Machtkampf in der Elfenbeinküste Abgang im Unterhemd

Er kämpfte gegen den Machtverlust, verschanzte sich bis zum Schluss in seinem Bunker. Jetzt wurde Laurent Gbagbo, Herrscher der Elfenbeinküste, festgenommen - mit Hilfe des Westens. Er hinterlässt ein vom Bürgerkrieg gespaltenes Land, das vor einem schwierigen Versöhnungsprozess steht.

Von , Nairobi


Abidjan - Ganz Afrika hatte mitgebangt: Würde es einem unterlegenen Machthaber einmal mehr gelingen, sich im Amt zu halten? Mit Tricks und Truppen, trotz einer eindeutigen Wahlniederlage - und gegen den erklärten Willen der internationalen Gemeinschaft? Laurent Gbagbo, der abgewählte Präsident der Elfenbeinküste, wollte nicht weichen. Doch mit diesem Vorhaben ist er gescheitert. So viel ist jetzt klar.

Der Diktator wurde am Montagnachmittag in seiner Residenz in der Metropole Abidjan festgenommen. Später wurden Gbagbo und seine Familie von Augenzeugen im Golf Hotel gesehen, in dem die Regierung des international anerkannten Präsidenten Alassane Ouattara residiert. Gbagbo und seine Frau Simone stehen dort unter dem Schutz von Uno-Truppen, teilte der Chef der Friedensmissionen, Alain Le Roy, in New York mit. Am Abend trat Gbagbo dann im Fernsehen auf und rief die Konfliktparteien auf, die Kämpfe einzustellen.

Es ist das endgültige Eingeständnis der Niederlage. Für seinen Gegner Ouattara ist nun der Weg frei. Vorerst jedenfalls. Die Sanktionen der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (Ecowas), der Europäischen Union und der USA dürften schnell aufgehoben werden, die Banken werden öffnen und der Kakaohandel, die wichtigste Devisenquelle des Landes, wieder in Gang kommen. So die Hoffnung.

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Überraschungscoup: Despot Gbagbo in Gewahrsam
Doch so schnell wird das Leben im Land nicht wieder in Gang kommen. Tausende von Unternehmen, Fabriken und Geschäften insbesondere in Abidjan sind geplündert, Hunderte von Unternehmern und Geschäftsleuten haben das Land in den vergangenen Monaten verlassen und werden nicht so schnell zurückkehren. Denn gerade in der Wirtschaft und bei den Unternehmern, von denen viele mit Gbagbo sympathisierten, sitzt die Skepsis tief gegenüber Ouattara.

So wird der Präsident viel Überzeugungsarbeit leisten müssen, um das Land wieder zu versöhnen, vor allem bei den Geschäftsleuten. Es sollen in Abidjan Listen kursieren mit den Freunden und Feinden Ouattaras. Wenn er den Konflikt beilegen will, muss der neue Machthaber auch auf jene zugehen, die Gbagbo unterstützt haben. Aufklärung kündigte Ouattara über Verbrechen beider Seiten noch am Montagabend in einer Fernsehansprache an, eine Wahrheits- und Versöhnungskommission solle eingesetzt werden. Das Gremium solle Vorwürfe untersuchen, nach denen es während des Machtkampfs auf beiden Seiten Gräueltaten an der Zivilbevölkerung gegeben habe, sagte der Präsident.

Denn auch Ouattaras Truppen sollen in den vergangenen Wochen im Westen des Landes Massaker verübt haben. Das erhöht dessen Glaubwürdigkeit nicht. Im Gegenteil, der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag könnte sich für ihn und seine Kommandeure nun genau so interessieren wie für seinen Kontrahenten Laurent Gbagbo.

TV-Bilder zeigen gefangenen Gbagbo

Dessen Niederlage hatte sich zuletzt deutlich abgezeichnet. Vor der Festnahme Gbagbos waren französische Panzer auf das Gelände des Präsidentensitzes vorgestoßen, dort hielt sich der Machthaber in einem Bunker seit einer Woche verschanzt.

