SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

24. Februar 2011, 17:38 Uhr

Machtnachfolge in Libyen

Wer Gaddafi beerben könnte

Von , Beirut

Die Tage Gaddafis scheinen gezählt, doch ein Nachfolger ist nicht in Sicht: Der Despot hat verhindert, dass Polit-Nachwuchs gedeiht, und sein Volk dumm gehalten. Als künftige Führer des Landes kommen nur die Stammesältesten und einige Exil-Oppositionelle in Frage. Wer macht das Rennen um die Macht?

Wer folgt auf Oberst Muammar al-Gaddafi? Je näher das Ende der Herrschaft des libyschen Langzeitdespoten zu rücken scheint, desto dringlicher wird diese Frage. Sie zu beantworten, ist nicht leicht: Einen offensichtlichen Nachfolger für den seit knapp 42 Jahren regierenden "Revolutionsführer" gibt es nicht. Klar scheint nur, wer den Diktator nicht beerben wird: sein eigen Fleisch und Blut.

"Seine Söhne werden sich nicht halten können", sagt Lahcen Achy, Nordafrika-Experte des Carnegie-Zentrums in Beirut. Gaddafis zweitältester Sohn Saif al-Islam, lange als Erbe gehandelt, habe sich disqualifiziert, als er den Aufständischen Anfang der Woche drohte, "Flüsse voller Blut" würden fließen, sollten sie ihre Proteste nicht einstellen. Gaddafi werde bei seinem Sturz seine ganze Familie, vermutlich auch seinen Clan, mit sich reißen. "Nach Gaddafi schlägt für Libyen die Stunde null", sagt Achy.

Dass es in Libyen niemanden zu geben scheint, der das Land nach dem inzwischen absehbaren Sturz des Regimes in eine bessere Zukunft führen könnte, hat der Oberst von langer Hand geplant. In den vergangenen Jahrzehnten verhinderte Gaddafi gezielt den Aufbau nationaler Institutionen und Verwaltungsapparate. Er organisierte das Militär so, dass die vielen einzelnen Bataillone weitgehend autark und getrennt voneinander arbeiteten. Einen Generalstab im klassischen Sinne gab es nicht, ein konkurrierendes Machtzentrum konnte sich so nicht entwickeln. Die libysche Armee, so viel scheint klar, wird nicht die stabilisierende Rolle einnehmen, die die Streitkräfte bei den Revolten in Tunesien und Ägypten gespielt haben.

Gaddafi hat sein Volk dumm gehalten

Libyen hat seit 1977 keine Verfassung mehr, anders als in Tunesien oder Ägypten gibt es keinen juristischen Referenzrahmen. Politische Parteien oder gar Oppositionsgruppen waren im Ölland verboten. Islamisten wurden brutal verfolgt, Tausende wurden öffentlich gehenkt oder verschwanden in den Folterkellern des Regimes. In Bildung wurde kaum investiert, Gaddafi hielt sein Volk dumm. So gab es keinen Nährboden, auf dem Polit-Nachwuchs hätte gedeihen können. Wer dennoch als mögliche Führungskraft auffiel, lebte gefährlich. "Jeder, der halbwegs kompetent war, wurde von Gaddafi als Bedrohung empfunden und entfernt", so Achy.

"Libyen ist ein vormoderner Staat, es gibt kaum partizipatorische Strukturen", sagt Jürgen Theres, Leiter des Maghreb-Büros der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung in Tunis. Gaddafi habe alle Staatsangelegenheiten als Chefsache behandelt. "So konnte sich keine Gegenmacht aufbauen."

Libyen müsse nun auf die Stämme setzten, sagt Theres. "Eine Versammlung der Stammesältesten könnte den Neuanfang markieren." Dass es ohne die Stämme nicht geht, wusste auch Gaddafi: In den vergangenen Jahren regierte er mit Hilfe von 15 Stammesvertretern, die in einem sogenannten sozialen Führungskomitee organisiert waren.

