Nach französischem Vorbild Gelbwesten-Proteste jetzt auch in London

Sie demonstrieren auch gegen ihre Regierung - und sie tragen auch gelbe Westen: In London sind am Samstag Tausende Menschen auf die Straßen gegangen. Sie fordern ein Ende der Sparpolitik und eine Neuwahl.

Demonstranten in gelben Westen ziehen am Samstag durch London
AFP

Demonstranten in gelben Westen ziehen am Samstag durch London


Sie sind wütend - zum Beispiel wegen der steigenden Zahl der Obdachlosen, den Sparzwängen in der Pflege und in Schulen. Tausende Demonstranten sind am Samstag in London gegen die britische Regierung auf die Straßen gegangen.

Nach dem Vorbild der französischen Gelbwesten-Bewegung trugen sie gelbe Westen und forderten angesichts des Brexits ein Ende der Sparpolitik und eine Neuwahl. Dem Aufruf der Kampagne "The People's Assembly Against Austerity" folgten auch Politiker und Gewerkschafter aus weiten Teilen des Landes. Etwa 5000 bis 10.000 Demonstranten hätten teilgenommen, sagte eine Sprecherin der Veranstalter in einer ersten Schätzung gegenüber der Nachrichtenagentur dpa.

Die Sparpolitik und der Brexit haben den Organisatoren zufolge die Nation geteilt. "Seit die Tories die Macht übernommen haben, hat sich die Zahl der Obdachlosen verdoppelt", sagte Steve Turner von der Gewerkschaft Unite, der auch Vizechef der Kampagne ist. Der staatliche Gesundheitsdienst NHS, der Pflegebereich und die Schulen seien von Krisen geschüttelt. "Wir haben es hier mit einer Regierung zu tun, der die Alltagssorgen der Menschen völlig fremd sind."

"Alle europäischen Länder sollten sich diesem Kampf anschließen"

Auch Vertreter der Gelbwesten-Bewegung aus Frankreich nahmen an der Demonstration in London teil. "Alle europäischen Länder sollten sich diesem Kampf gegen die Sparpolitik anschließen", sagte ein Teilnehmer aus Frankreich der britischen Nachrichtenagentur PA.

Seit Mitte November demonstriert die Bewegung gegen die Sozial- und Steuerpolitik der Regierung und gegen eine als zu niedrig empfundene Kaufkraft. Immer wieder gab es Randale, Hunderte Gelbwesten und Sicherheitskräfte wurden seit Beginn verletzt. Der Begriff für die Bewegung geht auf die gelben Warnwesten für Autofahrer zurück, die auch die Demonstranten tragen. In England hatten die Westen teilweise zusätzlich die Aufschrift: "Großbritannien ist zerbrochen".

Großbritannien will Ende März aus der Europäischen Union austreten. Das britische Parlament wird am Dienstag über das Brexit-Abkommen abstimmen, das Premierministerin Theresa May und Brüssel ausgehandelt haben. Es gilt als sehr unwahrscheinlich, dass der Deal zustande kommt. Im Falle eines EU-Austritts ohne Abkommen droht Chaos.

In Paris und anderen Städten Frankreichs ist es der neunte Samstag in Folge, an dem sich zahlreiche Gelbwesten-Demonstranten für Proteste versammelt haben. Die Polizei rechnete landesweit mit einer ähnlich hohen Beteiligung wie vor den Weihnachtstagen. Für den 15. Dezember hatten die Behörden die Teilnehmerzahl mit 66.000 angegeben, was die Gelbwesten für viel zu niedrig erachteten.

