Luftangriffe auf Gaza Die Eskalationsstrategie der Hamas

In Gaza herrschen Tod und Zerstörung, doch das Kalkül der Hamas ist aufgegangen. Wochenlang provozierten die Islamisten die israelische Regierung mit Angriffen auf zivile Ziele. Jetzt können sie sich in der Opferrolle inszenieren - und ihr Ansehen im arabischen Raum stärken.

Von , Tel Aviv


Die Hamas muss es gewusst haben: Israel würde die ständigen Raketenangriffe nicht endlos tolerieren. Immer wieder beschossen Militante in den vergangenen Tagen israelische Orte. Doch die Islamisten bezogen die grausamen Fernsehbilder, die jetzt nach den israelischen Luftangriffen aus Gaza um die Welt gehen, offenbar in ihr Kalkül ein. Bewusst nahmen sie das Leiden Unschuldiger und die Opfer in Kauf, als sie sich weigerten, den Waffenstillstand mit Israel zu verlängern.

Eine perfide Strategie. Die international isolierte Hamas hofft, mit Hilfe der jetzigen Gewalteskalation als Gesprächspartner im Westen ernst genommen zu werden. Sie setzt darauf, dass sich die internationale Gemeinschaft in das blutige Geschehen einmischt - und mit der Hamas verhandelt.

Am Freitag hatten sich die Hamas-Strategen noch in Sicherheit gewähnt, denn aus Jerusalem kamen beruhigende Signale. Israel mimte "business as usual". Die Regierung ließ sogar 80 Lastwagen mit Grundnahrungsmitteln und Medikamenten nach Gaza einreisen. Als ob die "Operation gegossenes Blei" nicht geplant worden wäre, durften Soldaten übers Wochenende ihren Urlaub antreten. Vor der wöchentlichen Kabinettssitzung am Sonntag sei nicht mit einem Angriff zu rechnen, glaubte deshalb die Hamas-Führung.

Doch zu jenem Zeitpunkt war es im israelischen Verteidigungsministerium bereits eine beschlossene Sache: Die Provokationen der Islamisten würde nicht länger hingenommen. Die beschwichtigenden Zeichen vom Freitag waren ein Täuschungsmanöver, wie man seit Samstag weiß. Die geballten Angriffe der israelischen Luftwaffe sollten die Hamas-Führung unvorbereitet treffen. Das ist gelungen.

Dabei war die Eskalation spätestens seit dem 19. Dezember absehbar gewesen. An diesem Tag ließen die Hamas und ein Dutzend weiterer Palästinensergruppen die sechs Monate alte Waffenruhe mit Israel auslaufen - die allerdings stets brüchig gewesen war. Fast 200 Raketen und mehrere Mörsergranaten sind seither in Israel eingeschlagen. Zivilisten, nicht militärische Einrichtungen wollte die Hamas treffen. Die Raketen verfehlten ihre Bestimmung in der Regel nur wegen ihrer mangelhaften Zielgenauigkeit. Aber die ständige Angst vor den Kassam-Raketen machte das Leben im Süden Israels zur Qual. Viele Einwohner flüchteten gen Norden.

Die Hamas hätte die Konsequenzen ihrer Attacken abwägen können. Die ägyptische Regierung, die versuchte, zwischen Gaza und Jerusalem zu vermitteln, hatte sie eindringlich gewarnt.

Auch die Drohungen aus Israel waren seit Wochen deutlich, unmissverständlich und nicht interpretationsbedürftig. So forderte Premier Ehud Olmert noch am Mittwoch in einem Interview mit einem arabischen Fernsehsender die Palästinenser ultimativ auf, die Aggressionen gegen Israel einzustellen: "Stop it" - andernfalls werde Israel mit Gewalt gegen die Raketenwerfer und deren Hintermänner vorgehen.

Der Militärschlag erhöht das Ansehen der Islamisten

Doch genau darauf muss die Hamas gesetzt haben. Sonst hätte sie auf die Brüskierungen Israels, das über eine Armee in Nato-Stärke verfügt, verzichtet. Ihr muss klar gewesen sein, dass der Raketenhagel auf Israel irgendwann einen Gegenschlag auslösen würde.

Das hielt ihre Führung nicht davon ab, die Raketenangriffe zu billigen und zu unterstützen. Sie nahm in Kauf, dass beim israelischen Gegenangriff palästinensische Zivilisten zu Schaden kommen würden. Denn die Hamas-Anlagen sind absichtlich in Stadtteilen untergebracht, in denen Zivilisten wohnen.

Das Wohlergehen der palästinensischen Bevölkerung ist nicht das primäre Ziel der Hamas. Sie trägt zwar Regierungsverantwortung für die 1,5 Millionen Einwohner des Gaza-Streifens. Doch die staatsmännische Pflicht, die damit verbunden ist, haben die Islamisten nicht verinnerlicht. Sie bleiben der Widerstandsideologie verpflichtet. Weshalb sie nicht nur von Israel, sondern auch in Europa und in den USA als Terroristen eingestuft werden.

Die Hamas, so scheint es, hat mit ihrer Provokation vor allem ein Ziel verfolgt, das zynischer kaum sein könnte: Sie empfiehlt sich damit als Partnerin für den Dialog. Ohne ihre Zustimmung werde es keine Ruhe geben, lautet die maliziöse Botschaft. Mehr als das: Der massive Militärschlag gegen die Hamas, dessen Ende noch nicht abzusehen ist, erhöht das Ansehen der Islamisten aus Gaza im arabischen Raum.

Auch Palästinenserpräsident Mahmud Abbas - gewiss kein Freund der Hamas - solidarisierte sich jetzt mit Gaza und dessen amtierender Regierung. In Jordanien forderten Palästinenser die Regierung auf, den Friedensvertrag mit Israel zu kündigen. Im von Israel besetzten Westjordanland wird mit Unruhen gerechnet. Damit würde die Hamas ihren Machtanspruch auch dort geltend machen - was Israel, der Westen und die moderaten arabischen Regime um jeden Preis vermeiden wollen.

Pierre Heumann ist Nahost-Korrespondent der Schweizer "Weltwoche".



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