London: Zehntausende protestieren gegen Karikaturen

In London City demonstrieren Tausende gegen die Darstellung des Propheten Mohammed. Die Wut der Muslime wurde noch einmal angeheizt: Ein indischer Politiker setzte Kopfgeld auf die Karikaturisten aus. Der Zeichner Westergaard sagte heute, er bedauere die Veröffentlichung der Cartoons nicht.

Berlin - In der muslimischen Welt wird weiterhin gegen die umstrittenen Mohammed-Karikaturen mobilisiert. In London zogen heute mehre tausend Menschen ins Zentrum der britischen Hauptstadt. Während die Organisatoren von bis zu 40.000 Demonstranten sprachen, zählte die Polizei 10.000 Teilnehmer.

Sie kamen aus dem ganzen Land und wurden mit Bussen zum Trafalgar Square gebracht, von wo aus sie zum Hyde Park zogen. Sie trugen Plakate mit Aufschriften wie "Meinungsfreiheit=billige Beleidigungen" oder "Wie könnt ihr es wagen, den Propheten zu beleidigen". Zur Kundgebung hatte eine Organisation namens Muslimisches Aktionskomitee aufgerufen. Ihr Sprecher Taji Mustafa erklärte, die Proteste würden fortgesetzt, so lange der Prophet Mohammed beleidigt werde. Die Demonstranten trugen zum Teil traditionelle Kleidung, einige Frauen waren verschleiert. Unter den Teilnehmern waren auch viele, die in westlichem Outfit auftraten.



Auch in Deutschland wurde erneut von Muslimen gegen die Mohammed-Karikaturen protestiert. Rund 1300 Personen zogen heute friedlich durch die Innenstadt von Duisburg.

Während 40 islamische Gelehrte in Kairo die Muslime in aller Welt aufriefen, die Proteste zu beenden und stattdessen im Dialog die große Bedeutung des Propheten für Muslime zu erklären, werden anderswo der Streit weiter angeheizt.

Kopfgeld auf die Comiczeichner ausgesetzt

Im Visier sind die dänischen Karikaturisten, die für die Tageszeitung "Jyllands-Posten" die Mohammed-Karikaturen gezeichnet hatten. Die Karikaturen waren am 30. September 2005 in der Zeitung, der größten des Landes, veröffentlicht worden. Das Blatt wollte mit dem bewussten Bruch des islamischen Abbildungsverbots gegen eine angebliche Tendenz zur Selbstzensur unter Druck islamischer Gruppen demonstrieren.

Ein Minister des bevölkerungsreichsten indischen Bundesstaates Uttar Pradesh setzte eine Belohnung von umgerechnet mehr als 11 Millionen US-Dollar (9,6 Mio. Euro) auf die Ermordung eines Zeichners der umstrittenen dänischen Mohammed-Karikaturen aus. "Die Person, die den Propheten beleidigt hat, verdient es nicht zu leben, und jeder - ungeachtet welcher Nationalität - der den Karikaturisten eliminiert, wird mit Geld belohnt und mit Gold aufgewogen", sagte Haji Yakub Quereshi nach Medienberichten auf einer Demonstration am Freitag in der rund 65 Kilometer nordöstlich von Neu Delhi gelegenen Millionenstadt Meerut. Die Einwohner von Meerut würden Geld für das Kopfgeld beisteuern, habe der Minister zudem erklärt.

Seine Ankündigung rief Kritik bei islamischen Organisationen Indiens und hohen muslimischen Geistlichen hervor. Die Initiative sei " unislamisch" und "unziemlich", hieß es. Vertreter der politischen Opposition in dem nordindischen Bundesstaat forderten den Rücktritt von Quereshi.

Karikaturist hofft auf normales Leben

Heute meldete sich dänische Karikaturist Kurt Westergaard zu Wort: Er verteidigte seine umstrittenen Karikaturen des Propheten Mohammed - trotz der jüngsten Morddrohungen. Auf die Frage, ob er die Zeichnungen oder deren Veröffentlichung inzwischen bedauere, antwortete Westergaard in der schottischen Zeitung "The Herald" mit "Nein". Mit den Zeichnungen habe er zum Ausdruck bringen wollen, dass die "geistige Munition" für den Terrorismus aus dem Islam komme.

Das Interview wurde nach Angaben der Zeitung schriftlich und über einen Mittelsmann geführt. Wegen der weltweiten Proteste, die die Zeichnungen ausgelöst hatten, hält sich Westergaard unter dem Schutz des dänischen Geheimdienstes an einem geheim gehaltenen Ort auf. Auf die Frage, ob er sich jemals wieder ein normales Leben vorstellen könne, sagte er: "Ich hoffe. Die Welt ist immer ein gefährlicher Ort. Aber welche Alternativen haben wir?"

Minister-Rücktritt in Italien

Der Karikaturenstreit führte unterdessen in Italien zum Rücktritt des Reformministers Roberto Calderoli. Das Mitglied der rechtspopulistsichen Lega Nord beugte sich dem Druck seiner Kabinettskollegen und des Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi.

Der Politiker hatte am Mittwoch bei einem Fernsehauftritt ein T-Shirt getragen, auf dem eine der umstrittenen Mohammed-Karikaturen zu sehen war. In Lybien war es daraufhin zu einer gewalttätigen Demonstration vor dem italienischen Konsulat in Benghasi gekommen, in deren Verlauf durch die Polizei mindestens zehn Menschen ums Leben kamen.

sev/reuters/dpa

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