Kairo - Sie trauen dem Militär nicht: In Ägyptens Hauptstadt protestieren erneut Tausende Menschen auf dem Tahrir-Platz. Lautstark forderten sie in der Nacht zum Mittwoch in Kairo die sofortige Ablösung des Militärrats: "Verschwinde, verschwinde!", skandierten die Demonstranten - und meinten damit Militärchef Mohammed Hussein Tantawi.
Dieser hatte zuvor in einer Fernsehansprache vergeblich versucht, das Vertrauen der Demonstranten zu gewinnen. Tantawi legte einen Zeitplan für die Machtübergabe vor. Auch kündigte er Präsidentenwahlen bis spätestens Ende Juni an. Die Armee werde umgehend die Macht abgeben, sollten sich die Ägypter in einer Volksabstimmung dafür entscheiden, sagte er. Dies brachte viele der Demonstranten auf: Sie fürchten, dass durch eine Volksabstimmung ein Riss durch das Land gehen könnte.
Verletzte werden in provisorische Kliniken gebracht
Die Militär-Gegner kündigten an, sie wollten den Tahrir-Platz so lange besetzen, bis ihre Forderungen erfüllt seien. In den Seitenstraßen kam es zu Auseinandersetzungen. Demonstranten kreisten das Innenministerium ein, wie SPIEGEL-ONLINE-Reporter Matthias Gebauer berichtete. Es liegt einige Blocks vom Platz entfernt. Die Demonstranten lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei und dem Militär. Dabei warfen sie Steine auf die Sicherheitskräfte. Diese feuerten Gas-Kartuschen und Schrot-Munition in die Menge. Die Straßen waren erfüllt von Tränengasnebel.
Genaue Angaben gibt es über die Anzahl der Verletzten nicht: Viele leiden unter den Folgen von Tränengas- oder CS-Gas-Einsätzen, die sich mit Reinigungslösung schnell mildern lassen. Allerdings kommen auch immer wieder junge Männer mit Verletzungen von Schrotgewehren in die Kliniken. Ob sie von Gummi- oder Metallgeschossen stammen, ist unklar. Im Gegensatz zu den Auseinandersetzungen im Januar schießen die Sicherheitskräfte mittlerweile auf Oberkörper und Gesichter der Demonstranten und verwunden sie dort.
Auch in der Hafenstadt Alexandria gingen zahlreiche Aktivisten auf die Straße. Dort kam ein 38-jähriger Mann ums Leben. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums wurde er mit einem Kopfschuss getötet.
US-Regierung kritisiert gewaltsames Vorgehen der Polizei
Seit Samstag sind bei den Krawallen nach Angaben von Medizinern und Juristen mindestens 35 Menschen allein rund um den Tahrir-Platz getötet worden. Tausende sollen verletzt worden sein, viele durch Tränengas. Der für kommenden Montag geplante Beginn der Parlamentswahlen soll trotz der Proteste und Gewalt nicht verschoben werden.
Die US-Regierung begrüßte die jüngsten Ankündigungen des ägyptischen Militärrats. Außenministeriumssprecherin Victoria Nuland lobte insbesondere das Festhalten an der Durchführung der Parlamentswahl und die geplante Machtübergabe an eine zivile Regierung bis spätestens Juli 2012. Zugleich kritisierte Nuland jedoch das zuletzt gewaltsame Vorgehen der ägyptischen Polizei gegen Demonstranten. Der Militärrat müsse für eine maximale Zurückhaltung der Sicherheitskräfte sorgen, hieß es in Washington.
Der für kommenden Montag geplante Beginn der Parlamentswahlen soll trotz der Proteste und Gewalt nicht verschoben werden. Amnesty International erhob schwere Vorwürfe: Die Tradition der Unterdrückung aus der Mubarak-Ära werde fortgesetzt, kritisierten die Menschenrechtsaktivisten in einem Bericht. Friedliche Proteste würden regelmäßig gewaltsam aufgelöst. In den vergangenen Monaten sei mehr als 12.000 Zivilisten vor Militärgerichten ein unfairer Prozess gemacht worden. Folter gehöre ebenfalls zu den Methoden der Generäle.
heb/mgb/dpa/Reuters/dapd
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