Die Proteste der Gelbwesten haben Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron in die bisher schwerste Krise seiner Amtszeit gestürzt. Anfang des Jahres ergab eine Erhebung, dass eine große Mehrheit der Franzosen die Regierung des Präsidenten kritisch sieht.

lgr/dpa

insgesamt 10 Beiträge
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werner-brösel 12.01.2019
1. Das ist erst der Anfang
Wenn die Steuereinnahmen von Unternehmen die bisher für den Europäischen Binnenmarkt produziert haben, wegbrechen, wird der Spielraum für die Regierung eher noch kleiner und das wird Folgen haben.
j.oder 12.01.2019
2. Danke SPON
Entgegen der Meldung beim "Ersten" - "Tausende Gelbwesten auf der Straße" , mit leichten geographischen und mathematischen Orientierungsproblemen, gibts hier zumindest einen Kommentar (der von 16.50h) . Soweit zum Thema, wenn "vertrauenswürdige" Journalisten der ARD schon ins Leyenische-Kriegs-und Selbstverteidigungsministerium abgerufen werden. Die Leute, die jetzt mal irgendwo auf Bundes- Landstrassen oder deutschen Autobahnen liegenbleiben sollten und aus Sicherheitsgründen sich phosphorgelbe Westen überziehen, wünsch ich jetzt schon mal einen guten Anwalt und eine noch bessere Genesung. Es geht voran !
martinm70 12.01.2019
3. Eine neue Brexit Abstimmung wäre sinnvoll
Ist doch nun wirklich offensichtlich genug daß die Engländer bei der ersten Abstimmung hinters Licht geführt wurden. Und erst jetzt stellt man fest das der Austritt eben sehr viel komplizierter ist. Man kann nunmal nicht verlangen das man ab sofort nichts mehr in die EU einzahlt, aber trotzdem noch alle Vorteile davon geniesst, so wie es Theresa May gerne hätte. Die EU kann sich hier auf keinen Fall über den Tisch ziehen lassen und muß hart bleiben denn sonst macht das Beispiel Schule und es treten noch mehr Länder aus der EU aus.
Sandlöscher 12.01.2019
4. Marktradikale Ideologie neigt sich dem Ende
endlich wehren sich die Menschen. Auch in D stehen hoffentlich bald die Menschen auf. Wer 60 Prozent der aktuell SV-Beschäftigten sehenden Auges in die Altersarmut schickt und das als erfolgreiche Politik verkauft, hält die Menschen für unterbelichtet. Europa ist die Wiege der Arbeiterbewegung, der Gewerkschaften und des Sozialstaats. Das ist eine große zivilisatorischen Errungenschaft und gleichzeitig Garant, dass politische Extremisten keine Chane haben. Die marktradikale Politik, imitiert von Reagan und Thatcher, hat uns ein Gemisch aus Raubtierkapitalismus, obszöne Umverteilung von unten nach oben, Steuerflucht von Reichen und Konzernen sowie Wirkung poor eingebracht. Das Resultat ist die zunehmende Spaltung der Gesellschaft und eine Wideraufflammen des Nationalismus. Ich gehe sogar soweit, dass die marktradikale Ideologie der Wegbereiter des Neo-Faschismus ist. Drr Kspitalismus ist genauso falsch wie der Kommunismus (Heiner Geißler).
trpaul65 12.01.2019
5. Tja, Neoliberalismus ist halt keine Lösung ...
... war er auch schon ohne Neo nicht. Der Mensch erträgt viel, aber nicht alles. Und das was er mit am allerschwersten verträgt ist (gefühlte oder echte, egal) Ungerechtigkeit, gefolgt von Bevormundung durch offensichtlich unfähige Obere, egal in welchem Lebensbereich. Und dann kracht es halt. Anders haben wir halt nie gelernt, wollen wir ja auch nicht. Es wird noch viel mehr krachen und zwar flächendeckend, aber das will ja auch erst wieder einer wissen, wenn es denn dann soweit ist. Und es wird laufen wie immer. Wir werden danach genauso weiter machen wie vorher, nur mit neuen Gesichtern. Aber wenn ich jetzt wieder schreiben würde der Mensch ist halt nun mal saudumm, dann wird das wieder zensiert, also lass ich es.
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