Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Logbuch al-Qaida: Taliban wollen mit BKA telefonieren

Von Yassin Musharbash

Die Taliban verfolgen das Echo auf ihre Publikationen genau. Jetzt fühlen sie sich von "Focus" und AFP falsch wiedergegeben: Sie hätten gar nicht mit Terror in Deutschland gedroht. Und die deutsche Polizei, so die Taliban, solle künftig direkt anrufen, wenn sie Fragen habe.

Berlin - Da hat wohl jemand einen Nerv getroffen. So sehr, dass die Taliban deswegen heute gleich eine "wichtige Mitteilung" veröffentlichten, um den entstandenen Eindruck zu korrigieren. Überschrift des Online-Kommuniqués vom Hindukusch: "Wir haben nicht mit Anschlägen innerhalb Deutschlands gedroht. Die entsprechende AFP-Meldung hat keine Grundlage."

Brief an Deutschland: Screenshot vom Taliban-Magazin

Brief an Deutschland: Screenshot vom Taliban-Magazin

Ich weiß, das ist jetzt etwas verwirrend. Schließlich drohen mit den Taliban verbundene Terrorgruppen aus Afghanistan und Pakistan seit Monaten mit Anschlägen gegen deutsche Ziele. Und jetzt dementieren ausgerechnet die Taliban solche Ambitionen? Aber es lohnt sich, dranzubleiben. Versprochen.

Zunächst einmal müssen wir hier jedoch eine Rekonstruktion der Ereignisse der letzten Tage nachliefern, sonst fehlt der Kontext. Also, folgendes ist geschehen: Am Samstag meldete der deutsche "Focus" online und vorab eine kleine Geschichte, die auch im aktuellen gedruckten Heft zu finden ist. Darin heißt es, unter der Überschrift "Taliban warnen Deutschland", dass die Extremisten Deutschland erneut "bedrohen".*

"Focus" verweist in dem Beitrag auf einen Taliban-Brief, der "An das deutsche Volk und an seine mit Amerika verbündete Regierung" gerichtet ist. Darin stehe, der Angriff auf die deutsche Botschaft in Kabul Mitte Januar mit fünf Toten sei "Strafe und Warnung" für Deutschland gewesen. Sicherheitsexperten, so "Focus" weiter, analysierten das Schreiben und stuften es als echt ein. Als Indiz für die Authentizität gelte, dass der Brief auch in dem Online-Magazin der Taliban, "al-Somood", erschienen sei.

Taliban lesen AFP, aber nicht den "Focus"

Die meisten Nachrichtenagenturen griffen die "Focus"-Meldung auf, auch bei SPIEGEL ONLINE war sie zu lesen. Und die französische Agentur AFP brachte sie sogar in ihrem arabischen Dienst.

Dort allerdings bekam die Geschichte, wahrscheinlich ohne Absicht, einen leicht anderen Zungenschlag. Übersetzt man den entscheidenden ersten Satz aus dem Arabischen ins Deutsche zurück, lautet er nämlich: "Im Internet wurde eine den Taliban zugeschriebene Botschaft veröffentlicht, in der Deutschland mit Terroranschlägen gedroht wird." Dieser Satz lässt die Deutung zu, dass Anschläge in Deutschland gemeint sein könnten.

Nun muss man wissen, dass die Taliban, wie fast alle islamistischen Terrorgruppen, das Presse-Echo auf ihre Verlautbarungen genau studieren. "Focus"-Online lesen die Mudschahidin offenbar nicht, wohl aber den arabischen Dienst von AFP. Und mit dem, was sie da am Sonntag lasen, waren sie nicht zufrieden.

Genau genommen waren es zwei Dinge, die ihnen aufstießen. Denn der "Focus" hatte genau wie AFP gemeldet, der an Deutschland gerichtete Taliban-Brief sei auf der Website www.thabaat.net veröffentlicht worden. (Die Seite ist derzeit nicht mehr aufrufbar.)

Entsprechend zornig reagierten die Taliban am heutigen Dienstag: Man habe eigens mit den "Brüdern von der Pressestelle des Emirats Afghanistan" (Das ist die Selbstbezeichnung der Taliban) gesprochen - und die hätten bestätigt, dass die AFP-Meldung so nicht stimme. Weder würden sie die genannte Website kennen, noch habe jemand im Namen der Taliban mit Anschlägen in Deutschland gedroht.

