Anschlag auf Moschee Finsbury Park Vom Hort des Hasses zum Ort des Glaubens

Der Anschlag nahe der Moschee von Finsbury Park erschüttert London. Lange Zeit prägten radikale Islamisten das Gebetshaus. 2005 gab es einen Neuanfang - offenbar mit Erfolg.

Finsbury Park-Moschee
REUTERS

Finsbury Park-Moschee


Pink Floyd, David Bowie und Bob Marley - sie alle waren schon in Finsbury Park, haben dort in den Siebzigerjahren Auftritte im legendären "Rainbow Theatre" gespielt. Lange her. Heute ist die Gegend vor allem Fußballfans ein Begriff - Arsenal London hat dort sein Stadion. Finsbury Park im Norden der Metropole war und ist eine Arbeiterhochburg - die aber mehr und mehr zum Szenestadtteil avanciert.

Früher kamen irische Einwanderer dorthin, heute wird das Viertel von vielen "Little Algeria" genannt - wegen der großen Exilgemeinde aus dem nordafrikanischen Land. Großbritanniens Oppositionsführer Jeremy Corbyn ist der Wahlkreisabgeordnete.

Er kündigte auf dem Kurznachrichtendienst Twitter an, er wolle in der Moschee beten, in deren Nähe ein Mann in der Nacht zu Montag mit einem Fahrzeug in eine Gruppe von Muslimen gefahren war und mehrere Menschen verletzte, ein Mann starb.

Das muslimische Gebetshaus hat den Vorfall verurteilt und erklärt, man arbeite "sehr hart für eine friedliche und tolerante Gemeinschaft hier in Finsbury Park" und verurteile "jeden Akt des Hasses auf das Schärfste, der versucht, unsere wunderbare Gemeinschaft zu spalten". Die Moschee und das Gemeindezentrum lieferten "vielen Menschen im Norden Londons wichtige und grundlegende Unterstützung, und das werden wir auch weiterhin tun - trotz dieses Vorfalls".

REUTERS

Das war nicht immer so. Die Finsbury Park-Moschee galt in den Neunzigerjahren als Hort des Hasses. Als Imam fungierte lange der Islamist Abu Hamza. Er rief dort offen zum Krieg gegen "Ungläubige" auf. Der Ägypter mit britischem Pass war eine prominente Figur des globalen Dschihadismus - nicht zuletzt aufgrund seines martialischen Erscheinungsbilds und seiner bewegten Vita.

Fotostrecke

6  Bilder
London: "Schwerer Zwischenfall" in Finsbury Park

Der studierte Bauingenieur, Ex-Türsteher und Co-Manager eines Stripklubs hat nur noch ein Auge und keine Hände mehr. Der Grund: In den Achtzigerjahren ging er nach Afghanistan und kämpfte gegen die Sowjets. Während des Kriegs wurde er schwer verwundet. Deshalb trägt er an der rechten Hand eine Hakenprothese und oft eine Augenklappe.

"Terroristen-Unterstützer von globaler Reichweite"

Hamza war 2004 in Großbritannien festgenommen worden. Der Vorwurf: Anstiftung zu Mord und Rassenhass. Zwei Jahre später wurde er dann zu sieben Jahren Haft verurteilt. Die USA strengten parallel ein Auslieferungsverfahren an - 2012 wurde Hamza schließlich überstellt. Die New Yorker Staatsanwaltschaft betrachtete ihn als "Terroristen-Unterstützer von globaler Reichweite".

Prediger Abu Hamza (Archivfoto von 1999)
DPA

Prediger Abu Hamza (Archivfoto von 1999)

2015 wurde er schließlich zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Die Liste der Vorwürfe war lang: Er soll an einer Geiselnahme im Jemen ebenso wie an Anschlägen in Afghanistan beteiligt gewesen sein. Darüber hinaus habe er Dutzende Terroristen radikalisiert, darunter einen der Attentäter vom 11. September 2001.

Zur der Zeit, in der Hamza in der Moschee wirkte, besuchte auch der sogenannte "Schuhbomber" Richard Reid das Gotteshaus. Reid war im Dezember 2001 auf einem Flug von Paris nach Miami in letzter Minute von Passagieren daran gehindert worden, in einem Schuh versteckten Sprengstoff zu zünden. Darüber hinaus berichtete die Zeitung "The Observer" 2002 über Trainingsübungen britischer Islamisten mit Sturmgewehren in der Moschee.

Glaubensvertreter vor der Moschee Finsbury Park
REUTERS

Glaubensvertreter vor der Moschee Finsbury Park

Die Moschee wurde nach der Verhaftung Hamzas geschlossen. Ein neue Gemeindeleitung übernahm schließlich die Neuorganisation des Gotteshauses. Das De-Radikalisierungsprogramm zeigte offenbar Erfolg: Der Charakter der Moschee soll sich seither verändert haben. Britischen Medienberichten zufolge soll aus dem einstigen Hort des Hasses ein Ort des Glaubens geworden sein. 2014 lobte Jeremy Corbyn die Gemeinde öffentlich für ihre soziale Arbeit, die dem gesamten Stadtteil zugute komme.

dop/rap



© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.