Logbuch al-Qaida Sehnsucht nach Bin Laden

Die CIA will aufgeschnappt haben, dass Qaida-Mitglieder mehr Präsenz von ihrem Emir Osama Bin Laden fordern. Außerdem sollen vier wichtige Kader getötet worden sein - doch die Meldungen klingen überzeugender, als sie sind. In Wahrheit weiß man derzeit wenig über das Terrornetzwerk.

Qaida-Propaganda: Ist Osama zu selten zu sehen?

Qaida-Propaganda: Ist Osama zu selten zu sehen?

Von Yassin Musharbash


Berlin - In den vergangenen Tagen gab es aus den USA Wortmeldungen, als stünde im Kampf gegen al-Qaida und Co. eine entscheidende Wendung bevor - oder als sei man zumindest ein gutes Stück im "Global War on Terror" vorangekommen. Zunächst erklärte US-Justizminister Eric Holder, er sei überzeugt: Osama Bin Laden werde nicht lebendig geschnappt werden. Entweder würden "unsere Leute" ihn töten - oder seine eigenen Leibwächter, die entsprechende Anweisungen hätten.

Dann sagte ein nicht genannter US-Geheimdienstler dem Nachrichtensender CNN, die CIA habe eine Nachricht "abgefangen", derzufolge einige Mitglieder des Terrornetzwerks sich eine sichtbarere Führung wünschten. Sie fänden es "beunruhigend", dass Osama Bin Laden sich so selten präsentiere. (Tatsächlich sind die letzten Bewegtbilder von ihm mehrere Jahre alt. Per Audiobotschaft meldet er sich zuletzt Ende Januar.)

Und schließlich häufen sich Meldungen, dass bei einem neuerlichen Drohnenangriff in der pakistanischen Provinz Nordwaziristan, wo al-Qaidas Zentrale vermutet wird, mit Hilfe von Drohnen einmal mehr mehrere wichtige Qaida-Kader getötet worden seien.

Wir töten sie; wir wissen, was sie denken; wir sind an ihnen dran: Zusammen genommen ergeben die drei Meldungen ein eher positiv gefärbtes Bild vom Stand der Dinge. Oder anders gesagt: Die Informationen wirken wesentlich aussagekräftiger, als sie vermutlich sind.

Ist al-Qaida auf der Flucht, hinter uns her - oder beides?

Die getöteten Qaida-Kader beispielsweise: Einer von ihnen, Sadam Hussein al-Husami (anderswo auch al-Jamani), habe den Anschlag auf eine CIA-Basis in Khost mitgeplant, sagte ein ebenfalls anonymer US-Geheimdienstler dem Fachblog Long War Journal. Er habe zudem Taliban-Kämpfer sowie ausländische Rekruten trainiert. Ein weiterer Getöteter habe zuvor im Irak gekämpft.

Eine Quelle für diese und andere berichtete Informationen ist aber offenbar ein arabisches Internetposting in einem dschihadistischen Diskussionsforum. Verfasst von einem Mann, der sich Abu Abd al-Rahman al-Qahtani nennt und von sich selbst sagt, er halte sich in Waziristan auf und habe alle vier gekannt. Das kann natürlich stimmen. Es kann aber auch falsch sein. Dasselbe gilt natürlich für die angeblich aufgeschnappten Informationen der CIA.

In Wahrheit ist das vorhandene Wissen weniger belastbar als es eine solche (vermutlich zufällige) Häufung von Info-Bröckchen suggeriert.

Wer genau hinhört, kann das auch merken. Vor sechs Wochen sagte der CIA-Chef Leon Panetta zum Beispiel, al-Qaida und Co. könnten "sehr wohl einen Anschlag in den USA durchführen". Jetzt sagt er der "Washington Post": "Al-Qaida hat große Schwierigkeiten, irgendeine Art von Kommandostruktur aufrechtzuerhalten."

Die anonyme Nachrichtendienstquelle von CNN hat dieses gleichzeitige Wissen und Nichtwissen - vermutlich unfreiwillig - treffend auf den Punkt gebracht: Al-Qaida sei "auf der Flucht, aber immer noch hinter uns her". Das erinnert schon fast an das berühmte Wort von Donald Rumsfeld aus dem Jahr 2002 über Osama Bin Laden: "Wir sind ziemlich sicher, dass er entweder lebt oder tot ist."

