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Luftangriffe auf Gaza: "Jeder hat nur noch Angst"

Von Yassin Musharbash und Ulrike Putz

Traumatisierte Kinder, knappe Lebensmittel, überfüllte Krankenhäuser: Am dritten Tag der israelischen Militäroffensive gegen die Hamas verschlechtert sich die humanitäre Lage im Gaza-Streifen zusehends. Die Bewohner sind verzweifelt.

Berlin/Tel Aviv - Es ist genau 12.11 Uhr in Gaza-Stadt, als Wael Dahduh sich ducken muss. Wenige hundert Meter hinter dem Korrespondenten des arabischen Satellitensenders al-Dschasira explodiert eine Bombe - mitten in einer Live-Schaltung nach Doha, der Zentrale des Senders.

Rauch steigt auf. "Nach hier, hier herüber!", brüllt der Kameramann. Dahduh sprintet an den Rand des Daches, auf dem er und seine Crew stehen. "Das ist eine Wohngegend, die gerade beschossen wurde", sagt er atemlos. Als der Rauch sich legt, ergänzt er: "Wir können noch nicht sicher sein, aber es sieht aus, als lägen dort Leichen."

Tag drei der israelischen Militäroffensive gegen die Islamisten-Organisation Hamas: Über 300 Menschen sind bislang durch das Bombardement getötet worden. Auch am Montag flog Israels Luftwaffe weiter Angriffe auf Häuser, Einrichtungen und Fahrzeuge, die sie der Hamas oder anderen militanten Gruppen zurechnet.

Die Offensive hatte am Samstagvormittag begonnen. Laut Israels Führung hat sie zum Ziel, die Hamas entscheidend zu schwächen. Tage zuvor hatte die Organisation die brüchige Waffenruhe mit Israel für beendet erklärt und den Beschuss israelischer Ortschaften mit Raketen wieder aufgenommen.

Al-Dschasira ist eines der wenigen internationalen Medien mit eigenen Korrespondenten im Gaza-Streifen. Die israelischen Behörden verweigern der Presse, die noch nicht vor Ort ist, bislang die Einreise. Al-Dschasira kommt daher - wieder einmal - eine besondere Rolle zu.

Vier Minuten nach der ersten schlägt die zweite Bombe in unmittelbarer Nähe von Dahduhs Standort ein. Doch nun wird zum zweiten Korrespondenten in Gaza geschaltet. Er steht in der Notaufnahme des größten Krankenhauses von Gaza, dem Schifa-Hospital. Ein verzweifelter Arzt weist auf die akutesten Probleme hin: "Es gibt kaum Medikamente mehr, es gibt schwere Engpässe."

"Gaza ist eine Geisterstadt"

Das meiste von dem, was al-Dschasira berichtet, bestätigen Einwohner von Gaza-Stadt. Der Journalist und Blogger Sameh Habeeb etwa hat ebenfalls mit Ärzten aus dem Schifa-Krankenhaus gesprochen. Leichen, schreibt er, würden im Flur gestapelt. Und teilweise würden sich zwei oder drei Verwundete ein Bett teilen müssen.

Auch die Meldung, dass in der vergangenen Nacht mehrere Moscheen bombardiert wurden, wird bestätigt. Al-Dschasira weist sogar - ganz korrekt - darauf hin, dass Israel der Hamas vorwirft, diese als Waffenlager zu missbrauchen.

In dem Ort Dschabalija, berichtet Khalid Abd al-Shafi, sei zum Beispiel eine Moschee zerstört worden - und aus den Trümmern habe man die Leichen einer Frau und ihrer vier Kinder geborgen.

Abd al-Schafi ist Mitarbeiter des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) in Gaza. Am ersten Tag der Offensive, dem Samstag, seien vor allem Polizeistationen bombardiert worden, sagt er. Nun seien Fahrzeuge und Wohnhäuser von Militanten an der Reihe. "Die Straßen sind leer", erzählt er. "Es herrscht große Angst, dass man getroffen werden könnte."

Die Kollateralschäden, so Abd al-Shafi, seien groß: "Schulen, Straßen, Krankenhäuser - alles und jeder bekommt etwas ab." Er ist 50 Jahre alt, aber "so schlimm war es noch nie in Gaza".

