Luftangriff in Libyen Nato entschuldigt sich für Tod von Zivilisten

Statt ein Waffenlager Gaddafis traf die Rakete ein Wohnhaus in Tripolis: Die Nato hat zugegeben, mehrere libysche Zivilisten bei einem Luftangriff getötet zu haben. Grund soll ein technischer Fehler gewesen sein.

Zerstörtes Gebäude in Tripolis: Von der Regierung organisierte Besichtigung
DPA

Zerstörtes Gebäude in Tripolis: Von der Regierung organisierte Besichtigung


Tripolis/Hamburg - Die Nato hat den Tod mehrerer Zivilisten durch einen Luftangriff in der libyschen Hauptstadt Tripolis eingeräumt. Bei einem Manöver am Samstag habe ein Geschoss nicht "das geplante Ziel", sondern ein Wohnhaus getroffen, erklärte die Militärallianz am Sonntagabend. Wie viele Menschen ums Leben kamen, teilte die Nato zunächst nicht mit.

"Obwohl wir die Einzelheiten des Zwischenfalls noch ermitteln, scheint es so, dass ein Fehler in einem Waffensystem diesen Zwischenfall verursacht hat", heißt es in der Erklärung des Oberbefehlshabers des Libyen-Einsatzes, General Charles Bouchard. "Es scheint, als ob eine Bombe nicht das beabsichtigte Ziel getroffen hat."

Die Todesfälle sind ein schwerer Schlag für die Allianz, deren Einsatz von der Uno ausdrücklich zum Schutz von Zivilisten beschlossen worden war. "Die Nato bedauert den Verlust unschuldiger Menschenleben", teilte Bouchard mit.

Gaddafi-Getreue präsentieren die Leiche eines Kleinkindes

Die libysche Regierung hatte der Nato zuvor vorgeworfen, bei einem Luftangriff auf ein Wohngebiet in Tripolis neun Zivilisten getötet zu haben, darunter zwei Kinder. Ausländische Journalisten wurden zum Ort des Geschehen geführt und konnten die Bergung einer Leiche beobachten. Später wurden ihnen in einem Krankenhaus mehrere Leichen gezeigt, darunter die eines Kleinkindes - dabei handle es sich um Tote des jüngsten Luftangriffs, behauptete ein Regierungssprecher.

Ob die Leichen aus dem zerstörten Gebäude stammten, konnte nicht unabhängig bestätigt werden. Die Journalisten erreichten das Gebäude einundhalb Stunden, nachdem in der Hauptstadt eine laute Explosion zu hören war. Während nach früheren Luftangriffen Rauch aus den Trümmern aufstieg, war davon in diesem Fall nichts zu sehen. Kürzlich hatte ein Mitarbeiter desselben Krankenhauses Reportern einen Zettel zugesteckt, auf dem es hieß, ein bei einem Autounfall verletztes Kind sei von der Regierung zum Luftangriffsopfer erklärt worden. Die Nato hat sich zu den Vorwürfen bisher nicht geäußert, will diese aber prüfen.

Das eigentliche Ziel des Nato-Angriffs war dem Militärbündnis zufolge ein Raketenlager. Am Nachmittag hatte die Allianz noch in einer Mitteilung zu den Vorwürfen betont, dass die Einsätze "mit Präzision und mit einer hohen Genauigkeitsrate" geplant würden. Libyen hingegen sprach von einem "vorsätzlichen Angriff auf zivile Gebäude" und führte den Vorfall als weiteren "Beweis für die Brutalität der Nato" an.

Für die Allianz könnte der Tod der Zivilisten die innere Zerreißprobe verstärken, nachdem sich in den vergangenen Wochen zunehmend Zweifel an dem Einsatz offenbart hatten. Am Wochenende warfen zudem die Rebellen der Nato mangelnde Unterstützung im Kampf gegen Machthaber Muammar al-Gaddafi vor. Ali Tarhuni, bei den Aufständischen für Finanzen und Öl zuständig, beklagte: "Alles geht zur Neige." Die westlichen Länder begriffen dies entweder nicht oder es sei ihnen egal. Umgerechnet koste der Einsatz die Rebellen täglich etwa 60 Millionen Euro, sagte er - woher das Geld kommen soll, sei nicht klar.

can/AFP/dpa/Reuters

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puqio 19.06.2011
1. Eine kurze Entschuldigung reicht
Eine kurze Entschuldigung reicht, wenn man unschuldige Frauen und Kinder ins Jenseits schickt, ob eben diese zu schützen. Im Jenseits sind sie nämlich sicherer! Da können sie nicht mehr von NATA-Bomben halbiert, oder verletzt oder getötet werden. Da sind sie bei Allah, und Allah ist groß. Und wer zum Teufel hat einen Vorteil davon, unschuldige Frauen und Kinder zu töten? Ah, ja, H. Sarkozi, damit er sich innenpolitsch gegen Frau Le Pan profilieren kann. Ich wünsche Frau Marie Le Pen, dass sie die nächsten Wahlen in Frankreich gewinnt und diesen ungerechten Krieg bitte beendet, und wenn möglich H. Sarkozi ins Gefängnis steckt. Dafür bete ich jetzt jeden Abend.
Koltschak 19.06.2011
2. Ach so, ein technischer Fehler....
...die unsägliche Tradition Afghanistans und des Iraks wird jetzt in Lybien fortgeführt. Hallo liebe Lybier, war nicht so gemeint, nur ein technischer Fehler. Kein Grund uns - den Guten!!!, hallo, ja Sie da, wir hier sind die Guten - böse zu sein! Sofortige Beendigung der Bombardierung von Tripolis und Abzug aller Truppen aus Lybien und roundabout.
Vincent_Vega, 19.06.2011
3. ohne Titel
Zitat von sysopStatt ein Waffenlager Gaddafis traf die Rakete ein Wohnhaus in Tripolis: Die Nato hat zugegeben, mehrere libysche Zivilisten bei einem Luftangriff getötet zu haben. Grund soll ein technischer Fehler gewesen sein. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,769288,00.html
Die NATO (sic!) ist leider auch nicht unfehlbar. Jedoch würde es mich mal interessieren, welcher Art dieser technische Fehler gewesen sein soll, der zwei Gebäude verwechselt hat...
asteinx 19.06.2011
4.
Danke für die Offenheit. Besser als die Amis bei denen man alles über Wikileaks erfahren muss.
h_fuesser 19.06.2011
5. Rechtschreibung
Zitat von sysopStatt ein Waffenlager Gaddafis traf die Rakete ein Wohnhaus in Tripolis: Die Nato hat zugegeben, mehrere libysche Zivilisten bei einem Luftangriff getötet zu haben. Grund soll ein technischer Fehler gewesen sein. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,769288,00.html
Ich denke es muss "eines Waffenlagers" heissen.
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