Natürlich ist das kein neues Dilemma. Im permanenten Gewirr von angeblich echten Namen, Tarnnamen und anonymen Quellen ist die Wahrheit selten mit Händen zu greifen. Drei der vier angeblich wichtigen getöteten Qaida-Männer tauchen in dem Posting erkennbar mit ihren Kampfnamen auf. Aber wer verbirgt sich dahinter? Was für Geheimdienstler schon schwer ist, ist für Journalisten und andere Analysten oft nicht einfacher, so dass es nur selten ein Korrektiv gibt.

Profiling hätte "Dschihad Jane" nicht aufgehalten

Diese Unschärfen sind dabei keinesfalls auf den Zustand der Qaida-Führung in Waziristan beschränkt.

Zur Erinnerung: Nachdem am Weihnachtstag 2009 ein nigerianischer Student im Auftrag al-Qaidas versuchte, einen US-Passagierjet über Detroit zum Absturz zu bringen, entspann sich eine internationale Debatte über Flugsicherheit. Die Scharfmacher in den USA und in Europa plädierten unter anderem lautstark dafür, das sogenannte Profiling vermehrt anzuwenden. Nach dem Motto: Eine Oma aus der Ukraine ist ein weniger wahrscheinlicher Terrorist als ein 18-Jähriger aus Gaza.

Nicht einmal ein Vierteljahr danach müsste es eigentlich eine Debatte darüber geben, dass diese Ideen mindestens unausgegoren waren. Denn mittlerweile ist bekannt, dass sich mit Colleen LaRose eine Konvertitin aus den USA in derart kurzer Zeit derart radikalisiert hat, dass sie - mutmaßlich - einen Mord an einem schwedischen Karikaturisten begehen wollte. "Dschihad Jane", wie sie sich im Internet nannte, wäre durch jede Airport-Kontrolle gekommen.

Ironischerweise hat ein Vordenker aus dem Dunstkreis von al-Qaida genau diese Entwicklung bereits 2005 prophezeit: Westliche Islam-Konvertiten, die ihre wahren Absichten selbst vor ihren Bekannten geheim halten, würden die nächste Generation von Terroristen stellen.

Al-Qaida ist nicht der Kreml

Es hat einen Grund, dass viele Terrorexperten, wenn es um Trends geht, heute lieber vom "Global Jihadist Movement" sprechen als von al-Qaida: Die Grenzen zerlaufen, "Dschihad Jane" etwa hat offenbar versucht, einen klaren aber indirekten Auftrag al-Qaidas auszuführen, hatte aber nach bisherigem Wissen keinen Kontakt zum Netzwerk selbst.

Entsprechende Skepsis ist angebracht, wenn anonyme Geheimdienstler Details verbreiten wie dieses: Es habe, Stand Sommer 2008, haargenau 157 bekannte Ausbildungscamps von al-Qaida und den Taliban gegeben. Und schön säuberlich sortiert würden dort entweder westliche Rekruten oder Kämpfer aus Kaschmir ausgebildet oder al-Qaidas "Eliteeinheit" namens "Die schwarze Garde".

Denn mit solchem Pseudo-Wissen wird das Gefühl aufrechterhalten, al-Qaida sei unverändert eine hierarchische, paramilitärische Organisation. Aber al-Qaidas Struktur ist heute mit Sicherheit nur noch ein bloßer Schatten der Struktur von 2001. Vermutlich passt das aktuelle Qaida-Organigramm locker auf einen Bierdeckel. Man muss nur die Geständnisse der Sauerland-Gruppe betrachten, um ein Gefühl für das wahrscheinliche Chaos in Waziristan zu bekommen.

Aber das Denken in festen Strukturen, Einheiten und Abteilungen kommt Geheimdiensten, die sich jahrzehntelang fast ausschließlich mit dem Kalten Krieg und Raketenzählen beschäftigt haben, vermutlich zupass.

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