Mord auf offener Straße Wütende Dorfbewohner töten vier Schiiten in Ägypten

Mehrere tausend Menschen haben in einem ägyptischen Dorf Jagd auf Schiiten gemacht. Angestachelt von salafistischen Predigern zündeten sie Häuser an, stachen auf ihre Nachbarn ein und schleiften ihre Körper durch die Straßen. Die Polizei schaute tatenlos zu.

Konfessionelle Gewalt in Ägypten: Menschenjagd in Abu Musallam
AFP

Konfessionelle Gewalt in Ägypten: Menschenjagd in Abu Musallam


Kairo/Hamburg - Es sind Szenen roher, ungezügelter Gewalt, die sich am Sonntagnachmittag in einem ägyptischen Dorf abspielen. Videos zeigen, wie ein Mob von mehreren tausend Menschen Jagd auf Andersgläubige macht, auf sie einprügelt, ihre Körper durch die Straßen schleift. Am Ende sind mindestens vier Menschen tot, 30 weitere schwer verletzt, mehrere Häuser niedergebrannt.

Die Opfer gehören der schiitischen Minderheit an, zu der sich etwa ein Prozent der 85 Millionen Ägypter bekennt. Sunnitische Prediger polemisieren seit Jahren gegen Schiiten, seit dem Sturz des Mubarak-Regimes hat die Hetze neue Dimensionen erreicht. Salafistische Prediger diffamieren ihren Glauben, die Azhar-Universität exmatrikulierte im April eine Studentin, die angeblich versucht hatte, Kommilitoninnen dazu zu bringen, zum schiitischen Islam zu konvertieren.

Auch in dem Dorf Abu Musallam südlich von Kairo sollen salafistische Prediger in den vergangenen Monaten gegen die etwa 40 schiitischen Familien im Dorf gehetzt haben. Sie bezeichneten ihre Nachbarn als Ungläubige und beschuldigten sie, ein lasterhaftes Leben zu führen.

Vorwürfe gegen Präsident Mursi

Am Sonntag eskalierte die Situation, als einer der führenden schiitischen Geistlichen Ägyptens den Ort besuchte. Anlässlich eines religiösen Feiertages traf Hassan Schehata sich mit seinen Glaubensbrüdern in Abu Musallam. Daraufhin griffen aufgebrachte Sunniten das Haus an, in dem sich die schiitische Gemeinde versammelte.

Zunächst warfen sie Molotow-Cocktails auf das Gebäude, dann zerrten sie den Geistlichen Schehata und andere Schiiten auf die Straße. Dort hatte sich bereits ein Mob versammelt, laut Augenzeugenbericht eines Reporters der Zeitung "al-Ahram" waren es etwa 3000 Menschen. Sie prügelten ihre Opfer nieder und stachen mit Messern auf sie ein. Die Sicherheitskräfte schauten tatenlos zu. Später bargen sie lediglich die Leichen.

Bahaa Anwar, ein schiitischer Aktivist, machte Präsident Mohammed Mursi für das Massaker verantwortlich. Er habe sich nie gegen die anti-schiitische Hetze gestellt, obwohl er vorgebe, alle Ägypter zu vertreten.

Der von Salafisten betriebene TV-Sender al-Nas rechtfertigte den Angriff. Schehata habe in der Vergangenheit schließlich die Ehefrau des Propheten Mohammed beleidigt.

syd/dpa

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berlin-steffen 24.06.2013
1. das ist wahre Religionsfreiheit
So stelle ich mir das Mittelalter vor. Ein Hoch dem jeweiligen Gott, denn der weiß, was er macht.
gollum 24.06.2013
2. Frühling in Ägypten
die muslemische Welt gerät immer mehr aus den Fugen.
crossbow17 24.06.2013
3. Bildungsferne und Rückständigkeit sind...
...immer der Nährboden für religiöse Eiferer. Das sollte man sich gut merken, auch für unser Land. Und was die Polizei in diesen Ländern wie Ägypten anbelangt ist sie entweder brutaler Machtapparat der Regimes oder tut einfach gar nichts. Trotz Neuzeit herrscht das Mittelalter.
edmond_d._berggraf-christ 24.06.2013
4. Wie erwartet errichtet man nun in Ägypten eine religiöse Zwingherrschaft
Mit den mohammedanischen Eiferern ist eben auch in Ägypten kein demokratischer Staat zu machen und wohl lassen diese sich zwar vom Volk wählen, aber mit dem abwählen haben sie es dann später nicht so, weil sie ja den göttlichen Gesetzen dienen und deren unbedingte Gültigkeit auf dem Erdenrund eben niemals nicht angezweifelt werden darf. Gegenwärtig freilich sind die Eiferer noch damit beschäftigt die unumschränkte Macht zu erlangen, aber niemand kann diese ihnen noch streitig machen, da sie sowohl in der verfassungsgebenden Versammlung die Mehrheit haben als auch den Präsidenten stellen und sich daher ihre Herrschaft nach eigenem Gutdünken einrichten können und mit 70% Stimmanteil müssen sie auch eine Volksabstimmung über ihre neue Staatsordnung nicht fürchten. Da sie aber äußerlich einen vorsichtigen Kurs steuern und sich noch im Westen Liebkind machen, so dürfte kaum das bisher herrschende Militär jetzt noch einen Staatsstreich wagen, sondern wird sich wohl den neuen Herren fügen.
darthmax 24.06.2013
5. sunnitische Prediger
die legen den Islam alle falsch aus. Auch die Azhar Universität . Die Sicherheitskräfte, war dies nun die Armee oder die PÜolizei, stehen nicht abseits der Gesellschaft sondern sind auch deren Spiegelbild.
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