Machtprobe in Ägypten: Demonstranten trotzen Militärs in Kairo

Ägyptens Generäle haben für Juli 2012 die Machtübergabe angekündigt  - trotzdem verschärft sich die Lage in Kairo. Tausende Demonstranten harren auf dem Tahrir-Platz aus und liefern sich Straßenschlachten mit den Sicherheitskräften. Sie fordern den sofortigen Rücktritt des Militärrats.

Kairo - Sie trauen dem Militär nicht: In Ägyptens Hauptstadt protestieren erneut Tausende Menschen auf dem Tahrir-Platz. Lautstark forderten sie in der Nacht zum Mittwoch in Kairo die sofortige Ablösung des Militärrats: "Verschwinde, verschwinde!", skandierten die Demonstranten - und meinten damit Militärchef Mohammed Hussein Tantawi.

Dieser hatte zuvor in einer Fernsehansprache vergeblich versucht, das Vertrauen der Demonstranten zu gewinnen. Tantawi legte einen Zeitplan für die Machtübergabe vor. Auch kündigte er Präsidentenwahlen bis spätestens Ende Juni an. Die Armee werde umgehend die Macht abgeben, sollten sich die Ägypter in einer Volksabstimmung dafür entscheiden, sagte er. Dies brachte viele der Demonstranten auf: Sie fürchten, dass durch eine Volksabstimmung ein Riss durch das Land gehen könnte.

Verletzte werden in provisorische Kliniken gebracht

Die Militär-Gegner kündigten an, sie wollten den Tahrir-Platz so lange besetzen, bis ihre Forderungen erfüllt seien. In den Seitenstraßen kam es zu Auseinandersetzungen. Demonstranten kreisten das Innenministerium ein, wie SPIEGEL-ONLINE-Reporter Matthias Gebauer berichtete. Es liegt einige Blocks vom Platz entfernt. Die Demonstranten lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei und dem Militär. Dabei warfen sie Steine auf die Sicherheitskräfte. Diese feuerten Gas-Kartuschen und Schrot-Munition in die Menge. Die Straßen waren erfüllt von Tränengasnebel.

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Proteste in Kairo: Machtkampf auf dem Tahrir-Platz
Mit Motorrädern rasten vermummte Fahrer mit Gasmasken aus der Menschenmenge und brachten Verletzte in die provisorischen Kliniken, die meisten davon sind in Moscheen, eine auch in einer evangelischen Kirche eingerichtet.

Genaue Angaben gibt es über die Anzahl der Verletzten nicht: Viele leiden unter den Folgen von Tränengas- oder CS-Gas-Einsätzen, die sich mit Reinigungslösung schnell mildern lassen. Allerdings kommen auch immer wieder junge Männer mit Verletzungen von Schrotgewehren in die Kliniken. Ob sie von Gummi- oder Metallgeschossen stammen, ist unklar. Im Gegensatz zu den Auseinandersetzungen im Januar schießen die Sicherheitskräfte mittlerweile auf Oberkörper und Gesichter der Demonstranten und verwunden sie dort.

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Ägypten: Demonstranten im Tränengas-Nebel
Am Mittwochmorgen beruhigte sich die Lage um den Tahrir-Platz etwas. Augenzeugen sagten, die Zahl der Protestierenden habe deutlich abgenommen. Die Militärpolizei habe Polizisten und Demonstranten getrennt.

Auch in der Hafenstadt Alexandria gingen zahlreiche Aktivisten auf die Straße. Dort kam ein 38-jähriger Mann ums Leben. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums wurde er mit einem Kopfschuss getötet.

US-Regierung kritisiert gewaltsames Vorgehen der Polizei

Seit Samstag sind bei den Krawallen nach Angaben von Medizinern und Juristen mindestens 35 Menschen allein rund um den Tahrir-Platz getötet worden. Tausende sollen verletzt worden sein, viele durch Tränengas. Der für kommenden Montag geplante Beginn der Parlamentswahlen soll trotz der Proteste und Gewalt nicht verschoben werden.