Der Brief ist echt, sagen die Taliban

Allerdings bestätigten die Taliban heute, dass der Brief an "das deutsche Volk", um den es eigentlich geht, sehr wohl authentisch sei. "Wir haben ihn uns noch einmal genau angesehen", schreiben die Extremisten, nämlich die Seiten 47 und 48 der aktuellen Ausgabe von "al-Somood". "Und wir haben dort keine Stelle gefunden, die eine Drohung mit 'Terror'- oder anderen Operationen innerhalb Deutschlands enthält." Wenn, dann seien gegen deutsche Ziele gerichtete Anschläge in Afghanistan gemeint.

Haben die Taliban recht? Liest man den betreffenden Brief in "al-Somood" genau nach, ist in der Tat von Anschlägen in Deutschland nicht explizit die Rede. In dem Schreiben werden die deutsch-afghanischen Beziehungen als eigentlich traditionell gut dargestellt, aber "die deutschen Herrscher, und an ihrer Spitze Angela Merkel", hätten sich nun einmal auf die Seite der USA geschlagen. Sie hätten Anteil am Töten "afghanischer Kinder, Frauen, Jugendlicher und Greise".

Der Anschlag auf die deutsche Botschaft in Kabul am 17. Januar sei daher "eine klare Botschaft an das deutsche Volk gewesen, auf dass seine Herrscher ein schlechtes Gewissen bekommen wegen ihrer Gefolgschaft für die Amerikaner". Die deutschen "Herrscher" hätten "die Interessen von Ausländern über die Interessen der Deutschen" gestellt. Und so sei der Anschlag "auch eine Drohung für diese Herrscher, die von der schmerzlichen Lage Afghanistans keine Ahnung haben".

Also, kleine Zusammenfassung bis hierher: Der "Focus" macht eine im Grunde korrekte Meldung, die vom arabischen Dienst von AFP eine scheinbar neue Gewichtung bekommt, was wiederum die Taliban stört, woraufhin diese sich zu einer Klarstellung befleißigt fühlen.

Das Taliban-Telefonbuch

Und mehr noch: Die Taliban versteigen sich in dem heutigen Kommuniqué sogar zur der Forderung, und hier wird es jetzt fast komisch, dass AFP und "Focus" (dessen Meldung sie im Original offenkundig gar nicht kennen) gefälligst genauer zwischen den Zeilen lesen sollen. Wörtlich erklären die Taliban: "AFP und 'Focus' müssen bei der Verbreitung solcher Nachrichten sorgfältiger sein und sie sollten sich von Fälschungen fernhalten, insbesondere wenn dies die Taliban betrifft. Wir fordern sie auf, mehr Sorgfalt bei der Verifizierung von Nachrichten vor der Veröffentlichung walten zu lassen... Wir tun das auch!"

Klar. Die Taliban übertreiben zum Beispiel nie die Zahl der Opfer ihrer Terroranschläge. (Achtung: Ironie)

Meine Lieblingspassage aber ist der Schlusssatz: "Es ist für jeden möglich, auch und gerade für das deutsche Bundeskriminalamt, direkt nachzufragen und Kontakt mit den Brüdern von der Medienabteilung oder mit den Brüdern von der Politischen Abteilung des Emirats Afghanistan aufzunehmen." Die Nummern und E-Mail-Adressen könne man in den Kommuniqués und auf der Taliban-Website einsehen. (Was im Übrigen sogar stimmt.)

Bleibt eine Frage: Wieso ist es den Taliban eigentlich nicht recht, wenn gemeldet wird, dass sie mit Anschlägen innerhalb Deutschlands drohen?

Was für die Taliban zählt, ist hier wahrscheinlich egal

Völlige Klarheit kann ich hier leider nicht anbieten. Auf der einen Seite haben einzelne Taliban-Kommandeure nämlich in der Vergangenheit sehr wohl angekündigt, Attentäter nach Europa entsenden zu wollen.

Auf der anderen Seite, und das könnte eine (Teil-) Erklärung sein, sind die Taliban, anders als die übrigen dort aktiven Terrorgruppen, auf die Unterstützung der lokalen Bevölkerung angewiesen, denn sie streben die Herrschaft in Afghanistan an. Da könnte es ihnen in die Quere kommen, wenn Afghanen zu glauben beginnen, dass es auch den Taliban in Wahrheit nicht um das Land, sondern um Terror rund um den Globus geht.

So, und was lernen wir jetzt aus dieser Episode?