Traditionelle Strukturen statt moderner Ideen als Weg aus der Krise

"Auch wenn es nach Gaddafi keine nationale Führung geben wird, auf regionaler Ebene haben die Stämme solide Strukturen geschaffen", sagt auch Nahost-Experte Achy. Die Clans seien seit jeher daran gewöhnt, sich unabhängig von den Machthabern im fernen Tripolis zu organisieren. Stammesführer sprechen Recht, verschaffen Arbeit, sorgen für ihre Leute. Sie organisieren medizinische Versorgung und verteilen das Ölgeld, das aus Tripolis in die Stammesgebiete geschickt wird: Jeder Stamm ist ein Staat im Staat. Die jahrtausendealte Gesellschaftsform sei nun eine Art Lebensversicherung für das Land, so Achy. "Die Stämme werden verhindern, dass Libyen in Anarchie und Chaos versinkt." Auch Nahost-Experte Hanspeter Mattes hält die Stämme des Landes für äußerst bedeutsam.

Traditionelle Strukturen statt moderner Ideen: So soll Libyen es aus der Krise schaffen. Auf die aus dem Exil zurückkehrende intellektuelle Opposition könne man nicht bauen, sagt Theres, der Kontakt mit einigen der Dissidenten pflegt: "Sie wird in der Masse keine Rolle spielen." Tatsächlich sind libysche Exil-Politiker im eigenen Land so gut wie unbekannt. Der prominenteste von ihnen, der ehemalige Diplomat Ibrahim Sahad, hat seine Heimat seit den siebziger Jahren nicht betreten. Seine Nationale Front für die Rettung Libyens wurschtelte lange allein vor sich hin. Erst 2005 taten sich sieben Exilanten-Organisationen zur Nationalen Konferenz der Libyschen Opposition zusammen. Weltweite Aufmerksamkeit erregte die Aktivistengruppe aber erst, als sie über soziale Medien für den libyschen "Tag des Zorns" am 17. Februar mobilmachte.

Drohende Leerstelle an der Staatspitze

Im Ausland haben in den vergangenen Tagen abtrünnige libysche Diplomaten und Politiker von sich reden gemacht: Dass sich unter ihnen ein Übergangskandidat für den Posten des Staatschefs findet, bezweifelt Theres. "Die tunesische Revolution hat gezeigt, dass diese Leute verbrannt sind." Amtsinhaber, die jahrelang gemeinsame Sache mit einem repressiven System gemacht hätten, könnten sich davon nicht so schnell reinwaschen.

Der übergelaufene Innenminister Abd al-Fattah Junis könnte Teil einer Interims-Regierung der nationalen Einheit sein. Große Karriere könne er vermutlich aber nicht mehr machen, sagt auch Nordafrika-Experte Achy. "Es wäre gar nicht schlecht, wenn er für eine Weile bliebe. Er kennt das Ministerium und weiß, wie er die Sicherheitskräfte unter Kontrolle hält."

Trotz der drohenden Leerstelle an der Staatspitze ist die Lage für Libyen nicht hoffnungslos, darin sind sich Experten einig. Vor allem eins nährt die Hoffnung, dass das nordafrikanische Land die Kehrtwende schafft: die gigantischen Öl- und Gasreserven, die Libyen zumindest finanziell über die Runden bringen werden. Das Bruttoinlandsprodukt Libyens liegt bei 90 Milliarden Dollar jährlich. Damit ist das Land mit gerade mal sechseinhalb Millionen Einwohnern einer der reichsten Staaten Afrikas.

Das dicke Ölgeld-Polster werde helfen, das Land von Grund auf neu aufzubauen, sagt Maghreb-Experte Achy. Politisch jedoch stünden Libyen schwere Zeiten bevor. Libyen sei viel komplizierter als seine Nachbarn Tunesien oder Ägypten. "Ich glaube, es ist das komplizierteste Land der Erde", so Achy.

URL:


Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH