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Machtkampf in Ägypten: Diplomat gegen Despot

Aus Kairo berichtet Yassin Musharbash

Ägyptens revoltierende Opposition greift nach der Macht. Einigt sie sich auf Mohamed ElBaradei als Anführer? Der Nobelpreisträger will versuchen, eine Regierung der nationalen Einheit zu bilden. Doch noch ist Präsident Mubarak nicht aus dem Amt gejagt.

Mohamed ElBaradei, langjähriger Chef der Internationalen Atomenergiebehörde und Friedensnobelpreisträger, versuchte am Abend, Geschichte zu schreiben. Seit Jahren positioniert er sich als mögliche Speerspitze der Opposition, nun trat er auf dem "Platz der Befreiung" in Kairos Herzen, dem Zentrum der seit fast einer Woche tobenden Unruhen, vor die Zehntausenden Demonstranten.

"Was wir erreicht haben, lässt sich nicht mehr zurückdrehen", rief er der Menge zu. Das System habe abgewirtschaftet, Mubarak solle sofort abdanken.

Und dann sagte er Presseberichten zufolge einen Satz, der potentiell eine große Tragweite hat: "Ich habe den Auftrag von den politischen Kräften erhalten, eine Regierung der nationalen Einheit zu bilden." Einigen Berichten zufolge fügte er hinzu, er habe das Mandat, mit dem Militär zu sprechen - der derzeit entscheidenden Kraft auf Kairos Straßen.

Das Problem ist: ElBaradei hatte für seine Rede lediglich ein Megafon zur Verfügung - zu wenig, um Zehntausende zu erreichen. Zu wenig, um überhaupt eindeutig verstanden zu werden.

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Chaos in Kairo: Ausschreitungen, Schüsse, Plünderungen
Andererseits berichteten Teilnehmer der Demonstration, dass Vertreter der einflussreichen Muslimbruderschaft an ElBaradeis Seite standen. Einige Stunden zuvor hatte es Meldungen gegeben, denen zufolge die Islamisten-Vereinigung nach einigem Zögern nun ebenfalls die Abdankung Mubaraks verlangt. Das ist ein bedeutender Schritt. Bisher hatten die Muslimbrüder sich bedeckt gehalten und an den Massenkundgebungen offiziell nicht teilgenommen, auch wenn einige Mitglieder durchaus mitdemonstrierten.

Falls alle diese Meldungen stimmen, hätte die gesamte Bandbreite der ägyptischen Opposition in Mohamed ElBaradei eine Speerspitze gefunden - er selbst hatte stets gesagt, er sei für diese Rolle bereit, falls die Ägypter sie ihm antrügen.

Auf der anderen Seite ist völlig unklar, was diese mutmaßliche Einigkeit wert ist, da Husni Mubarak offensichtlich nicht bereit ist, von der Macht zu lassen. Bis jetzt hat er versucht, die Revolte auszusitzen und die zahllosen Unzufriedenen in Ägypten mit lahmen Reformversprechungen und kosmetischen Neubesetzungen in der Regierung zu beschwichtigen.

Die Massen auf der Straße lachen darüber. Doch das ändert nichts daran, dass Mubarak die Macht in den Händen hält. Nur wie viel genau, ist unklar. Steht die Armee komplett auf seiner Seite? Oder kann er sich nur noch auf die auf ihn eingeschworene Präsidentengarde stützen?

Am Sonntagnachmittag flogen plötzlich im Tiefflug Kampfjets über den "Platz der Befreiung", ohrenbetäubender Lärm erfüllte das Zentrum der Hauptstadt. Es war ein Einschüchterungsversuch. Aber von wem und an wen gerichtet? "Ich habe keine Ahnung, was das sollte", sagte ein Teilnehmer der Demonstration verunsichert. "Wenn es ein Signal war, habe ich es nicht verstanden." Weder die Armee noch die Präsidentengarde versuchten jedenfalls anschließend, die Massendemonstration aufzulösen - trotz der geltenden Ausgangssperre.

ElBaradeis Anhänger sind überzeugt, dass er das Zeug hat, die Opposition zu führen. "Tunesien ist ein kleines Land, wie ein Hase", sagt Abd al-Rahman Jusuf, bis Dezember 2010 Sprecher einer Unterstützerorganisation für ElBaradei, "Ägypten ist dagegen ein Elefant. Und Mohamed ElBaradei kann diesen Elefant führen."

Doch nicht alle Demonstranten sehen das so. ElBaradei, Opernliebhaber und Golfspieler, hat die vergangene Dekade fast komplett im Ausland verbracht. Sie fürchten, dass ihm die Glaubwürdigkeit abgeht, die Opposition zu führen. Als ElBaradei am vergangenen Donnerstag aus Wien nach Kairo einflog, da erwartete ihn gerade einmal ein Dutzend Anhänger. Ein Jahr früher, als er eine Kandidatur gegen Mubarak in Aussicht gestellt hatte, war er von Hunderten gefeiert worden. Jeder kleine Junge, der in den letzten Tagen auf der Straße war, hat mehr Recht, Präsident zu werden, frotzelte eine Tageszeitung am Tag der verpatzten Rückkehr.

Andererseits hat er einiges wieder gutmachen können. Seine Interviews würden besser, sagen nicht nur Anhänger. In den vergangenen beiden Tagen konnte er damit punkten, dass er die USA dafür attackierte, dass sie Mubarak nicht fallen ließen und die Revolte nur lauwarm unterstützten. "Er wägt gut ab, wann er was sagt", findet Abdul Manam Iman, ein Demonstrant, der ElBaradei seit Jahren unterstützt.

Fakt ist, dass ElBaradei die besten Aussichten hätte, eine Einigung mit den Muslimbrüdern zu erzielen. Sie akzeptieren ihn. Auch die übrigen wichtigen Strömungen der Opposition halten den Karrierediplomaten wohl als zumindest geeignet, einen Übergang zu moderieren. Er ist weltgewandt, international bekannt und gilt als dezidiert unkorrupt.

Trotz allem, was für ihn sprechen mag: Solange Mubarak sich halsstarrig an die Macht klammert, ist völlig offen, wie das Duell des Diplomaten gegen den Despoten ausgeht. Noch ist nichts entschieden in Kairo. Allein die Szenarien werden etwas klarer.

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1. Was Die da über ElBaradei schreiben, ist doch...
Sapientia 31.01.2011
Zitat von sysopÄgypten revoltierende Opposition greift nach der Macht. Einigt sie sich auf Mohammed ElBaradei als Anführer? Der Nobelpreisträger will versuchen, eine Regierung der nationalen Einheit zu bilden. Doch noch ist Präsident Mubarak nicht aus dem Amt gejagt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,742535,00.html
völlig irrelevant und Blödsinn zudem. Wer - wenn nicht er - käme denn als Ägypter in Betracht, dem Mubarak politisch die Stirn zu bieten? Also ist es doch völlig unerheblich, was irgend jemand auf der Strasse zu ihm sagt. ElBaradei ist eine international anerkannte Persönlichkeit, der bereits gezeigt hat, dass er einem amerikanischen Präsidenten mit Erfolg trotzen kann, der kein Gefolgsmann von Mubarak ist und der konstruktive Gedanken in Hinblick auf die politische Entwicklung seines Heimatlandes hat; dabei kann doch eher hilfreich sein, dass er gerade aufgrund seines langen Auslandsaufenthalt die Dinge generell entwickelter sieht, als unter dem Jahrzehnte andauernden Machtdruck von Mubarak. Wer könnte denn überhaupt eine adäquate Alternative zu ElBaradei sein, gibt es die überhaupt? Man sollte doch wohl eher daran denken, dass Mubarak es ähnlich sieht und dass daher das Leben von ElBaradei gefährdet sein könnte. Aber der Spiegel muß den natürlich erst einmal als verwöhntes Schicki-Micki-Mäuschen inmitten seiner Golfbälle darstellen; vielleicht reicht ihre Phantasie auch noch so weit sich vorstellen zu können, dass dieser Mann mehrere Sachen beherrscht, u.a. auch politische Fähigkeiten beherrscht, die seinem Land gerade jetzt sehr helfen könnten, auch wenn diese Hilfe "lediglich" darin bestünde, die geeigneten Leute für eine nächste Regierungsmannschaft zu finden.
2. .
sebastianmaria 31.01.2011
"...gilt als dezidiert unkorrupt. " Made me smile!
3. Moslembruderschaft
heinerz 31.01.2011
Zitat von sysopÄgypten revoltierende Opposition greift nach der Macht. Einigt sie sich auf Mohammed ElBaradei als Anführer? Der Nobelpreisträger will versuchen, eine Regierung der nationalen Einheit zu bilden. Doch noch ist Präsident Mubarak nicht aus dem Amt gejagt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,742535,00.html
Meines Wissens ist der Artikel weit hinter den Ereignissen zurück. Zumindest hat Al-Jazeera seit Donnerstag berichtet , dass die Moslembruderschaft die Demonstrationen unterstützt und den Rücktritt von Mubarak fordert. Das tun auch die Sprecher der Moslembruderschaft, die häufig auf Al-Jazeera auftreten. Al-Baradei ist sicher eine gute Wahl als - wenn auch eigentlich selbsternannte - Galionsfigur.
4. ElBaradei ist kein Engel.
atherom 31.01.2011
Zitat von sysopÄgypten revoltierende Opposition greift nach der Macht. Einigt sie sich auf Mohammed ElBaradei als Anführer? Der Nobelpreisträger will versuchen, eine Regierung der nationalen Einheit zu bilden. Doch noch ist Präsident Mubarak nicht aus dem Amt gejagt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,742535,00.html
ElBaradei ist der Vater der pakistanischen Atombombe. Auch der Iran hat ihm, dank seiner Beschwichtigungspolitik, sehr viel zu verdanken. Sein Nobelpreis (wofür eigentlich?) ist so unverständlich, wie manch anderer. So viel zu ElBaradei, dem fließenden Übergang von Mubarak zur Muslim-Brüderschaft
5. Typisch USA...
fatherted98 31.01.2011
....lassen wieder mal einen langjährigen Verbündeten wie Mubarak fallen. Man wird sich noch nach ihm zurücksehnen wenn die Moslembrüder und Konsorten den Suez-Kanal für die Ungläubigen sperren....wird ja dann auch vor allem Europa treffen.
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