Die US-Regierung begrüßte die jüngsten Ankündigungen des ägyptischen Militärrats. Außenministeriumssprecherin Victoria Nuland lobte insbesondere das Festhalten an der Durchführung der Parlamentswahl und die geplante Machtübergabe an eine zivile Regierung bis spätestens Juli 2012. Zugleich kritisierte Nuland jedoch das zuletzt gewaltsame Vorgehen der ägyptischen Polizei gegen Demonstranten. Der Militärrat müsse für eine maximale Zurückhaltung der Sicherheitskräfte sorgen, hieß es in Washington.

Der für kommenden Montag geplante Beginn der Parlamentswahlen soll trotz der Proteste und Gewalt nicht verschoben werden. Amnesty International erhob schwere Vorwürfe: Die Tradition der Unterdrückung aus der Mubarak-Ära werde fortgesetzt, kritisierten die Menschenrechtsaktivisten in einem Bericht. Friedliche Proteste würden regelmäßig gewaltsam aufgelöst. In den vergangenen Monaten sei mehr als 12.000 Zivilisten vor Militärgerichten ein unfairer Prozess gemacht worden. Folter gehöre ebenfalls zu den Methoden der Generäle.

heb/mgb/dpa/Reuters/dapd

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insgesamt 18 Beiträge
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1. Demonstranten
Clawog 23.11.2011
Inkompetenz, Machtgier, Arroganz auf der einen Seite und ein Volk seit Generationen in tiefer Armut, ohne Chancen und schon gar nicht auf Bildung und einer Zukunft mit Perspektiven auf der anderen. Das ist ein explosives Mix, denn dann hilft nur noch brutale Gewalt als Selbstverteidigung. Ähnlich ist es in Europa. Nur dort zerstört die Demokratie, der subventionierte Wohlstand, ein Verlust der Vernunft und die übertriebene Toleranz die Werte, welche der Mensch zu einem geordneten Leben braucht. Beide Fälle führen in die Anarchie, eine Form von Selektion. Also lassen wir uns doch von diesem Naturschauspiel beeindrucken, denn dagegen gibt es kein Mittel.
2. Verstehe die Generale nicht
dick_&_durstig 23.11.2011
Wenn die Soldaten (Sicherheitskräfte) in den Kasernen blieben, wäre die Schreierei der Demonstranten wirkungslos. Aber so, kann sich die Eskalation aufschaukeln.
3. Und?
panzerknacker51 23.11.2011
Wo bleibt denn jetzt die NATO, um mit einem UNO-Mandat den Schutz der Zivilbevölkerung sicherzustellen?
4.
Erhan24 23.11.2011
"Tear gas with nerve agent & live ammunition being used against civilians in Tahrir. A massacre is taking place" https://twitter.com/#!/ElBaradei/status/139081472064761856 "Mohammed el-Baradei (arabisch ‏محمد البرادعي‎ Muḥammad Muṣṭafa al-Barādaʿī; * 17. Juni 1942 in Kairo/Ägypten) ist ein ägyptischer Diplomat. Er war von 1997 bis zum 30. November 2009 Generaldirektor der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO) und erhielt zusammen mit dieser im Jahr 2005 den Friedensnobelpreis." Ich wünsche den Ägyptern viel Glück!
5. Zu früh zum Jubeln
Rübezahl 23.11.2011
Zitat von sysopSie fordern den sofortigen Rücktritt des Militärrats. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,799376,00.html
Auch ,wenn der arabische Frühling gelingt, was ich dem Volk wünsche, ist es noch nicht gesagt,das die Revolution des Volkes, sich für den Westen posetiv entwickelt.Vielleicht wird hier zu früh gejubelt und es gibt ein schreckliches Erwachen
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Fläche: 1.002.000 km²

Bevölkerung: 81,121 Mio.

Hauptstadt: Kairo

Staatsoberhaupt:
Adli Mansur (interimistisch)

Regierungschef: Ibrahim Mahlab

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