Von Bernhard Zand, Peking
Es läuft ab wie vor 25 Jahren, wie vor 20 und wie vor zehn: In Peking geht eine Tür auf, und heraus treten im Gänsemarsch ein paar Herren mit schwarzem Haar, dunklen Anzügen und unauffälligen Krawatten. Es sind die neuen Führer Chinas, eines Landes, das allerdings ein ganz anderes ist als vor zehn, vor 20, erst recht vor 25 Jahren.
Doch über die atemberaubende Veränderung des Landes draußen vor der Großen Halle des Volkes setzt sich das Protokoll der Kommunistischen Partei so souverän hinweg wie ein vatikanisches Konklave. Nach monatelangem Machtgerangel und einer Woche Parteitag präsentiert die KP an diesem Morgen die sieben Männer im Ständigen Ausschuss ihres Politbüros:
Xi Jinping, 59, ausgesprochen Chi Dschinping, ist Parteichef und wird im März Staatspräsident. Li Keqiang, 57, ausgesprochen Li Ketjiang, ist Nummer zwei in der Partei. Ob er wie erwartet im März Ministerpräsident wird oder Chef des Nationalen Volkskongresses, bleibt zunächst offen.
Man muss kein Pekingologe sein, um auf den ersten Blick zu sehen, wer der Boss dieser starken Sieben ist: Lächelnd tritt Xi Jinping ans Pult, entschuldigt sich - zur Überraschung der seit mehr als einer Stunde wartenden Reporter - höflich für die Verspätung und stellt dann seine Männer vor. Er spricht zunächst frei, schaut mal nach links und mal nach rechts und verhaspelt sich nie. Xi sei ein Mann, der "in sich ruht", so haben ihn westliche Politiker beschrieben. Diesen Eindruck macht er auch an seinem ersten Tag als Parteichef.
Xi verspricht ein besseres Leben für alle
Das fällt vor allem im Vergleich zu fünf der anderen auf, die auf der Bühne stehen. Etwas verlegen treten sie einen Schritt vor, als Xi sie anspricht. Einer versucht ein Lächeln, Li Keqiang sogar ein kurzes Winken - aber dieselbe Entspannung wie der Chef strahlt nur der Mann ganz rechts aus, der sich erlaubt, gelegentlich vom einen Standbein aufs andere zu wechseln. Das ist Wang Qishan, der bisherige Vizepremier für Wirtschaft und Finanzen, dem die Partei offenbar viel zutraut: Gestern hat ihn das Zentralkomitee zum Chef der Disziplinarkommission gewählt. Er wird viel zu tun haben.
Das nämlich ist eine der Hauptbotschaften der kurzen Rede, die Xi der Vorstellungsrunde folgen lässt. Einige Parteimitglieder hätten sich schwere Fehler zuschulden kommen lassen in letzter Zeit, sie seien korrupt und bestechlich gewesen. In solchen Fällen werde die Regierung künftig "hart zuschlagen", sagt Xi. Er nennt Bo Xilai ebenso wenig beim Namen wie den wegen Korruption gefeuerten Eisenbahnminister Liu Zhijun - und doch wirkt seine Drohung glaubwürdiger als die seines Vorgängers Hu Jintao, der bei seiner Abschiedsrede vergangenen Donnerstag ähnliche Themen ansprach.
Dreimal fällt während Xis Ansprache der Begriff "ethnische Gruppen", das ist eine Akzentuierung im Vergleich zur Rede Hus - eine höchst aktuelle und beklemmende: Mehr als 60 tibetische Mönche haben sich seit dem Frühjahr selbst verbrannt, Xi scheint klar zu sein, dass das Regime diese Tragödie nicht ignorieren kann.
Mehrfach preist Xi "das Volk" für seine Geduld beim Aufbau des Landes. Um die soziale Sicherheit, um "ein besseres Leben" der Menschen gehe es künftig. Nicht ganz die "happiness", die in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung steht und nach der sich viele Chinesen sehnen, aber immerhin.
Am kollektivistischen Weltbild der Partei aber lässt Xi keinen Zweifel. Die Fähigkeiten jedes Individuums seien "begrenzt", die der Partei im Ganzen aber nicht. Die Verantwortung der Führung, sagt Xi, möge so hoch sein wie der Tai Shan, einer der fünf heiligen Berge des Daoismus. Solange sie aber am "Sozialismus mit chinesischen Merkmalen" festhalte, sei ihr die Zukunft sicher.
Da ist, unverkennbar, der dogmatische Kern, den die Partei so gerne konservieren möchte, der mit dem Leben so vieler Chinesen aber immer weniger zu tun hat. An diesem Kern wird die Partei unter Xi Jinping und seinem Team festhalten. Aber der Ton, das deutet seine Rede an, könnte bald ein anderer sein.
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