Wenn die heutige Taliban-Erklärung authentisch ist (die besten Kriterien, die wir haben, passen: Fundort, Sprachgebrauch, Absender, Inhalt), dann ist sie zum einen ein selten deutliches Beispiel dafür, wie genau Terroristen die "Feindpresse" verfolgen.

Zugleich verrät sie etwas darüber, dass es die Taliban anscheinend wirklich stört, wenn sie an ganz bestimmten Stellen "falsch" wiedergegeben werden. Sie wollen die Kontrolle über ihr Image behalten.

Und schließlich: Hier, in Deutschland, ist es den meisten Menschen wahrscheinlich ziemlich egal, ob nun neben IJU, IBU, al-Qaida und den übrigen Verdächtigen ausgerechnet auch noch die Taliban höchstpersönlich in Deutschland zuschlagen wollen oder genau das nicht vorhaben. Für die persönlich gefühlte Sicherheitslage bedeutet das keinen Unterschied. Während genau diese Frage für die Taliban offenbar ein zentrales Unterscheidungsmerkmal ist.

*Nachtrag: Es ist nicht ganz einfach zu rekonstruieren, ob "Focus" Online am Samstag die Originalmeldung aus dem Heft vom Montag veröffentlicht hat oder eine davon abweichende Version. Eine Version, die sich im Archiv von "Focus" Online findet, und die vom Samstagmorgen ist, enthält den Satz: "Aus Sicherheitskreisen hieß es, der Brief enthalte keine konkreten Drohungen gegen Deutschland und keine konkreten Aufrufe zu Terroranschlägen." In diesem Fall wäre der Unterschied zwischen "Focus"- und AFP-Meldung noch etwas deutlicher.

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 21 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Aus dem Text
Fackus 10.02.2009
In dem Schreiben werden die deutsch-afghanischen Beziehungen als eigentlich traditionell gut dargestellt, aber "die deutschen Herrscher, und an ihrer Spitze Angela Merkel" hätten sich nun einmal auf die Seite der USA geschlagen. Man muss kein Taliban sein um dies so zu sehen und zu kritisieren.
2. Respekt!
VolumePro 10.02.2009
Also ich habe vor der Presseabteilung der Taliban Respekt bekommen. Wenn jemand so genau verfolgt, was und wo über einen geschrieben wird, kann man nur sagen, dass bei den Taliban durchaus intelligente Leute sitzen, die ihr Handwerk echt verstehen.
3. ...
Schnurz321 10.02.2009
Zitat von VolumeProAlso ich habe vor der Presseabteilung der Taliban Respekt bekommen. Wenn jemand so genau verfolgt, was und wo über einen geschrieben wird, kann man nur sagen, dass bei den Taliban durchaus intelligente Leute sitzen, die ihr Handwerk echt verstehen.
Lieber dumme als intelligente Kriminelle, letztere sind nämlich in der Regel gefährlicher.
4. hmmm
hansmaus 10.02.2009
also wenn ich das so lese wird es Zeit die Freiheit der deutschen weiter ein zu schränken denn mit ordentlich Überwachung und Angstmache der Medien kann man dem Problem solcher Meldungen nach gehen. Es kann ja wohl nicht sein das ausgerechnet die Feigenblätter den Mund auf machen und den deutschen die Angst nehmen die es erlaubt einen Spitzelstaat zu installieren. (bitter aber ich meine das nicht ironisch sondern aus Sicht der Politiker)
5. Komm mal klar
Koko89 10.02.2009
Zitat von hansmausalso wenn ich das so lese wird es Zeit die Freiheit der deutschen weiter ein zu schränken denn mit ordentlich Überwachung und Angstmache der Medien kann man dem Problem solcher Meldungen nach gehen. Es kann ja wohl nicht sein das ausgerechnet die Feigenblätter den Mund auf machen und den deutschen die Angst nehmen die es erlaubt einen Spitzelstaat zu installieren. (bitter aber ich meine das nicht ironisch sondern aus Sicht der Politiker)
Was heißt Angst nehmen? Es besteht nach wie vor kein Zweifel daran, dass die Taliban offensiver gegen Deutsche vorgehen werden. Das die Taliban nicht nach Deutschland kommen und hier wüten versteht sich wohl von selbst. Die terroristische Gefährdung durch internationale Terrorgruppen mindert das noch lange nicht!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Anschlag in Kabul: Zerstörungen in der deutschen Botschaft


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: