Machtwechsel in Libyen Milizen gefährden den Frieden von Tripolis

Zwei Monate ist Muammar al-Gaddafis tot, aber Libyen kommt nicht zur Ruhe: Das Ende des Diktators könnte der Anfang des totalen Zerfalls des Landes gewesen sein. Vor allem die schwer bewaffneten Milizen sind nicht unter Kontrolle zu bringen.

Von Ulrike Putz, Beirut

REUTERS

Wer wissen will, wie schlimm es um Libyen steht, muss sich nur die Chronik der vergangenen Woche anschauen: Sie begann am vergangenen Sonntag mit dem Versuch von Ex-Rebellen, den neuen Oberbefehlshaber der libyschen Armee zu ermorden.

Es war bereits der zweite Anschlag auf General Khalifa Hifter durch Rebellentruppen, die sich diesen Sommer zusammengefunden hatten, um gegen das Regime Muammar al-Gaddafis zu kämpfen. Er ereignete sich, als sein Konvoi in die Nähe des Flughafens von Tripolis geriet. In ihm haben sich seit dem Tod Gaddafis vor knapp zwei Monaten Ex-Rebellen aus der westlichen Bergstadt Zintan verschanzt. Sie denken gar nicht daran, ihre Stellung oder gar ihre Waffen aufzugeben.

Am Montag dann versprach die neue libysche Regierung, die Macht der marodierenden Ex-Rebellen zu beschneiden - jedoch nicht sofort. In 100 Tagen würden die Armee und die Polizei einsatzbereit sein und könnten dann Ordnung und Sicherheit wiederherstellen, versprach der Vorsitzenden des Nationalen Übergangsrates, Mustafa Abdul Dschalil.

Dann ist es womöglich schon zu spät: Denn mit jedem Tag, an dem die schwer bewaffneten und vom monatelangen Krieg verrohten Ex-Rebellen unkontrolliert ihr Unwesen treiben können, reißt das empfindliche Gewebe der libyschen Gesellschaft weiter ein. Ereignisse wie das am Dienstag schlagen Wunden, die lange schwären werden: Ex-Kämpfer aus Zintan zettelten eine gewaltsame Auseinandersetzung mit einem traditionell verfeindeten Nachbarstamm an. Dabei wurden nach Berichten der Nachrichtenagentur Reuters auch Raketenwerfer und Artillerie eingesetzt. Vier Menschen starben - es wäre ein Wunder, wenn ihre Verwandten nicht schon Blutrache planten.

Libyen scheint der Willkür von schwer bewaffneten Milizen ausgesetzt

Nach mehr als 40 Jahren Gewaltherrschaft durch den ewigen Oberst Gaddafi ist Libyen in diesen Wochen nicht etwa auf dem Weg in eine bessere Zukunft, sondern offenbar der Willkür von schwer bewaffneten Milizen ausgesetzt. Damit scheint sich ein Schreckensszenario der Skeptiker des Nato-Einsatzes im Libyen-Krieg zu bewahrheiten. Das Ölland, dessen ethnisch und kulturell stark unterschiedliche Bevölkerung durch die abwechslungsreiche Geographie - Wüste, Mittelmeerküste, hohe Gebirge - geprägt ist, steht vor dem Auseinanderbrechen.

Der amtierende Übergangsrat hat - erst recht ohne funktionierende Armee und Polizei - nicht das politische Werkzeug, um dem Chaos Herr zu werden. Zwar bemühen sich die Ratsherren, die Rebellen in den Aufbau einer neuen Staatstruktur einzubinden. Im November ernannte Abdurrahim al-Keib, der als Libyens Ministerpräsident amtiert, Rebellenkommandeure aus Misurata und Zintan zum Verteidigungs- beziehungsweise Innenminister. Ein Ende der Gewalt brachte das jedoch nicht.

Der Rat arbeitet deshalb derzeit nach dem Prinzip Hoffnung. Am Dienstag forderte er Milizionäre, die sich nach dem Fall Gaddafis in Tripolis eingenistet haben, auf, bis Ende Dezember in ihre jeweiligen Heimatprovinzen zurückzukehren. Es scheint unwahrscheinlich, dass die jungen Männer der Aufforderung nachkommen werden.

Die ehemaligen Kämpfer gerieren sich als eine Art inoffizielle Polizei

Kämpfer aus Bengasi haben Zimmer im Grand Hotel an der Strandpromenade für sich konfisziert, Männer aus Zintan sich in den Ferienhäusern geflohener Gaddafi-Anhänger eingerichtet. Die ehemaligen Kämpfer gerieren sich in der Hauptstadt als eine Art inoffizielle Polizei, betreiben Checkpoints und haben die Bevölkerung gegen sich aufgebracht. Anfang Dezember demonstrierten Tausende entnervter Tripolitaner gegen die Banden von Ex-Kämpfern.

Man müsse die Ex-Rebellen verstehen, warb Innenminister Keib jüngst in einem BBC-Interview um Verständnis für die Anti-Gaddafi-Kämpfer. Diese jungen Männer hätten ihr Leben riskiert, um die Diktatur zu beenden, stünden nach ihrem Ende nun jedoch ohne Perspektive da. "Wir wollen ihnen Möglichkeiten eröffnen, sowohl in der nationalen Armee und der Polizei als auch außerhalb", sagte Keib dem Sender. Man müsse den Jugendlichen vermitteln, dass sie auch im neuen, zivilen Libyen geschätzt würden, so wie in den Monaten des Krieges. Bis die Ex-Kämpfer wieder unter Kontrolle gebracht worden seien, müsse das Volk sich in Geduld üben, sagte der Ratsvorsitzende Dschalil kürzlich. "Ich versichere den Libyern, dass eine Menge getan werden wird", versprach er: "Seid geduldig."

Der Rat kündigte an, die einstmals auf Tripolis vereinte Macht im Land zu verteilen. Danach soll die Rebellenhauptstadt Bengasi zur Wirtschaftsmetropole werden, auch das Ölministerium soll dorthin umziehen. Misurata soll das Finanzministerium bekommen, Darna im Osten Sitz des Kulturministeriums sein. Ob diese Maßnahmen tatsächlich Regierungsfähgeit und die wirtschaftliche Lage im Land verbessern und den Menschen Arbeit verschaffen, ist dahingestellt.

Doch ohne die Hoffnung auf einen Arbeitsplatz, über den sie sich wieder in die Zivilgesellschaft eingliedern können, sehen viele der jungen Ex-Rebellen keinen Anreiz, ihre Waffen niederzulegen.

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Seite 1
otla.pinnow 17.12.2011
1. Sie sind zu pessimistisch I
Zitat von sysopZwei Monate ist Muammar al-Gaddafis tot, aber Libyen kommt nicht zur Ruhe: Das Ende des Diktators könnte der Anfang*des totalen Zerfalls des Landes gewesen sein. Vor allem die schwer bewaffneten Milizen sind nicht unter Kontrolle zu bringen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,804254,00.html
Es gibt mehrere Probleme in Libyen, die aber wohl hauptsächlich daraus resultieren, dass manch einer meint, für das Volk Pläne machen zu müssen; das Volk jedoch hat seine eigenen Pläne. Das Hauptproblem sind sicherlich die Brigaden. Hier wurden in den Medien immer schön die Kämpfer präsentiert, die eigentlich Lehrer, Studenten oder Ingenieure waren. Tatsächlich aber ist Libyens Gesellschaft gespalten. Gaddafi folgte dem nationalsozialistischen Ideal des wilden, natürlichen Mannes. Der braucht nicht viel Erziehung und Bildung, entsprechend war das Bildungssystem. Als Fremdsprache höchstens bisschen Englisch, ansonsten bestand die Hälfte des Unterrichts aus dem Grünen Buch - und nicht wenig Unterrichtszeit ging für Demonstrationen drauf, zu denen die Schüler gekarrt wurden. Und Manieren braucht der wilde Stammesbruder natürlich auch nicht; der handelt nach seinen Gefühlsimpulsen. Gerade diese jungen Leute, geistig praktisch noch Kinder, die nie das Land, manchmal noch nicht mal ihr Dorf verlassen hatten und als Verwundete im Ausland nicht immer unproblematisch sind, haben aber die größten Opfer im Kampf gegen das Gaddafi-Regime gebracht. Sie in eine zivilisierte Gesellschaft zu integrieren ist eine Riesenaufgabe. Da wird einiges an Anstrengungen unternommen. Nicht nur Aufnahme in Militär und Polizei, sondern auch Jobtrainingsprogramme oder Aktionen, wie jüngst in Tripolis, das Gewehr gegen einen Besen zu tauschen zwecks gemeinsamer Stadtreinigung. Auf der anderen Seite der Nachwuchs der berühmten 'guten Familien', für die in traditioneller Frömmigkeit Bildung immer noch Gottesdienst ist und die privat alle möglichen Anstrengungen unternommen haben, sie ihren Kindern zu ermöglichen. Das sind junge Leute bis Leute mittleren Alters, Männer wie Frauen, meist Akademiker, oft mit Auslandserfahrung, nicht selten polyglott, die international problemlos konkurrenzfähig sind. Wie gesagt: Integration der sozialen Schichten ist in Libyen eine gewaltige Aufgabe.
martin-gott@gmx.de 17.12.2011
2.
Zitat von sysopZwei Monate ist Muammar al-Gaddafis tot, aber Libyen kommt nicht zur Ruhe: Das Ende des Diktators könnte der Anfang*des totalen Zerfalls des Landes gewesen sein. Vor allem die schwer bewaffneten Milizen sind nicht unter Kontrolle zu bringen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,804254,00.html
das erwartet Chaos gewinnt die Oberhand und am Ende wird Libyen von Islamisten gerettet die wahrscheinlich am besten in der Lage sein werden die Situation auszunutzen
keppler 17.12.2011
3. Könnten
Zitat von martin-gott@gmx.dedas erwartet Chaos gewinnt die Oberhand und am Ende wird Libyen von Islamisten gerettet die wahrscheinlich am besten in der Lage sein werden die Situation auszunutzen
die Taliban dort nicht eine Filiale eröffnen? Dann hätten wir AFG vor unserer Haustür, dank der weisen Politik der Franzosen u. Briten.
hardliner1 17.12.2011
4. Gründlich geirrt
Zitat von sysopZwei Monate ist Muammar al-Gaddafis tot, aber Libyen kommt nicht zur Ruhe: Das Ende des Diktators könnte der Anfang*des totalen Zerfalls des Landes gewesen sein. Vor allem die schwer bewaffneten Milizen sind nicht unter Kontrolle zu bringen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,804254,00.html
Die Skeptiker wie ich haben recht behalten, die Euphoriker in Sachen arabischer Frühling haben sich gründlich geirrt. Wie erfreulich, dass sich Westerwelle bei der UN enthalten hat (was wurde er dafür von Sozen und Grünen beschimpft!). Mancher sollte bei Guido Abbitte leisten. Angesichts der Entwicklungen in Libyen kann man nur eines sagen: Danke NATO, ihr habt dieses Chaos herbeigebombt. Ägypten, Libyen - was kommt in Marokko und Tunesien?
Al1959 17.12.2011
5. Geht's noch?
Zitat von sysopZwei Monate ist Muammar al-Gaddafis tot, aber Libyen kommt nicht zur Ruhe: Das Ende des Diktators könnte der Anfang*des totalen Zerfalls des Landes gewesen sein. Vor allem die schwer bewaffneten Milizen sind nicht unter Kontrolle zu bringen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,804254,00.html
Soll das heissen dass sich jemand über die Entwicklung wundert!? Man sollte eigentlich meinen dass die "Experten" bevor man einen bewaffneten Konflikt beginnt über die Folgen reflektieren. Bombadieren ist schnell getan was dann geschieht sollte sorgsam abgewägt sein. In Afghanistan versorgte man die Taliban gegen die UDSSR mit Waffen aller Art und auch der entsprechenden Ausbildung, gegen wenn kämpfen die Taliban zur Zeit? Im Irak hat man den unsäglichen Saddam an den Galgen gehängt, wie ergeht es seither der, noch lebenden, Zivilbevölkerung? In Lybien wundert man sich über unbezähmbare Milizen. In Tunesien sieht es auch nach "enduring freedom" aus, oder? Ägypten wird sich in der Hand der wohl zukünftigen Machthaber auch zum Pardies auf Erden entwickeln. Auf nach Sharm-el-Sheik und packt schon 'mal den Burka ein, denn Bikini ist wohl bald nicht mehr. Alles wunderbar! Sagte doch 'mal ein , in gewissen Kreisen verehrter, Mensch: Wer Gewalt sät wird Frieden ernten, ne.
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