Italiens neuer Familienminister Fontana "Existieren Regenbogenfamilien?"

Kaum im Amt distanziert sich die Fünf-Sterne-Bewegung von den Aussagen eines Ministers ihres Koalitionspartners. Der rechtskonservative Familienminister meinte, Familien gebe es nur mit Vater und Mutter. Basta.

Lorenzo Fontana
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Lorenzo Fontana


Der Start der neuen Regierung in Italien verlief alles andere als glatt. Und es wird nicht besser, nun, da es die Koalition der Populisten von Fünf-Sterne-Bewegung und Lega Nord doch noch an die Macht geschafft hat. Aktuell sorgen die Aussagen des frisch vereidigten Familienministers, Lega-Mann Lorenzo Fontana, für Krach zwischen den beiden Partnern dieser politischen Zweckehe.

Auf die Frage eines Journalisten, was er in seiner neuen Funktion zu tun gedenke für Familien von zwei Frauen oder zwei Männern, reagierte Fontana mit einer Gegenfrage: "Existieren Regenbogenfamilien?" Als der Interviewer bejahte korrigierte ihn der konservative Katholik und Abtreibungsgegner. "Gesetzlich existieren sie derzeit nicht", sagte Fontana - seine Tochter auf dem Arm haltend. "Ich bin katholisch, das verberge ich nicht. Und deshalb sage ich auch, dass die Familie jene ist, wo ein Kind eine Mama und einen Papa haben soll."

Seit Mai 2016 sind eingetragene Lebenspartnerschaften für Homosexuelle allerdings im italienischen Gesetz verankert. 173 Senatoren hatten damals dafür gestimmt, dass Schwule und Lesben eine Gütergemeinschaft bilden, Hinterbliebenenrente beziehen, Doppelnamen oder eine Familienversicherung haben dürfen. Nur das Adoptionsrecht haben sie nicht.

Auch der Lega-Chef distanziert sich

Maria Edera Spadoni (Fünf Sterne) nannte Fontanas Äußerungen "unangemessen". Es sei kein Geheimnis, dass die beiden Regierungsparteien in ethischen Fragen vollkommen unterschiedliche Standpunkte vertreten, sagte die Politikerin der Zeitung "Corriere della Sera". Aus gutem Grund seien Themen mit Spaltpotenzial nicht Teil des Koalitionsvertrages.

Neben der gleichgeschlechtlichen Ehe sind sich Lega und Fünf Sterne auch uneins bei Patientenverfügungen und Schwangerschaftsabbrüchen. Die sind zwar seit 40 Jahren in Italien erlaubt, die meisten Ärzte verweigern den Eingriff aber. Der Ärzteverband Laiga nennt die Situation besorgniserregend. In den eher konservativen, südlichen Regionen nähmen bis zu 85 Prozent der Ärzte keine Abtreibungen vor. Viele katholische Kliniken lehnen den Abort kategorisch ab.

Es sei schlimm, wenn ein Minister eine solch "falsche und beleidigende Meinung" vertrete, sagte der Vorsitzende des Schwulenverbandes Gaynet, Francesco Lepore. Der Vorsitzende des Verbandes Arcigay, Gabriele Piazzoni, sagte: "In den letzten 24 Stunden haben wir zahlreiche Erklärungen von Minister Salvini und Minister Fontana gelesen, die aus einer Zeit von vor mindestens einem halben Jahrhundert stammen könnten."

Lega-Chef und Innenminister Matteo Salvini bemühte sich um Schadensbegrenzung. Es sei nicht das Ziel der Regierung, die liberale Gesetzgebung der vorherigen Legislative zu revidieren. Seinem Parteikollegen gestatte er aber "seine eigenen Vorstellungen". Die dürften von denen Salvinis nicht weit entfernt sein. Der Lega-Chef propagiert nämlich auch gerne den Klassiker Mama, Papà e Bambini.

löw/AP/dpa



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equigen 03.06.2018
1. Ewiggestrige wollen das Rad überall zurückdrehen
Weil es ja sooo toll war in der Vergangenheit mit Kleinstaaterei, Zöllen alle paar Kilometer, Vertreibungen weil man grad nicht die Religion des herrschenden Fürsten hatte (oder alternativ Scheiterhaufen wenn man Hexe (Frau mit eigener Meinung) oder Wissenschaftler war). Wir dürfen uns unser liberales, freiheitliches Europa nicht von einer Koalition ängstlicher Rechter und rückwärtsgewander Frömmler zerstören lassen. Solche Leute sind nicht dafür verantwortlich, dass es lange keine Kriege mehr in Mitteleuropa gegeben hat und heute eine Katholische und ein Protestant oder Buddhist oder Atheist heiraten können ohne ein moralischer Skandal zu sein. Diese Leute können nur Hass und Zerstörung säen und hätten - wären sie an der Macht gewesen - den Frieden der letzten 70 Jahre nie zustande gebracht. Traurig, dass die Wähler sind beschränkt sind und sich einwickeln lassen.
Eu1ropa 03.06.2018
2. Toleranz...
....nur dann, wenn es meiner Position entspricht. Warum kann nicht jeder akzeptieren, dass wir in der Postmoderne leben und hier mehrere parallele Wahrheiten gibt.....?
bartsuisse 03.06.2018
3. Fontana wurde scharf von Salvini zurückgepfiffen
die eingetragene Partnerschaft steht auch nicht zur Debatte so wenig wie der Schwangeschaftsabbruch.
zeichenkette 03.06.2018
4. Na, das kann ja heiter werden
Kann dem mal jemand erklären, dass heiratende Männer und Frauen sogar völlig fremde Leute sind, die noch nicht einmal verwandt sind? Wenn das geht, sind Mann-Mann und Frau-Frau als Familie ja wohl das kleinere Problem... Zumal alle Studien zu diesem Thema immer nur ergeben haben, dass es für Kinder völlig egal ist, ob da Mann und Frau oder zwei Männer oder zwei Frauen die Eltern sind: Das Gedeihen der Kinder hängt nur davon ab, ob alle zusammenhalten und sich lieben und das tun homosexuelle genauso oft wie heterosexuelle Eltern. Die einzigen, die hier wieder Missgunst verbreiten und spalten, sind wie immer die vorurteilsgesteuerten Populisten, denen die Menschen völlig egal sind, solange sie irgendwo in eine Kerbe hauen können. Wie traurig. Und natürlich auch hier wieder der Wunsch, Homosexuelle zu einem Leben in Vereinzelung und ohne Familie verdammen zu wollen. Denn natürlich ist die Ehe (oder die Partnerschaft oder wie auch immer) die Keimzelle der Gesellschaft: Dass sich zwei fremde, auf jeden Fall aber nicht verwandte Menschen zusammentun und beschließen, bis an das Ende ihrer Tage in guten und in schlechten Zeiten zusammenzuhalten und füreinander einzustehen. Davon brauchen wir nicht weniger, sondern mehr. Menschen davon auszuschließen, ist nicht nur schlecht für diese Menschen, sondern auch schlecht für die Gesellschaft. Es wird Zeit, dass auch die Kirche das versteht. Wobei, ganz oben und ganz unten hat auch die katholische Kirche das schon verstanden. Bloss dazwischen meinen immer noch einige Leute, mit dem Ausstoßen von Menschen punkten zu können. Eine Schande ist das.
ichsagwas 03.06.2018
5. Zeit für neue, wichtigere Themen
Der Klassiker - Mama, Papa und Bambini wird immer der Klassiker bleiben. Die paar anderen, dies sonst noch so gibt tun ja neimandem weh, sollen sie doch so leben, wie sie möchten, aber man braucht das Thema nicht ständig neu auflegen. Seien doch alle mal einfach zufrieden mit der aktuellen Gesetzeslage. Es gibt wichtigere Themen. Gerade die Linke sollte sich nicht ständig provozieren lassen. Die Minderheiten sind ordentlich bedient worden in den letzten Jahren. Zeit für andere Themen. Sonst wählen Mama und Papa, und die große "normale" Mehrheit eben andere Parteien.
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