Logbuch al-Qaida Terrortruppe recycelt eigene Propaganda

Es soll wie eine Sensation wirken und ist doch ein alter Hut: Al-Qaidas Propaganda-Abteilung bewirbt derzeit im Internet ein scheinbar neues, deutschsprachiges Video. Doch der mit deutschen Untertiteln versehene Film ist nicht nur anderthalb Stunden lang, sondern auch anderthalb Jahre alt.

Bin-Laden-Vize Aiman al-Sawahiri: Botschaften via Al-Sahab
dpa

Bin-Laden-Vize Aiman al-Sawahiri: Botschaften via Al-Sahab

Von Yassin Musharbash


"Al-Sahab", arabisch für "die Wolken": So nennt sich al-Qaidas Propagandaabteilung schon seit circa 2002. Die genauen Gründe für den ungewöhnlichen Namen liegen im Unklaren, aber der Terrorexperte Thomas Hegghammer hat kürzlich eine überzeugende These vorgestellt: In einem überlieferten Gebet des Propheten Muhammad hat dieser Gott als "Beweger der Wolken" umschrieben. Diese Lesart ist umso wahrscheinlicher, als, wie Hegghammer nachweist, Osama Bin Laden persönlich aus eben diesem Gebet mindestens drei Mal zitiert hat.

Im Laufe der Jahre hat al-Sahab sich deutlich professionalisiert. Die Propagandaabteilung koordiniert sich eng mit der Qaida-Führung, sie hat sogar einen eigenen Sprecher und einen eigenen Kameramann, gelegentlich ziehen die beiden auch aus und interviewen Qaida-Personal oder befreundete Dschihadisten, etwa von den pakistanischen Taliban.

Vor allem aber durch zwei Dinge wurde al-Sahab als Marke bekannt: Wenn das Logo der Medienabteilung auf einem Video auftaucht, kann man schon einmal sicher sein, dass es echt ist - Auftritte und Botschaften von Osama Bin Laden und seinem Vize Aiman al-Sawahiri inklusive. Und die zweite Spezialität der Wolken-Truppe: Ein oder zwei Mal im Jahr, stets aber um den 9/11-Jahrestag herum, veröffentlicht sie ein besonders umfangreiches Video, in dem gleich mehrere wichtige Führungspersonen auf einmal vorkommen, indem Multimedia-Spektakel, selbst gemachte Animationen und manchmal sogar exklusive zeithistorische Dokumente präsentiert werden.

Erstausstrahlung: September 2008

Im September 2008 zum Beispiel war es wieder einmal so weit. "Die Ernte von sieben Jahren Kreuzzügen" hieß das 9/11-Jubiläumsvideo, das al-Sahab damals - nach einigen Schwierigkeiten - herausbrachte. Inhaltlich wurde einiges geboten: Der Afghanistanchef al-Qaidas trat auf, Mustafa Abu al-Jazid, der Oberideologe Abu Jahja al-Libi, Aiman al-Sawahiri sowieso, außerdem der kommende Mann Attiyat Allah.

In dem etwas erratischen und unorganisierten Film gab es auch mehrere Szenen mit einer gruseligen Verhörszene, in der ein Mann, augenscheinlich Amerikaner, einen anderen Mann, anscheinend einen Afghanen, misshandelt und ausfragt. Laut al-Sahab handelte es sich um Aufnahmen des US-Bürgers Keith Idema alias "Tora-Bora-Jack". Keith Idema wurde weltbekannt, weil er nach dem Beginn des Afghanistan-Kriegs auf eigene Faust in das Land reiste und Bin Laden suchte. Dabei errichtete er Privatgefängnisse und misshandelte Menschen. 2004 wurde der Kopfgeldjäger in Afghanistan zu zehn Jahren verurteilt. Ob die Aufnahmen authentisch sind, ist bis heute nicht klar.

Schließlich enthielt der Film vom September 2008 noch einen exklusiven Nachtisch: Das bis dato unbekannte Video-Testament des 9/11-Attentäters Ahmed al-Ghamdi.

Zweitausstrahlung: Mai 2009

In Dschihadistenkreisen fand der anderthalb Stunden lange Film viele Freunde. So viele, dass al-Sahab ihn im Mai 2009 noch einmal herausbrachte - mit Urdu-Übersetzung.

Und am Mittwochabend nun folgte die dritte Ausstrahlung - mit deutschen Untertiteln. "Bilanz der sieben Jahre Kreuzzüge": So lautet die ungelenke Übersetzung, mit der er auf den einschlägigen dschihadistischen Websites beworben und zum Download angeboten wird. Sollte an dem Originalfilm Vom September 2008 ausser den Untertiteln etwas verändert worden sein, ist es jedenfalls sehr gut versteckt.

Kann man aus diesem Recycling in eigener Sache sinnvolle Schlüsse ziehen? Einige Experten sehen al-Sahab schon länger auf dem absteigenden Ast und meinen, dass die Qualität sinke. Da ist etwas dran. Kürzlich etwa veröffentlichte al-Sahab ein geradezu peinlich schlecht gemachtes Video von Adam Gadahn, dem US-Amerikaner bei al-Qaida. Das Video aus der Konserve, versehen mit den neuen Untertiteln, könnte der Versuch sein, aus nichts etwas Neues zu erschaffen und Produktivität vorzutäuschen.

Ein weiterer Gedanke ist nicht ganz so zwingend, aber auch nicht absurd: Al-Qaida könnte versuchen, durch den neuerlichen Fokus auf Deutschland noch einmal in Erinnerung zu rufen, dass man Deutschland im September 2008 mit Terroranschlägen bedroht hat, die bisher noch nicht erfolgten.

Aber das ist Spekulation. Ebenso wahrscheinlich ist, dass sich im Umfeld von al-Sahab ein paar deutschsprachige Dschihadisten aufhalten - und man einfach von ihren Sprachfähigkeiten Gebrauch gemacht hat.

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