Einer der Kämpfer Ouattaras, Issard Soumahro, sagte der Nachrichtenagentur AP, der Sturm auf den Bunker habe mit den Luftangriffen der Franzosen und der Uno am Sonntag begonnen. "Wir griffen an und erzwangen uns einen Weg in einen Teil des Bunkers", sagte er. "Da war er, mit seiner Frau und seinem Sohn. Er war nicht verletzt. Aber er war erschöpft und seine Wange war geschwollen von einer Ohrfeige, die ihm ein Soldat verpasst hatte", sagte Soumahro.

Fernsehbilder zeigten, wie Gbagbo in ein weißes, ärmelloses Unterhemd gekleidet aus dem Bau geführt wurde und dann ein farbenprächtiges Hemd anzog. Er wurde verhört und in das Hotel gebracht. Nun wartet die Regierung Ouattaras darauf, dass Gbagbo ein Papier unterschreibt, in dem er offiziell abtritt, sagte Soumahro. "Der Alptraum für die Bevölkerung der Elfenbeinküste ist vorüber", sagte Uno-Botschafter Ouattaras, Youssoufou Bamba. Nun würden die Kämpfe bald aufhören, Gbagbo werde vor Gericht gestellt.

Ein Verfahren gegen den Despoten könnte sich schwierig gestalten, sagte der Afrikaexperte Richard Downie vom Zentrum für strategische und internationale Studien in Washington. Bei einem Prozess im Land bestünde die Gefahr, dass sich daran neue Unruhen entzünden könnten. Der britische Außenminister William Hague forderte einen faires Verfahren. Gbagbo habe zwar "gegen demokratische Prinzipien" verstoßen, müsse "aber mit Respekt behandelt werden", sagte Hague. Großbritannien hoffe, dass die Ivorer nun einen demokratischen und friedlichen Weg in die Zukunft fänden.

Fragt sich, welche Rolle der Westen und vor allem Frankreich bei der Festnahme gespielt haben. Die französischen Streitkräfte bestritten, an der Überwältigung beteiligt gewesen zu sein. Das scheint kaum glaubhaft, denn die Milizen des Wahlsiegers Ouattara schienen zuletzt mangels Ausbildung und Material nicht in der Lage, einen solchen Überraschungscoup erfolgreich abzuschließen. Dass Gbagbo lebend gefasst wurde, spricht ebenso für eine französische Beteiligung wie die gepanzerten Uno-Fahrzeuge, die die Zugangsstraße in die belagerte Residenz Gbagbos sicherten, als Ouattara-Truppen dort eindrangen.

Warnung an alle Despoten

Die westlichen Staaten hatten stets deutlich gemacht, dass Gbagbo gehen müsse. Er hatte nach der verlorenen Präsidentschaftswahl im November versucht, sich mit Hilfe der Sicherheitskräfte an der Macht zu halten. Internationale Sanktionen gegen ihn und seine Gefolgsleute folgten. Doch führte auch diplomatischer Druck zu keiner Lösung des Konflikts. Ende März begannen für Ouattara kämpfende Einheiten mit einer Offensive. Innerhalb weniger Tage eroberten sie große Teile des Landes. In Abidjan stießen sie jedoch auf Widerstand. Am 4. April intervenierten schließlich Truppen der Uno und Frankreichs und zerstörten Gbagbos Waffenarsenale größtenteils.

Weil Gbagbos Truppen seit Beginn des Machtkampfs wiederholt gegen Zivilisten vorgegangen waren, wurden die Uno-Truppen in einer Resolution zum Einsatz aller Mittel zum Schutz der Bevölkerung autorisiert. Die Menschenrechtsgruppe Human Rights Watch (HRW) wirft allerdings auch den Truppen Ouattaras die Tötung Hunderter Zivilpersonen sowie weitere Gewalttaten vor.

