Wende im Machtkampf: Sozialdemokrat al-Din soll Ägyptens Regierung führen

Demonstration auf dem Tahrir-Platz: Wende im Machtkampf Zur Großansicht
Getty Images

Demonstration auf dem Tahrir-Platz: Wende im Machtkampf

Ein Jurist soll Ägypten aus der Staatskrise führen: Präsident Mansur will den Sozialdemokraten Siad Bahaa al-Din zum neuen Ministerpräsidenten berufen, Nobelpreisträger ElBaradei soll sein Stellvertreter werden.

Kairo - Ägyptens Übergangspräsident Mansur startet einen neuen Versuch, eine Regierung zu bilden: Er soll den liberalen Juristen Siad Bahaa al-Din als neuen Ministerpräsidenten vorgeschlagen haben. Ein Berater Mansurs, Ahmed al-Muslimani, sagte am Sonntagabend dem Fernsehsender ONTV, dass der Wirtschaftsjurist Siad Bahaa al-Din "sehr wahrscheinlich" zum Chef einer Übergangsregierung ernannt werde. Laut dem Fernsehsender al-Arabiya habe sich al-Din Zeit erbeten, um über das Angebot nachzudenken.

Al-Din wurde 2011 für die Sozialdemokraten ins ägyptische Parlament gewählt. Der in London ausgebildete Jurist arbeitete vor dem Sturz des Mubarak-Regimes als Chef der Finanz-Regulierungsbehörde und hat sich seitdem als Korruptionsbekämpfer einen Namen gemacht.

Friedensnobelpreisträger Mohamed ElBaradei soll nach den Berichten al-Dins Stellvertreter werden. Das sehe eine Vereinbarung unter den neuen politischen Kräften des Landes vor, sagte ein Regierungssprecher. Der liberale ElBaradei war am Samstagabend von offiziellen Quellen bereits als Ministerpräsident genannt worden. Wegen des Widerstandes von mehreren Politikern der salafistischen Nur-Partei zog Präsident Mansur ElBaradei als Premier zurück.

Für die beiden neuen Personalvorschläge werde eine breite Unterstützung gesehen: "Das Hauptziel ist es, einen nationalen Konsens mit allen Parteien zu finden. Ich glaube, das haben wir geschafft", sagte der Sprecher.

Es bleibt aber unklar, ob Mansur die Islamisten der Nur-Partei mit der Nominierung von al-Din überzeugen kann. Die Ultrakonservativen verlangen einen religiösen Kandidaten. "Es geht nicht an, die Macht des Ministerpräsidenten in die Hände eines Mannes zu legen, der nicht unsere Vision von der islamischen Scharia teilt", erklärte der Vizechef der Partei, Bassem al-Saraka, am Sonntag im TV-Sender al-Hajat. Aktuell berate man noch über den Vorschlag, sagte ein Parteisprecher der Nachrichtenagentur Reuters.

Erneut Demonstrationen am Sonntagabend

Am Sonntagabend gingen erneut Zehntausende Anhänger wie auch Gegner des gestürzten Mursi auf die Straße. Die Islamisten, die Mursi unterstützen, versammelten sich mehrheitlich vor einer Moschee im Außenbezirk Nasr City. Andere zogen vor das Verteidigungsministerium oder blockierten die Ausfallstraße zum Flughafen. Bis zum späten Sonntagabend wurden keine Zwischenfälle bekannt.

Gegner der durch das Militär beendeten Herrschaft Mursis strömten in großer Zahl auf dem Tahrir-Platz im Zentrum von Kairo zusammen. Über der Innenstadt von Kairo kreisten in den Abendstunden fast ununterbrochen Helikopter, zeitweise flogen auch Kampfjets der Luftwaffe über den Tahrir-Platz. Das Spektakel sollte, wie schon in den vergangenen Tagen, die Verbundenheit der Armee mit den Mursi-Gegnern zum Ausdruck bringen.

Außenministerium weitet Reisewarnung aus

Bislang sind die Kundgebungen friedlich verlaufen, doch besteht Furcht vor einer Eskalation. Am Freitag und in der Nacht auf Samstag hatte es blutige Zusammenstöße der verfeindeten Lager gegeben, dabei wurden landesweit 36 Menschen getötet und mehr als tausend verletzt.

Das Auswärtige Amt hat inzwischen seine Reisewarnung auf weitere Teile Ägyptens ausgeweitet. Auf der Internet-Seite des Ministeriums heißt es nun wörtlich: "Von Reisen nach Ägypten wird in der aktuellen Lage vor dem Hintergrund der sehr volatilen Sicherheitslage dringend abgeraten." Dies betreffe nun auch Reisen in das Nildelta. Ausgenommen davon sind Reisen in die Touristengebiete am Roten Meer sowie nach Luxor und Assuan. Auch der Transit über den Flughafen Kairo gilt als sicher.

ade/Reuters/AP/dpa/AFP

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Ohne Religion
h3ld 07.07.2013
Ohne ihre Religion wären sie schon längst eine Demokratie. Was erschreckend ist, das es sogar in Deutschland Menschen gibt (mit gymnasialer Bildung, eine ehemalige Freundin von der ich mich distanziert habe) die die Sharia völlig in Ordnung finden und gerne dieses System in anderen Ländern einführen würden auch mit dem Wissen das die Muslime die einzigen wären die vielleicht etwas davon hätten, während alle anderen Gruppierungen (die restlichen 6 Mrd. Menschen) unterdrückt würden. Einfach nur erschreckend!
2. Regieren wie ein Ägypter
EvilGenius 07.07.2013
Na dann viel Glück. Ägyptens wirtschaftliche Probleme wird auch er kaum lösen können, schon gar nicht wenn die Islamisten die Touristen fernhalten.
3. Klerus in die Schranken weisen
gnr 08.07.2013
klappt bei uns bereits ein bischen besser. Hoffendlich kriegen die Ägypter auch gebacken. Und vor allem: Sharia? Gehts noch?
4. Habt ihr ein Ahnung...
Ra's al-'Ayn 08.07.2013
was 150 Jahre Sozialdemokratie sind? Ich will gar nicht genau wissen was 2X150 Jahre bedeuten! Ich weiß es!
5. ...
JDR 08.07.2013
Zitat von sysopEin Jurist soll Ägypten aus der Staatskrise führen: Präsident Mansur will den Sozialdemokraten Said Bahaa al-Din zum neuen Ministerpräsidenten berufen, Nobelpreisträger ElBaradei soll sein Stellvertreter werden. Machtkampf in Ägypten: Siad Bahaa al-Din soll Ministerpräsident werden - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/machtkampf-in-aegypten-siad-bahaa-al-din-soll-ministerpraesident-werden-a-909911.html)
Zumindest die stille Arbeit funktioniert ganz gut. So wurde gerade passend geleakt, dass Mursi selbst vor dem Putsch die Verhaftung wichtiger Oppositionsfiguren befohlen hatte - durch eben jenen Armeekommandeur, welcher ihn später festsetzte. (http://www.jpost.com/Middle-East/Morsi-tried-to-split-military-dismiss-defense-minister-319069) Nachprüfbar ist das nicht, aber die Überwachung des Präsidenten durch den (Militär)-Geheimdienst ist zumindest ... plausibel. Es verwundert nur, dass noch niemand eine Linie von Prism zum Putsch gezogen hat ... ^^
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Machtkampf in Ägypten
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 13 Kommentare

Karte

Fotostrecke
Ägypten: Der Richter und sein General
Hilfe für Ägypten-Urlauber
Deutsche Vertretungen
Krisenstab des Auswärtigen Amts: 030-50003000

Deutsche Botschaft in Kairo
Telefon: (0020 2) 27 28 20 00
Bereitschaftsdienst in dringenden Notfällen: 012 213-6538
Honorarkonsulat in Alexandria: (002-03) 486-7503
Honorarkonsulat in Hurghada: (002-065) 344-3605, (002-065) 344-5734
Hotlines der Reiseveranstalter
TUI: 0511-567 8000 (9 bis 20 Uhr)
Neckermann Reisen und Thomas Cook: 06171-65 65 190
Bucher Reisen: 06171-65 65 400
Air Marin: 01805-36 66 36
Öger Tours: 01805-24 25 58
Condor: 01805-767757
Rewe (ITS, Jahn Reisen, Tjaereborg, Condor): 02203-42 800
FTI: 0800-2525444 (9 bis 22 Uhr)
5vorFlug: 0800-2525113 (9 bis 20 Uhr)
L'tur: 0800-21 21 21 00 (8 bis 24 Uhr)

Fluggesellschaften
Lufthansa: Sonder-Telefonnummer, unter der Flüge ausschließlich ab Kairo gebucht werden können +49-30-50570341

Ab sofort können freie Plätze auf Flügen von Air Berlin und Condor von Scharm el-Scheich, Hurghada und Marsa Alam nach Deutschland gebucht werden.
Air Berlin: www.airberlin.com oder per Telefon unter +49-1805-737 800
Condor: www.condor.com oder per Telefon unter +49-180-5767757