SPIEGEL ONLINE: Die Islamisten werden die Abstimmung über die Verfassung gewinnen...
Sannawi: ...über "ihre" Verfassung, wohlgemerkt. Wenn es jetzt überhaupt noch zur zweiten Runde kommen sollte. Die Zahlen jedenfalls, mit denen die Muslimbrüder aufwarten, werden nur noch belächelt.
SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen von Wahlbetrug?
Sannawi: Dass dieses Plebiszit nicht besonders fair war, ist selbst Laien klar. Dass Richter wider Recht und Gesetz durch nicht befugte Beamte ersetzt wurden und sich nicht auswiesen, dass Wähler stundenlang im Freien stehen mussten und mürbe gemacht wurden, dass bereits mit Ja unterschriebene Wahlscheine des Lesens unkundigen Bürgern vorgelegt wurden, dass in einigen Ortschaften Kopten keinen Zugang zu den Wahllokalen fanden das alles spricht doch für sich.
SPIEGEL ONLINE: Aber die Muslimbruderschaft hat das Plebiszit de jure dennoch gewonnen.
Sannawi: Was heißt hier "dennoch" angesichts der von zahlreichen Augenzeugen bestätigten Vorfälle? Dass die regimetreuen Behörden den Pyrrhussieg von 53 Prozent der Jasager bejubelten, ist ein Armutszeugnis. Denn es sind eben auch 43 Prozent der abgegebenen Stimmen gegen diese islamistische Verfassung. Und bei einer Wahlbeteiligung von 23 Prozent bedeutet das, dass gerade einmal 16 Prozent der stimmberechtigten Ägypter den Verfassungstext akzeptieren. Die überwältigende Mehrheit blieb zu Hause.
SPIEGEL ONLINE: Das kann sich ja noch ändern am zweiten und letzten Stimmabgabetag Ende dieser Woche.
Sannawi: Ich würde mich sehr wundern, wenn das Gesamtergebnis diesem deutlichen Trend völlig zuwiderlaufen sollte, selbst wenn man die offiziellen Zahlenangaben für bare Münze nimmt. Aber wie in aller Welt will man unserem Volke zumuten, eine Verfassung zu akzeptieren, die nur von einem Bruchteil der Bevölkerung mitgetragen wird. Das ist doch eine Pervertierung des Demokratiebegriffs!
SPIEGEL ONLINE: Die machthabende Muslimbruderschaftspartei "Freiheit und Gerechtigkeit" und die von ihr gebildete Regierung werden die Verfassung auf jeden Fall festschreiben, und sei es mit einer einzigen Mehrstimme.
Sannawi: Das sagen sie in der Tat. Sie sollten sich aber schämen. Wir Ägypter sind heute in einer ähnlichen Lage wie die Deutschen im Januar 1933, als die Nazis die Macht an sich rissen und mit der Demokratie Schindluder spielten.
SPIEGEL ONLINE: Noch gibt es ja andere Parteien und Meinungen.
Sannawi: Bis jetzt noch, ja.
SPIEGEL ONLINE: Wird sich das ändern?
Sannawi: Sie werden es versuchen, doch anders als seinerzeit in Deutschland damit nicht durchkommen.
SPIEGEL ONLINE: Sie glauben allen Ernstes an einen Islamistenputsch?
Sannawi: Viele Ägypter trauen ihnen das zu, wenn sie merken, dass sie mit Wahlen und Volksbefragungen nicht zum Ziel kommen. Doch auch das wird nicht klappen, die Ägypter von 2012 und 2013 lassen sich von niemandem mehr herumschubsen und nicht mehr den Mund verbieten.
SPIEGEL ONLINE: Wenn eine Verfassung von einer Regierung für rechtens erklärt wird, wird diese Regierung sie auch in Kraft setzen.
Sannawi: Die Zeiten Mubaraks und Sadats sind vorbei. Die Muslimbruderschaft stellt jetzt mit Bestürzung fest, dass ihre Drohungen nichts mehr bewirken. Ihr Kalkül ging einfach nicht auf. Die Arbeiter und Bauern, die Wenig-Verdiener und Slum-Bewohner gehen ihren Einpeitschern nicht mehr auf den Leim wie vor ein paar Monaten. Die Bruderschaft und die Salafisten haben ihren Höhepunkt überschritten. Sie haben zwar ihnen genehme Chefredakteure eingestellt und andere gefeuert, starten Schmutzkampagnen gegen ihre Kritiker in den Medien, dennoch sinkt ihr Stern.
SPIEGEL ONLINE: Gesetzt den Fall, die Islamisten zementieren ihre Herrschaft mit der neuen Verfassung, wie wird die Opposition reagieren?
Sannawi: Gewaltlos, aber mit Nachdruck. Millionen und Abermillionen werden auf die Straße gehen. Ziviler Ungehorsam wird den Herrschern das Regieren unmöglich machen, die neue Rettungsfront wird einen Kampagne starten, welche die Bruderschaft und ihre Komplizen in die Enge treibt.
SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen von der gerade aus der Taufe gehobenen oppositionellen Sammelbewegung...
Sannawi: ...ja, es geht um drei populäre und zum Teil auch im Ausland seit Jahrzehnten respektierte Politiker: Nobelpreisträger Baradei, Ex-Außenminister und Generalsekretär der Arabischen Liga Amr Mussa und um Hamdin Sabahi einem Anwalt der verarmten Massen, der wegen seines mutigen Eintretens für die Entrechteten 17-mal ins Gefängnis wanderte und beliebt ist wie ein Volkstribun.
SPIEGEL ONLINE: Die Muslimbrüder werden nicht nachgeben.
Sannawi: Es bleibt ihnen aber gar nichts anderes übrig. Denn bald müssen sie Parlamentswahlen abhalten, und die werden sie haushoch verlieren. Da helfen dann auch keine faulen Tricks. Das Volk ist jetzt hellwach. Wahlbetrug ist nicht mehr drin. Und damit sind sie dann vom Tisch.
SPIEGEL ONLINE: Die Religiösen werden sich zu wehren wissen.
Sannawi: Selbst der der Attentatsversuch auf Hamdin Sabahi und der Terroranschlag auf die Zentrale der Wafd-Partei haben den Widerstand nicht eingeschüchtert, sondern den letzten Zauderern neuen Mut eingeflößt.
SPIEGEL ONLINE: Mut wozu? Aufrufe zum Generalstreik, zu noch mehr Protestmärschen? Schließlich wird Präsident Mursi von seinen umfassenden Vollmachten Gebrauch machen.
Sannawi: Mursi ist ein Angestellter, der nichts alleine entscheiden kann. Mahmud Ghizlan, der Sprecher der Muslimbruderschaft hat gerade das erstarkende Dreierbündnis Baradei, Mussa und Sabahi eingeladen, mit dem Chef der Muslimbruderschaft, Mohammed Badie, selbst einen Ausweg aus der politischen Sackgasse zu erörtern Mursi wird bei derart wichtigen Dingen von seiner eigenen Mutterorganisation einfach übergangen. Für uns kein schlechter Start.
Das Interview führte Volkhard Windfuhr in Kairo.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Ägypten | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH