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Machtstruktur in Libyen: "In einer neuen Regierung werden mehr Stämme vertreten sein"

Jahrzehntelang ist es Libyens Dauerdespot Gaddafi gelungen, den politischen Einfluss der Stämme im Land auszutarieren - damit ist es nun wohl vorbei. Nahost-Experte Hanspeter Mattes prophezeit im Interview eine neue Ära der traditionellen Machthaber.

Aufstand in Libyen: Das letzte Gefecht Fotos
Reuters/ Libyan State Television

SPIEGEL ONLINE: Beim Umsturz in Ägypten hat das Militär eine entscheidende Rolle gespielt. Warum ist das in Libyen anders?

Mattes: Die unterschiedliche Rolle des libyschen Militärs hängt mit der anderen gesellschaftlichen Struktur zusammen. Libyen zählt zusammen mit dem Jemen und Jordanien zu denjenigen arabischen Staaten, in denen die Stämme seit Jahrhunderten eine zentrale soziale und politische Rolle spielen. Im weitgehend von Wüsten geprägten Libyen ist diese Rolle der beduinischen Lebensweise geschuldet, die bis ins 20. Jahrhundert dominierend war. Nur der Zusammenhalt der Stämme sicherte hier das Überleben.

SPIEGEL ONLINE: Wie wirkt sich diese Stammesstruktur in der politischen Praxis aus?

Mattes: Die Machtübernahme durch Muammar al-Gaddafi 1969 führte dazu, dass Vertreter des Gadaffi-Stammes (Qadhadhifa) sowie der mit ihm verbündeten Stämme Maqarha und Warfalla alle zentralen Posten im Sicherheitsbereich, also bei Streitkräften, Polizei und Geheimdienst, übernahmen und so ihre Herrschaft absicherten. Im Falle offener politischer Opposition, die die Herrschaft der drei Stämme in Frage stellte, war deshalb nie zu erwarten, dass sich die Mitglieder der Stämme im Sicherheitsbereich vom eigenen Stamm lossagten und zur Opposition überliefen. Eine solche Situation hat sich erst jetzt ergeben, weil der bislang verbündete Warfalla-Stamm auf Distanz zum Gaddafi-Stamm gegangen ist und den harten Kurs gegen die Opposition nicht mitträgt. Die Warfalla können sich diesen Kurswechsel erlauben, weil sie ein mächtiger Stamm sind. Kleinere Stämme haben diese Wahl weniger.

SPIEGEL ONLINE: Es scheint, als kämen in Libyen sehr viele verschiedene Interessensgruppen zusammen. Wie groß ist denn der tatsächliche Einfluss der jeweiligen Stämme?

Mattes: In Libyen gibt es rund 140 Stämme und einflussreiche Großfamilien, von denen nach Einschätzung des libyschen Historikers Faraj A. Najm aber nur 30 tatsächlich über politischen Einfluss verfügen.

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Libyen: Städte, Ethnien, Ölleitungen
SPIEGEL ONLINE: Hat die Machtergreifung Gaddafis Ende der sechziger Jahre am Gleichgewicht der Stämme etwas geändert?

Mattes: In Tripolitanien - also in Nordwestlibyen - spielt traditionell neben den Wana Farsha und den Tarhunis der Warfalla-Stamm eine zentrale Rolle. Der mit dem Warfalla-Stamm liierte kleine und eigentlich unbedeutende Gaddafi-Stamm, dessen Territorium sich östlich in der Region Sirt anschließt, schwang sich erst durch die Machtergreifung Gaddafis 1969 zu einem politisch zentralen und dominanten Stamm auf, konnte diese Stellung seither aber durch eingegangene Stammesallianzen halten.

SPIEGEL ONLINE: Es haben allein die Stämme das Sagen? Oder gibt es auch noch andere Faktoren?

Mattes: Politisch einflussreich waren und sind neben den traditionellen Stämmen die in Tripolis und den wenigen anderen großen Küstenstädten wie Bengasi, Misurata oder Zuwara lebenden Clan- oder Großfamilien. Aus diesen rekrutierten sich während der Sanusi-Monarchie bis 1969 Ministerpräsidenten und zahlreiche Minister - eine Entwicklung, die sich nach 1969 eingeschränkt fortsetzte.

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1. Aus für Ghaddafi
pendare_nik, 22.02.2011
Zitat von sysopLibyens Regime schießt offenbar aus Kampfflugzeugen und Hubschraubern auf Demonstranten, es gibt Hunderte Tote. Doch die Regierungskritiker protestieren weiter. Die Macht droht Diktator Gaddafi zu entgleiten - nun haben sich auch wichtige Stämme von ihm distanziert. Wie lange kann Gaddafi sich noch halten?
Die Entfernung von Ghazzafi scheint kurz bevor zu stehen, der Goldpreis hat sich schon wieder etwas beruhigt, die Ungewissheit ist bald zuende. Die Bedeutung des Sturzes Ghaddafis liegt darin, dass andere Diktatoren, von Marokko bis Saudi Arabien, jetzt Angst vor dem Volk haben. Hier sollte ein Exemple statuiert werden, an dem sich andere Politiker und Machthaber orientieren können. Ob es aber zu einem Schauprozess kommen wird, ist fraglich, Ghaddafi hat viele gute Freund, wie z.B. Berlusconi: "der italienische Ministerpräsident [hat sich] von seinem «guten Freund» Ghadhafi distanziert" http://www.nzz.ch/nachrichten/politik/international/berlusconi_verurteilt_inakzeptable_gewalt_in_libyen_1.9637778.html Sag mir, wer deine Freunde sind, dann sag ich wer du bist.
2. Wer kann das schon wissen
Katzenfreund, 22.02.2011
Im Augenblick ist es kaum möglich darüber Aussagen zu machen. Es steht ja noch nicht einmal fest wer in Libyen die Oberhand behält.Gelingt es G. an der Macht zu bleiben,oder nicht?
3. Geht ja schnell
Akku, 22.02.2011
Haben die Amerikaner schon jemand für seine Nachfolge festgelegt?
4. Militär
naabaya 22.02.2011
Zitat von AkkuHaben die Amerikaner schon jemand für seine Nachfolge festgelegt?
Irgendein General wirds schon machen. Wie soll man auf die Schnelle eine demokratische Regierung installieren? Weiter gehts nach Schema F!
5. Was passiert
Katzenfreund, 22.02.2011
Was passiert eigentlich,sollte das alte Regime stürtzen. In Libyen gibt es keine Parteien. Wer oder was soll die Regierungsgeschäfte führen? Wer bestimmt wer die Staatsgewalt übernimmt. Was werden die Clans machen? Werden sich die Clans gegenseitig bekämpfen? Oder werden die Clans zusammenarbeiten? Wer entscheidet wie die Gas und Öl Einnahmen verteilt werden? Wer sichert die Grenzen? Es gibt viele Fragen und keine Antworten.
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Zur Person
Hanspeter Mattes, Jahrgang 1951, ist Vize-Direktor am Institut für Nahost-Studien des German Institute of Global and Area Studies (GIGA) in Hamburg. Er beschäftigt sich unter anderem mit der politischen Entwicklung in den Maghreb-Staaten mit Schwerpunkt auf Libyen. Von 2002 bis 2007 war er stellvertretender Direktor des Deutschen Orient-Instituts.


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Fläche: 1.676.198 km²

Bevölkerung: 6,253 Mio.

Hauptstadt: Tripolis

Staatsoberhaupt und Regierungschef:
Fayez Sarraj (Präsident des Präsidialrates)

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