt. Und Terrorismus beispielsweise gäbe es ohne Berichterstattung über ihn gar nicht. >sooo ehrlich sind Regierungen auch nicht immer wer will schon abgewöhlt werden? :)
4. Die Sicht auf die Dinge
Silverhair 16.08.2007
Zitat von panda303ich verweise auf das Lüth-Urteil des BVerfG, wo die Möglichkeit des Boykott unterstützt wird. finde ich gut. das mit der website ist für mich das selbe und damit gerade Ausdruck von aktiver Demokratie! US-kritische Kunden im Nahen zum Beispiel boykottieren auch bestimmte Produkte von westlichen Firmen. Ist doch ihr gutes Recht. Das führt mindestens dazu, dass diese Menschen auch ernst genommen werden. Ich finde die Aktion okay, da sie von vielen Menschen kommt. Es wird ja nicht vom Staat zensiert. Ich halte das für legitim. Man muss für seine Ideale einstehen, (und zwar ohne Gewalt.)
Das man für seine Ideale einsteht ist okay, und auch gut so - aber man soll einfach eben nicht dann Dinge als "Beweis" anführen wie Demokratie. Widerstand - das haben viele gemacht, Stauffenbarg oder die Geschwister Scholl, aber Widerstand ist Widerstand - und keine Demokratie, auch wenn sie das zum Ziel hat. Irgendwie unklar was du da sagen wolltest. Medien sind unehrlich, und - grad in Deutschland sind die "Nachtrichtenwerte" oder die Journalistische Ehtik da sogar stark dran schuld. Ich wohne in den NL - und auch ein Blick in die Staaten lehrt das beispielsweise Nachrichten /Journalismus anders betrieben wird. In Deutschland spricht man mit den Politikern alles vorher ab, und - geschweige das man mal nachhackt - nachstochert was eigentlich dahinter steckt. Das ist in den NL vollkommen anders, und in den Staaten ist es extrem. Dort zieht man den Politikern bei einer Unterhaltung die Zähne, vorabsprachen sind praktisch undenkbar, und wenn ein Politiker sich verhaspelt - dann wird gnadenlos nachgestochert. Und das liegt ganz gravierend am First Ademdum - der die absolut Freie Meinungsäusserung garantiert. In den Staaten kann niemand, weder Bürger noch Journalist verklagt werden weil er seine Meinung offen vorträgt, in Deutschland ist man schon im Gefängnis wenn man in einem Forum das falsche sagt, oder es wird zensiert. Auch dieser Aufruf ist natürlich in D. mit Sicherheit strafbar, in NL oder Amerika eben nicht. Nun, aber natürlich sind ameri. Medien auch nicht ganz frei, so Dinge wie das man "mit dem Militär" berichtet, das Militär also wählen läßt was man sendet regt dort keinen gross auf. Die einzige Chance - man lese immer die Nachrichten aus verschiedenen Ländern, und deren unterschiedlichen Sichtweisen. Und das ist einer der Gründe wohl warum auch Medienvertreter eigentlich nicht so begeistert sind über diese Art von Zensur, oft stehen eben auch auf diesen Seiten die "andere Seite" der Medaille - die etwas andere Sicht auf die Dinge. *g* stimmt
5. Freiheit für unserer Mörder?
deli-burger 18.08.2007
Irgendwie verstehe ich das nicht. Warum soll man den Terroristenmördern Freiheit einräumen. Leute die nachweislich die Demokratie zerstören wollen. Ich glaube, irgendwann liberalisieren wir uns zu Tode. Wenn unsere Demokratie nicht wehrhafter werden, dann verlieren wir alles wofür unserer Väter und Grossväter in Parteien und Gewerkschaften gekämpft haben an die Islamisten. Seid doch nicht so naiv.
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