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Machtanspruch: Putin plant massive Aufrüstung

Von Simone Schlindwein, Moskau

Russland zeigt die Muskeln: Präsident Putin lässt seine Bomber wieder regelmäßig weit jenseits der eigenen Grenzen fliegen. Zugleich plant der Kreml ein gewaltiges Rüstungsprogramm mit Hunderten neuer Kampfjets und nicht weniger als sechs Flugzeugträgern.

Moskau - Tauchboote am Nordpol, Kampfflugzeuge über dem Atlantik und dem Pazifik: Russland hat in den vergangenen Wochen mit einer Serie von aggressiven Aktionen auf sich aufmerksam gemacht. Jetzt hat Präsident Wladimir Putin auch die leisesten Hoffnungen zerstreut, dass es sich dabei um Zufälle gehandelt haben könnte: Am heutigen Freitag kündigte er an, dass russische Langstreckenbomber demnächst wieder regelmäßig außerhalb des eigenen Luftraums fliegen werden.

"Wir haben uns entschieden, diese Flüge permanent wieder aufzunehmen", sagte Putin nach einer gemeinsamen Militärübung mit China und vier zentralasiatischen Staaten im Ural. "Heute um Null Uhr haben 14 strategische Bomber gemeinsam mit Unterstützungs- und Tankflugzeugen von sieben über das ganze Land verteilten Flugbasen abgehoben."

Der "unilaterale Stopp" der strategischen Langstreckenflüge nach dem Ende der Sowjetunion habe Russlands Sicherheit beeinträchtigt, weil andere Staaten an solchen Flügen festgehalten hätten. "Leider ist damals nicht jeder unserem Beispiel gefolgt", sagte Putin. Die Entscheidung sei eine Reaktion auf die Bedrohung durch andere militärische Mächte.

Vor kurzem hatten russische Bomber den US-Stützpunkt auf der Insel Guam im Pazifik überflogen. US-Flugzeuge mussten aufsteigen, um sie zu beobachten. Die Amerikaner reagierten mit Spott. "Soll das der russische Bär sein? Fliegen die etwa noch mit den alten Maschinen?", fragte Sean McCormack, Sprecher des US-Außenministeriums, nachdem die beiden über 25 Jahre alten Langstreckenbomber über Guam gesichtet worden waren.

Ähnlich höhnisch reagierte McCormack auch heute wieder: Die Vereinigten Staaten seien über die Ankündigung Putins nicht sonderlich besorgt, weil sich die Zeiten seit dem Ende der Sowjetunion geändert hätten. "Wenn Russland meint, es muss diese alten Flugzeuge aus der Mottenkiste herausholen und wieder zum Einsatz bringen, dann ist das seine Entscheidung."

Russlands Luftwaffe soll modernisiert werden

Für solchen Spott dürfte es schon bald keinen Grund mehr geben. Noch in den neunziger Jahren mussten veraltete Tupolews und MiGs aus Benzinmangel am Boden bleiben. In Zukunft aber müssen die Amerikaner damit rechnen, bald auch über dem Pazifik modernen russischen Kampfflugzeugen zu begegnen. Der Grund: Die russische Luftwaffe wird gerade generalüberholt und aufgerüstet.

"Die modernisierte Variante des Langstreckenbombers Tu-160 steht schon auf dem Rollfeld und wird getestet", kündigte Generalmajor Pawel Androssow an. Ab dem Jahr 2011 sollen auch unbemannte Flugkörper mit einer Reichweite von 300 bis 400 Kilometern eingesetzt werden, prahlte Generaloberst Alexander Selin, Oberbefehlshaber der Luftstreitkräfte. Entsprechend groß und voller Selbstbewusstsein wurde in der vergangenen Woche der 95. Jahrestag der Luftstreitkräfte in Monino bei Moskau mit einer Flugshow gefeiert.

Dank des hohen Öl- und Gaspreises der vergangenen Jahre sowie der Devisenreserven von mehr als 500 Milliarden Dollar ist der Staat wieder in der Lage, zu investieren. Die Ausgaben für die Luftstreitkräfte steigen Jahr für Jahr um 20 Prozent. Bis zum Jahr 2015 will Russland pro Jahr über 100 Kampfjets herstellen, verheißt Alexej Fjodorow, Direktor der neu gegründeten Holding OAK und Chef des Flugzeugkonzerns MiG. So jagt derzeit in den russischen Medien eine Jubel-Meldung die andere.

Basis des neuen Raketenabwehrschildes vorgestellt

Die internationale Luft- und Raumfahrtausstellung MAKS, die kommende Woche in der Stadt Schukowski bei Moskau stattfindet, ist eine einmalige Gelegenheit, die Welt mit den neuesten Technologien made in Russia zu beeindrucken. Insgesamt werden 800 Teilnehmer aus 39 Ländern vertreten sein. Dort wird die Luftwaffe die modernisierten Flugzeuge Tu-160 und Tu-95MS sowie das neuste Flugabwehr-Raketensystem S-400 "Triumph" der internationalen Öffentlichkeit präsentieren. "Triumph" stellt die Basis des von Russland vergangene Woche angekündigten Abwehrschildes dar – die Moskauer Antwort auf die US-Pläne in Tschechien und Polen.

Das Säbelrasseln dient jedoch nicht allein außenpolitischen Zwecken. Der Kreml leitet jetzt die heiße Phase des Wahlkampfes für die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen ein. Mit spektakulären Meldungen, Flugshows und Paraden demonstriert die Kreml-Führung, dass sie Russland wieder stark gemacht hat. Vor allem die historischen Jahrestage wie der "Tag der Flotte" werden derzeit groß begangen. Pünktlich zu diesem Feiertag schwärmten auch die russischen Admiräle von einer leuchtenden Zukunft ihrer Marine.

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