Die wochenlangen Kämpfe haben tiefe Spuren hinterlassen. Nach Beendigung des Militäreinsatzes brach in Abidjan am Montag Jubel aus. Viele Menschen, die sich aus Angst seit Tagen in ihren Wohnungen verbarrikadiert hatten, eilten jubelnd auf die Straße. Die Bevölkerung der Millionenmetropole hatte zunehmend unter Gewalt und Versorgungsengpässen gelitten.

Die Auswirkungen des Machtwechsels könnten weitreichend sein. US-Außenministerin Hillary Clinton bezeichnete Gbagbos Festnahme als Signal für die autoritären Herrscher der Welt. Diktatoren sollten davon Notiz nehmen, dass "sie nicht die in freien und fairen Wahlen artikulierte Stimme ihres eigenen Volks ignorieren können". Für diejenigen, die sich trotzdem nicht von der Macht verabschiedeten, werde es Konsequenzen geben, sagte sie. Das gilt vor allem für Afrika. Die Festnahme des Despoten ist auch ein Signal an die politischen Eliten in Simbabwe, dem Kongo oder auch Kenia, wo in absehbarer Zeit ebenfalls Wahlen stattfinden.

mit Material von dpa, AFP, Reuters und AP

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niepmann 11.04.2011
1. Sieg der Demokratie
Zitat von sysopEr kämpfte gegen den Machtverlust, verschanzte sich bis zum Schluss in seinem Bunker. Jetzt wurde Laurant Gbagbo, Herrscher der Elfenbeinküste, festgenommen - mit Hilfe des Westens. Er hinterlässt ein vom Bürgerkrieg gespaltenes Land, das vor einem schweren Versöhnungsprozess steht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,756343,00.html
Bravo, die Demokratie hat gesiegt! Nun kann der nächste Despot die Macht und das Geld auf legitime Weise übernehmen. Schaun wir mal, wieviele Tote es nun noch geben wird.
heliconia 11.04.2011
2. Re.:
Zitat von sysopEr kämpfte gegen den Machtverlust, verschanzte sich bis zum Schluss in seinem Bunker. Jetzt wurde Laurant Gbagbo, Herrscher der Elfenbeinküste, festgenommen - mit Hilfe des Westens. Er hinterlässt ein vom Bürgerkrieg gespaltenes Land, das vor einem schweren Versöhnungsprozess steht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,756343,00.html
Wird es in diesem Land Neuwahlen geben? Die Bevölkerung kann ja jetzt da kein Druck und Zwang mehr herrscht die Richtung vorgeben.
intenso1 11.04.2011
3. ...
Zitat von sysopEr kämpfte gegen den Machtverlust, verschanzte sich bis zum Schluss in seinem Bunker. Jetzt wurde Laurant Gbagbo, Herrscher der Elfenbeinküste, festgenommen - mit Hilfe des Westens. Er hinterlässt ein vom Bürgerkrieg gespaltenes Land, das vor einem schweren Versöhnungsprozess steht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,756343,00.html
Ein Despot löst den anderen Despoten ab. Afrika.
travelman 11.04.2011
4. Kakao.....
Zitat von sysopEr kämpfte gegen den Machtverlust, verschanzte sich bis zum Schluss in seinem Bunker. Jetzt wurde Laurant Gbagbo, Herrscher der Elfenbeinküste, festgenommen - mit Hilfe des Westens. Er hinterlässt ein vom Bürgerkrieg gespaltenes Land, das vor einem schweren Versöhnungsprozess steht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,756343,00.html
Es handelt sich um den Kakao- und nicht um den Kaffeehandel....
Tabris2011 11.04.2011
5. faire chance
ich finde, man solle den - gewählten - neuen präsidenten eine faire chance einräumen und nicht von vornherein als neuen diktator denunzieren.
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