Neben der Furcht fühlten viele Bewohner des Gaza-Streifens aber auch Zorn, sagt er. Vor allem über das "internationale Schweigen". Es werde als Komplizenschaft mit Israel wahrgenommen, viele fühlten sich als Opfer einer Verschwörung. Auch arabische Führer zählten viele zu den Verrätern.

Allerdings werden offenbar auch Verräter in den eigenen Reihen gesucht. So berichtet die israelische Tageszeitung "Haaretz" auf ihrer Internetseite, dass Hamas-Militante einen mutmaßlichen palästinensischen Kollaborateur in Gaza getötet hätten.

"So schafft man neue Extremisten", sagt der Psychiater

"Gaza ist eine Geisterstadt", sagt Eyad al-Sarat, der Leiter der einzigen Psychiatrie des Landstrichs, in dem 1,5 Millionen Palästinenser leben. Er selbst habe die Familie seines Bruders mit fünf Kindern bei sich aufgenommen, nun schliefen zwölf Personen in einem Zimmer.

Der Gaza-Streifen, die Raketeneinschläge, die Reichweiten - ein Überblick
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Sarat macht sich Sorgen - nicht nur wegen der aktuellen Situation, sondern auch wegen dem, was die gegenwärtigen Erfahrungen der Kinder im Gaza-Streifen in der Zukunft auslösen könnten. Denn die Kinder erlebten sehr bewusst mit, dass niemand ihre Sicherheit garantieren könne, nicht einmal die eigenen Väter. Das mache sie anfällig dafür, später radikaler Rhetorik anheimzufallen. "So schafft man neue Extremisten", sagt der Arzt. "Das ist Israels größer Fehler."

Im Moment aber stehe die Sorge ums Überleben im Vordergrund. Reis, Mehl, Linsen: Die Vorräte der Familie würden noch für wenige Tage reichen. Aber dann?

Das Haus des Psychiaters steht außerdem nahe einer Polizeistation und dem Gästehaus der Regierung. Letzteres wurde in der vergangenen Nacht bereits bombardiert. "Unser Haus wurde in den Grundfesten erschüttert", berichtet er.

Ijad al-Alami arbeitet beim "Palestinian Center for Human Rights", einer Nichtregierungsorganisation. "Die Lage vor Ort ist dramatisch", sagt auch er: Trinkwasser sei knapp, Strom gebe es nur sporadisch, Lebensmittel immer weniger. Alami klagt an, dass Israels Luftwaffe kaum zwischen militärischen und zivilen Zielen unterscheide. Er wisse von mindestens 30 getöteten Zivilisten, darunter Frauen und Kinder. "Normales Leben ist unmöglich", sagt er, "jeder hat nur noch Angst." Am schlimmsten sei das Gefühl, dass es im ganzen Gaza-Streifen keinen sicheren Ort mehr gebe.

Kaum einer geht noch zu Beerdigungen

Der Politologe Mkhaimar Abu Sada, ein führender Analyst, berichtet gerade von den Bombardements, als eine neuerliche Explosion durchs Telefon zu hören ist. "Niemand hier erinnert sich an Gewalt in dieser Größenordnung", sagt er. Die Folgen seien verheerend.

Mittlerweile müsse man hundert Meter anstehen, um eine Tüte mit Fladenbroten zu kaufen. Das bedeute, ein bis zwei Stunden voller Angst auf offener Straße zu stehen. Aus Furcht würden auch nur noch wenige Menschen an den Begräbnissen teilnehmen - statt Hunderten nur noch einige Dutzend.

Abu Sada glaubt, dass die Hamas sich derzeit bewusst mit Vergeltungsschlägen zurückhalte, um keine Bodeninvasion Israels zu provozieren. "In dem Fall müsste sie um ihre Existenz fürchten", sagt der Politologe. Deshalb versuche die Islamisten-Organisation, die mit der einseitigen Aufkündigung der Waffenruhe vor einer Woche die Militäroffensive provoziert hatte, die Schläge zunächst so gut es gehe zu absorbieren.

Das allerdings sehen die Korrespondenten von al-Dschasira anders. Sie berichten, dass mehrere palästinensische militante Organisationen, einschließlich der Hamas, an diesem Montag den Abschuss weiterer Raketen auf israelische Ortschaften verkündet hätten. Ein Israeli wurde durch eine solche Rakete getötet.

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