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US-Luftschlag auf Krankenhaus in Kunduz: Pentagon räumt Versagen ein

Von und , Washington

Zerstörtes Krankenhaus in Kunduz: US-Armee zieht Konsequenzen Zur Großansicht
AP/dpa

Zerstörtes Krankenhaus in Kunduz: US-Armee zieht Konsequenzen

30 Menschen kamen beim US-Luftschlag auf das Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen in Afghanistan ums Leben. Nun legt die US-Regierung ihren Prüfbericht vor: Die Abläufe waren offenbar chaotisch, die Fehler erschreckend.

Der fatale US-Luftschlag auf ein Krankenhaus in Kunduz Anfang Oktober ist nach Erkenntnissen des amerikanischen Verteidigungsministeriums durch eine ganze Reihe von Irrtümern und menschlichem Versagen verursacht worden.

"Das war ein tragischer Fehler. US-Kräfte würden niemals absichtlich ein Krankenhaus oder andere geschützte Einrichtungen bombardieren", sagte der US-Oberkommandeur für Afghanistan, General John Campbell, am Mittwoch in Washington. "Wir haben versagt, was die Erfüllung unserer hohen Ansprüche angeht." Ziel sei eigentlich ein anderes, von den Taliban genutztes Gebäude gewesen, das mehrere Hundert Meter entfernt gewesen sei.

Das Eingeständnis massiver Fehler basiert auf einem Prüfbericht, den die US-Armee nach wochenlanger Arbeit abgeschlossen hat. Bei dem Luftschlag am 3. Oktober auf das Krankenhaus der Organisation Ärzte ohne Grenzen waren 30 Menschen ums Leben gekommen, darunter medizinisches Personal und Patienten. Der Fall hatte international für große Bestürzung gesorgt und der US-Armee erhebliche Kritik eingebracht. Ärzte ohne Grenzen spricht von einem Kriegsverbrechen und forderte eine unabhängige Untersuchung.

Mit dem Prüfbericht versucht das Verteidigungsministerium Entschlossenheit zu demonstrieren, die Hintergründe des Unfalls so weit wie möglich aufzuklären und zu belegen, dass es sich um ein fatales Versehen handelte. Teils erschreckende Fehler führten offenbar zu dem Drama in Kunduz. Basierend auf den Erkenntnissen des rund 3000 Seiten langen Berichts, schilderte Campbell die Abläufe des Fehlschlags. Sie wirken weitaus chaotischer als bisher angenommen.

Chaotische Abläufe am Morgen des 3. Oktober

Campbell zufolge befanden sich US-Truppen und die afghanische Armee in den Tagen vor dem Luftschlag in heftigen Auseinandersetzungen mit den radikalislamischen Taliban, nachdem diese Ende September versucht hatten, Kunduz einzunehmen. Am Abend des 2. Oktober seien die Amerikaner von der afghanischen Armee auf eine bevorstehende Operation gegen aufständische Taliban hingewiesen und um Luftunterstützung gebeten worden. Die Operation zielte unter anderem auf ein Regierungsgebäude, in dem die afghanische Armee feindliche Kämpfer vermutete.

Weil das Flugzeug vom Typ AC-130 von einem anderen Einsatz abberufen wurde, wurde die Besatzung nicht wie üblich vom Befehlsstand detailliert über Ziel und Art des Einsatzes sowie geschützte Objekte informiert. Die Prüfung habe zudem ergeben, dass an Bord die Technik ausgefallen sei, mit deren Hilfe die US-Armee das von den Afghanen angegebene Gebäude hätte genauer identifizieren, E-Mails empfangen und Videos verschicken können. Weil die Besatzung geglaubt habe, von Taliban beschossen zu werden, sei das Flugzeug von seinem eigentlichen Kurs in ein Gebiet rund acht Meilen vom Ziel entfernt abgewichen. Dies habe die Zielgenauigkeit einiger Geräte beeinträchtigt.

Ein US-Kommandeur habe den Piloten die korrekten Koordinaten des Ziels durchgegeben. Auf den Bordcomputern des Flugzeugs hätten diese aufgrund der leichten Kursveränderung allerdings auf ein offenes Feld geführt, rund 300 Meter von dem vermeintlichen Taliban-Unterschlupf entfernt. Die Besatzung habe anschließend mithilfe einer Kamera als Ziel das am nächsten gelegene große Gebäude zu finden versucht. Die Beschreibung der Afghanen habe "ungefähr mit dem Krankenhaus übereingestimmt", so Campbell. Da es dunkel gewesen sei, hätten die Piloten bei dem Gebäude keine Anzeichen für ein geschütztes Ziel finden können.

Eine Minute vor dem Bombardement schickte die Besatzung Campbell zufolge eine Nachricht an das Einsatzkommando in Bagram über den bevorstehenden Luftangriff mitsamt den Koordinaten, die jetzt auf das Krankenhaus zeigten. Obwohl das Krankenhaus auf einer US-Liste geschützter Objekte stehe, habe man am Boden das falsche Ziel nicht erkannt. Vom Befehlsstand habe es keinen Widerspruch gegeben.

