TV-Blamage für Londons Bürgermeister: "Sie sind ein ziemlich widerlicher Typ, oder?"

Ein Auftritt im Frühstücks-TV der BBC geriet für den Londoner Bürgermeister Boris Johnson zum größten anzunehmenden Unfall: Ein paar Fragen des Moderators reichten - und der innerparteiliche Rivale von Premierminister David Cameron war demontiert.

BBC-Moderator Mair und Londons Bürgermeister Johnson: "Well..." Zur Großansicht
BBC via Getty Images

BBC-Moderator Mair und Londons Bürgermeister Johnson: "Well..."

London - Da sitzt er also, fährt sich mit der linken Hand ratlos durch die buttergelben Haare, stammelt vor sich hin und atmet lang und vernehmbar aus. Hinter Boris Johnson ist die träge fließende Themse zu sehen, das London Eye, das höchste Riesenrad Europas, steht still - aber für den Londoner Bürgermeister kann in diesen Minuten am Sonntagmorgen kaum von Ruhe die Rede sein. Im Gegenteil: Vielleicht hat er gerade in der "Andrew Marr Show" seine politische Karriere verspielt. Er wirkt jedenfalls reichlich derangiert. Ausgerechnet der Tory-Politiker, der von manchen Parteifreunden als möglicher Nachfolger von Premierminister David Cameron gehandelt wird, hat sich gerade fürchterlich blamiert.

Es sollte am Sonntag eigentlich ein harmloser Auftritt für Johnson im Frühstücksfernsehen der BBC werden, ein paar Stunden vor Ausstrahlung einer einstündigen BBC-Dokumentation über den Londoner Bürgermeister, der einer der bekanntesten Politiker des Landes ist. 15 Minuten lang lief alles gut, Eddie Mair war für seinen erkrankten Kollegen eingesprungen und stellte harmlose Fragen. Johnson konnte sich warm reden. Es wurde dann aber schnell ungemütlich für Johnson: "Warum haben Sie ein Zitat erfunden?", fragt Mair und spielte damit auf einen Vorfall an, der mehr als 20 Jahre zurückliegt. Johnson hatte damals beim Traditionsblatt "Times" gearbeitet und war wegen des Interview-Problems entlassen worden.

"Well", sagt Johnson, nach der Frage, es folgt ein "äh", er braucht eine Weile, bis er seine Worte gefunden hat: Er habe damals eine Aussage "leicht geschliffen". Das sei beschämend, und er bereue es sehr, sagt Johnson.

Peinlichkeiten aus dem Privatleben

Für Johnson ist die Tortur damit aber noch längst nicht vorbei, Mair hat noch ein paar Unnanehmlichkeiten für Johnson parat. "Kommen wir zu einer unverfrorenen Lüge", sagt der BBC-Moderator. Johnson habe einst gegenüber seinem damaligen Parteivorsitzenden Michael Howard bestritten, dass er eine außereheliche Affäre hatte. Johnsons Behauptung habe sich aber als falsch erwiesen, Howard habe daraufhin Johnson - damals Parteivize und Sprecher für Kultur und Künste im Schattenkabinett - gefeuert. Johnsons Augen werden zu schmalen Schlitzen, als der BBC-Moderator den Themenkomplex einleitet. Er habe mit Howard zu keinem Zeitpunkt über diese Angelegenheit gesprochen, antwortet Johnson, er wolle jetzt nicht wieder über den Vorfall reden.

Aber auch das nächste Thema bereitet Johnson keine Freude. Mair leitet zu einem Telefonat über, das Johnson 1990 mit dem befreundeten Geschäftsmann Darius Guppy geführt hatte - eine Episode, die offenbar auch in der BBC-Dokumentation am Montagabend zur Sprache kommt. Guppy habe damals Johnson gebeten, dass er ihm die private Adresse eines Journalisten gebe, erzählt Mair. Guppy habe damals gesagt, dass er diesen Journalisten "zusammenschlagen" wolle, es sei von "gebrochenen Rippen" die Rede gewesen, fährt Mair fort und fügt hinzu, dass Johnson in dem Telefonat erklärt habe, die Adresse herausgeben zu wollen.

Johnson schaut auf den Boden - und dann kommt noch die Frage des Moderators. "Was sagt das über Sie, Boris Johnson?", fragt Mair, und dann listet er noch einmal alles auf: das erfundene Zitat, die Lüge gegenüber Howard, das Telefonat mit Guppy. "Sie sind ein ziemlich widerlicher Typ, oder?" Die Interpretationen Mairs seien nicht fair, antwortet Johnson und fügt hinzu, dass dem Journalisten, nach dessen Adresse Guppy damals gefragt hatte, nichts passiert sei.

Schützenhilfe nach der Sendung

Ob er Premierminister werden wolle, lautet eine weitere Frage des BBC-Moderators. Auch das soll für Johnson kein Thema sein. Er wolle seinen Job als Londoner Bürgermeister machen, ansonsten gehe es lediglich darum, dass die Regierung wiedergewählt werde.

Immerhin erhielt Johnson wenige Stunden nach der Sendung Hilfe - von seinem Vater. Das Interview von Eddie Mair sei "eines der abstoßendsten Beispiele von Journalismus", das er seit Jahren erlebt habe, sagte Stanley Johnson dem Radiosender LBC am Montag.

Sein Sohn sah es deutlich gelassener und lobte den BBC-Moderator: "Eddie Mair hat einen großartigen Job gemacht." Für ihn selbst sei es nicht der beste Auftritt gewesen, räumte Johnson ein. Das habe aber auch daran gelegen, dass Mair Fragen zu Themen aus der Vergangenheit und zu privaten Angelegenheiten gestellt habe.

hen

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Boris Johnson
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite