Aus Kairo berichtet Matthias Gebauer
Kairo - Es sind Szenen, die an die friedlichen Seiten der Revolution gegen den Despoten Husni Mubarak erinnern. Hunderttausende Demonstranten haben sich am Freitagnachmittag im Zentrum von Kairo versammelt, um gegen die Herrschaft von Präsident Mursi zu protestieren. Sie tanzen mit Soldaten auf Panzern, die Organisatoren flachsen mit den Wächtern des Palasts und diskutieren sogar aus, ob einer von ihnen ein Anti-Mursi-Graffito hinter der letzten Absperrung neben das Palasttor sprühen darf. So weit kommt es dann aber doch nicht. "Dann wollt ihr doch plötzlich alle rein", sagt der Soldat, der zum Schutz des Präsidenten und seiner Familie abgestellt ist. Eines macht er aber auch ganz klar: "Wir werden euch nicht angreifen, wir gehören nicht der Regierung."
Die Demonstranten kritisieren in Sprechchören den Präsidenten: "Hau ab!" und "Wir sind deine Töchter und Söhne!", rufen sie. Immer mehr Menschen strömen auf den Platz vor dem Palast. Durch die Menge bahnen sich Autos mit Lautsprechern den Weg. Daraus ertönen Appelle an die Demonstranten, bis zum Rücktritt von Mursi auf dem Platz zu bleiben. "Wenn wir genug sind, werden uns die Brüder nicht wieder angreifen", sagt Maha, eine junge Studentin aus Heliopolis. Ihr Gesicht hat sie in den ägyptischen Nationalfarben angemalt, in der Hand stets das Handy, um die neuesten Bilder bei Twitter einzustellen. Heute Abend will sie bleiben, sagt sie, in keinem Fall dürfe man den Druck auf den Präsidenten aufgeben.
Beide Seiten sind offenbar sehr darauf bedacht, dass die Lage nicht eskaliert. Die Demonstranten bilden mit etwas Abstand zu den Sicherheitskräften eine Menschenkette hinter der die übrigen Gegner der Mursi-Regierung zurückbleiben. Neu hinzuströmende Demonstranten werden auf Schlagstöcke oder ähnliche Waffen überprüft.
Die Demonstration an diesem Freitag vor dem Präsidentenpalast ist allein zahlenmäßig ein imposanter Beweis dafür, wie groß der Widerstand gegen Mursi ist. Gleichzeitig sind auch auf dem Tahrir-Platz rund 100.000 Menschen zusammengekommen. Auch dort bleibt es friedlich. Mit diesem Zeichen der Stärke und friedlichen Szenen - so hoffen die Oppositionsführer - könnte die Bewegung eindrucksvoll belegen, dass sie nicht auf Krawall, sondern auf einen Kompromiss mit der Regierung aus ist.
Volksentscheid kommt womöglich später
Die Menschen protestieren unter anderem gegen den Verfassungsentwurf der regierenden Islamisten. Mursi hatte in einer Fernsehansprache am Donnerstagabend erklärt, es werde keine Änderungen an dem Papier geben. Der Opposition warf er vor, dem gestürzten Regime von Husni Mubarak zu dienen. Er werde es nicht tolerieren, dass irgendjemand im Land am Sturz einer rechtmäßigen Regierung arbeite, sagte Mursi. Auch der Termin für das Referendum werde nicht verschoben.
Möglicherweise gibt es in diesem Punkt nun aber doch Bewegung. Die Nachrichtenagentur AFP berichtet am Freitagabend, Vize-Präsident Mahmud Mekki habe sich entsprechend geäußert. Mursi sei nach Angaben seines Stellvertreters unter Umständen bereit, den Volksentscheid über den umstrittenen Verfassungsentwurf zu verschieben, wenn dies keine rechtlichen Folgen habe. Der Entwurf muss laut Gesetz zwei Wochen, nachdem er beim Staatschef eingereicht wurde, dem Volk zur Abstimmung vorgelegt werden.
Staatliche Medien meldeten am Freitagabend, die ursprünglich für diesen Samstag geplante Abstimmung der im Ausland lebenden Ägypter werde nun doch erst am Mittwoch beginnen. Die Wahlkommission habe einem entsprechenden Vorschlag zugestimmt, hieß es. Das von den Islamisten initiierte Verfassungsreferendum sieht weitreichende Vollmachten für Mursi bis zum Inkrafttreten einer neuen Verfassung vor.
Doch ob der Protest am Freitag so ruhig weitergeht wie er begonnen hat, ist fraglich. Gut zwei Stunden nach dem Durchbruch am Palast schrecken Lautsprecherdurchsagen die Mursi-Gegner auf. Demnach sammeln sich an einer Moschee, die nur wenige Minuten vom Palast entfernt liegt, Tausende Anhänger der Muslimbruderschaft. Die Gegner der Islamisten begannen umgehend mit dem Bau von Barrikaden. Sollten die Brüder losmarschieren, stünde wohl ein brutaler Zusammenstoß wie in der Nacht zum Donnerstag bevor. Dabei waren in der Nähe des Präsidentenpalasts bei gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Mursis islamistischen Unterstützern und seinen überwiegend säkularen Gegnern sieben Menschen getötet und fast 650 weitere verletzt worden. Daraufhin ließ die Armee Panzer auffahren. Die Polizei riegelte das Gebäude nach dem Rückzug der Demonstranten später ab.
Ein Sprecher der Muslimbrüder an der Rabaa-Moschee, die rund vier Kilometer vom Palast entfernt liegt, sagte am späten Abend, man habe keine Pläne zum Palast zu marschieren, man wolle lediglich die Unterstützung für den Präsidenten zeigen. Vor der Moschee demonstrieren rund 5000 Muslimbrüder und singen "Mursi ist unser Präsident und er soll es bleiben". Vorsorglich hat die Polizei bereits die großen Verbindungsstrassen in Richtung Palast abgesperrt, um einen neuen Zusammenstoss zu verhindern.
Mit Material von Reuters und AFP / Mitarbeit: Lisa Erdmann
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