"Wir haben darauf gelernt"

Der Angriff begann um 2.08 Uhr am Morgen des 3. Oktober. Zwölf Minuten später sei das Hauptquartier in Bagram vom Klinikpersonal gewarnt worden, allerdings habe es weitere 17 Minuten gebraucht, bis der Befehlsstand den fatalen Fehlschlag bemerkt habe, so Campbell. Insgesamt 29 Minuten habe das Bombardement gedauert.

Das Verteidigungsministerium zog auf Grundlage des Berichts erste Konsequenzen. Mehrere Soldaten, die mit dem Angriff zu tun hatten, wurden suspendiert. "Die Einsatzkräfte, die den Luftangriff anforderten und diejenigen, die ihn ausführten, haben keine ausreichenden Maßnahmen ergriffen, um zu überprüfen, ob das Gebäude ein legitimes militärisches Ziel war", sagte Campbell.

Doch auch nach der Schilderung Campbells bleiben etliche Fragen offen. So ist unklar, warum die Besatzung feuerte, obwohl sie über Ziel und Einsatz nicht ausreichend informiert war. Auch die ungewisse Zielgenauigkeit muss den Piloten aufgrund der technischen Probleme bewusst gewesen sein.

Campbell betonte, dass weitere disziplinarische Maßnahmen denkbar seien. "Wir haben", sagte er, "aus diesem schrecklichen Vorfall gelernt".

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insgesamt 90 Beiträge
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    Seite 1    
1. Wie besser machen
Halfstep 25.11.2015
"Campbell betonte, dass weitere disziplinarische Maßnahmen denkbar seien." Das dünkt mir nicht zielführend. Köpfe rollen lassen ist nur ein nachträglicher Entlastungsversuch. Wer es wirklich besser machen will, muss die Einsatzregeln ändern.
2. Man lese den Bericht ...
klausbaerbel 25.11.2015
...der "Aerzte ohne Grenzen". Dann weiss man, dass das hier auch wieder Geschlabber ist, um von der Absicht der Vernichtung abzulenken - in dem Krankenhaus waren ohne Unterschied auch ca 65 verletzte Taliban, angeblich 2 Kommandeure. Und bereits 5 Minuten nach dem Angriff habe man direkt beim US-Militaer protestiert, dem die GPS-Koordinaten bekannt waren. Der Angriff ging trotzdem noch ueber eine Stunde weiter, das Zentralgebaeude wuerde regelrecht plattgemacht (siehe Bericht mit Luftaufnahmen). Einen aehnlichen Angrif gab es einige tage spaeter auf ein Hospital der "Aerzte ohne Grenzen" in Yemen, das Huthi-Rebellen geheilt hat. Was faellt einem zu solch einer Presse noch ein ?
3.
tolate 25.11.2015
Ziel sei eigentlich ein anderes, von den Taliban genutztes Gebäude gewesen, das mehrere hundert Meter entfernt gewesen sei. Das ist gelogen! Das Krankenhaus hat während der Bombardierung sich telefonisch mehrfach gemeldet. Plumpe Lügen verraten den Niedergang der US Armee. Eine Einlassung wie die von der Armee abgegebe Verkettung aller möglichen Umstände ist nichts anders als eine mühsam zurechtgebastelte Ausrede. Technik ausgefallen, gsucht, mit einem Foto, mitten in der Nacht, und gefunden, nicht wie üblich informiert, geglaubt, beschossen zu werden? Ja ist den schon wieder Weihnachten?
4. schwachsinn
jww+++ 25.11.2015
Es scheint, das der us-commander die leser dieses "berichtes" für dämlich hält. Allein die tatsache, das die "untersuchung" von denen vorgenommen bzw. zur veröffentlichung frei gegen wurde, die in der militärischen hirarchie die befehlsgewalt dort haben, ist die gewähr dafür, das diese alles andere als objektiv ist. Man will der welt glauben machen, das das us-militär niemals vorsätzlich humanitäre einrichtungen angreift -das das eine mär ist, kann jeder wissen, der sich mit den einzelheiten des krieges mit dem irak, afghanistan, laos, kambodscha, vietnam und aktuellen droheneinsätzen befasst. Das war und ist nämlich dort an der militärischen tagesordnung und warum sollte es in diesem fall anders gewesen sein
5.
eternalchii 25.11.2015
Schon erstaunlich, wie sich hier wieder einige so richtig über die USA aufregen, in anderen Beiträge aber den Syrieneinsatz der Russen bejubeln - und das obwohl die Russen in wenigen Wochen schon 12 Krankenhäuser bombardiert haben. http://www.zeit.de/politik/2015-10/syrien-aerzte-ohne-grenzen-luftangriffe
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